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05.02.2013

18:23 Uhr

Kommentar

Dokument des Versagens

VonAxel Postinett

Der Computerhersteller Dell verliert seit Jahren an Boden. Er hat wichtige Trends verschlafen. Die Ursprungsidee von Dell war genial: preiswerte Computer. Doch sie funktioniert nicht noch einmal.

Firmengründer Michael Dell braucht neue Ideen. AFP

Firmengründer Michael Dell braucht neue Ideen.

San FranciscoDell wird privatisiert. Ohne die prüfenden Blicke der Öffentlichkeit und die schonungslose Offenlegung von Schwachstellen durch Analysten will Michael Dell sein Lebenswerk und sein Vermögen retten. Dell verliert seit Jahren im PC-Geschäft an Boden und unter seiner Führung, das muss klar gesagt werden, wurden wichtige Trends wie der Smartphone- und vor allem der Tablet-Boom verpasst. Das hat sich gerächt.

Ist die Privatisierung die einzige Möglichkeit, um ein Unternehmen in dieser Situation noch einmal umzubauen? Nein, das hat Steve Jobs mit einer Rettungsaktion gezeigt, die ihresgleichen sucht. Apple stand 90 Tage vor der Insolvenz, Jobs hielt das Papier an der Börse. Was Apple letztlich zurück und ganz an die Spitze brachte, waren gute Produkte und innovative Ideen. Aber Michael Dell ist nicht Steve Jobs.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett

Trotzdem hat die Privatisierung auch Vorteile. Zum einen ist es ein Signal an die Kunden: „Bleibt ruhig, ihr seid sicher“. Seit dem legendären Kommunikations-Gau bei HP, als Ex-Vorstandschef Leó Apotheker mal eben so nebenbei ankündigte, man überlege die PC-Sparte abzustoßen, reagieren die Kunden extrem empfindlich. HP musste Monate darauf verwenden, seine Großkunden zu beruhigen. Die investieren Millionen und wollen Kontinuität. Dell hat daraus gelernt und kann diesen Fehler jetzt vermeiden. Merke: Es geht nicht nur um die Börse. Es geht um die Kunden.

Es wird dramatische Änderungen geben, das machte schon der stille Abschied von Dells Chief Strategy Officer David Johnson vor wenigen Wochen klar. Aber Dell wird das PC-Geschäft nicht verkaufen. Schon aus dem einfachen Grund, weil noch nichts da ist, was es ersetzen könnte. So schwierig die Situation ist, immer noch liefert die PC-Sparte den nötigen Cash-Flow, um die neuen ehrgeizigen Ziele durchzusetzen.

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Wie die Ziele auch aussehen werden, Michael Dell wird sie nun einfacher bis in die untersten Ebenen des Unternehmens hineinzwingen können. Das hat Vorteile, birgt aber auch Risiken. Talentierte Führungskräfte sind es nicht gewohnt, sich wie Marionetten am Nasenring herumführen zu lassen. Der neue Alleinherrscher wird die richtige Balance zwischen Durchsetzung und Kompromissbereitschaft suchen müssen. Denn sonst gehen die guten Leute. Und neue sind schwer zu finden. Mit dem neuen Privatleben fehlt Dell ein wichtiges Rekrutierungswerkzeug im Kampf um Talente im Silicon Valley und drum herum: eine börsennotierte Aktie als Anreiz.

Gerade vergangene Woche hat Facebook-CEO Mark Zuckerberg abgekündigt, in diesem Jahr wieder „aggressiv“ neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der High-Potentials beim größten Sozialen Netzwerk der Welt um 40 Prozent. Google, Yahoo, Microsoft, sie alle buhlen ebenfalls um die besten Leute. Dabei konzentriert sich alles auf mobile Hardware, Dienste und Software. Dell hat hier keine guten Namen.

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Zu den schwersten Aufgaben wird die Positionsbestimmung gegenüber dem Partner-Freund-Feind Microsoft werden. Microsoft hat selbst unbestrittene Ambitionen im Hardwarebereich und kann jede Menge Know-how von Dell gebrauchen. Das kann gefährlich werden. Dell wiederum kann sich über Microsofts Cloud-Infrastruktur schneller ins mobile Internet bewegen, sowohl für Privatkunden als auch für Businesskunden.

Die Zeit ist knapp, im Zuge verschmelzender Telekom- und IT-Märkten, in denen sich Giganten wie Oracle längst in neue Gefilde aufgemacht haben und ihr Software-Dasein hinter sich lassen. Das zeigt gerade exemplarisch der Erwerb des Netzwerkspezialisten ACME für 2,1 Milliarden Dollar. Microsoft sieht sich schon als „Geräte und Dienste-Anbieter“, nicht mehr als Software-Firma.

Die Ursprungsidee des Michael Dell war genial. Preiswerte Computer preisgünstig liefern. Sie hat Dell groß gemacht. Das funktioniert nicht noch einmal. Er muss eine neue Idee mit dieser Tragweite haben. Wir werden es sehen.

Kommentare (2)

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Kritiker

05.02.2013, 19:03 Uhr

Ein sehr einseitiger Bericht. Auch andere haben wichtige Trends verschlafen, z.B. HP, Nokia, Motorola, etc. Die Börsennotierung ist doch kein Allheilmittel - dann müssen vor allem die vielen Aktionäre mit ernährt werden, ohne dass sie einen Handschlag für das Unternehmen tun. Zu den zitierten Analysten, verehrter Herr Postinet: Die meisten haben keine Ahnung, irgendwelche Lackaffen, die sich aufblasen. Insbesondere in den USA gibt es viele große Unternehmen, die in Privathand sind und ihre Mitarbeiter langfristig halten und gut bezahlen - das kann man von der Hightech-Branche mit ihren ständigen Auf und Abs nun wirklich nicht sagen, die Entlassungswellen von Oracle bis HP müssten Ihnen, Herr Postinet, doch bekannt sein. Und kräftig abkassieren nur wenige bei den börsennotierten Unternehmen, siehe die Liste der Superreichen. So einfach ist es nicht, Herr Postinet. Vielleicht macht Michael Dell genau das richtige - und befreit sich von dem Druck der Börse, so genannten Analysten und den Medien.

A.Postinett

05.02.2013, 23:04 Uhr

Lieber Kritiker. Ja, ein einseitiger Kommentar. Es ging mir auch nicht darum, Motorola oder Nokia zu unterschlagen oder zu schützen. Aber die Frage muss erlaubt sein, warum man auf der einen Seite, wenn alles gut läuft, die Aktionäre und ihr Geld in Anspruch nimmt und dann, praktisch auf dem Tiefpunkt, den Laden privatisiert, um ihn zu sanieren. Lassen sie mich raten: Um ihn dann, wenn es wieder besser läuft mit Gewinn an die Börse zurückzubringen? Warten wir mal ab. Silver Lake sind keine Wohltäter. Die wollen später einen satten Return sehen. Den die ausgekauften Aktionäre dann nicht sehen werden. HP ist der nächste Fall, da haben sie Recht. Michael Dell war in einer Zwangslage: sein 15 Prozent-Anteil war so nicht zu verkaufen. Er musste etwas unternehmen, um ihn retten. Und bitte nicht vergessen: hier kauft sich nicht jemand zurück, der das Unternehmen verlassen hatte. Dell hat das Unternehmen dahin geführt, wo es jetzt ist. Dass er es nun besser machen kann, muss er erst mal beweisen.

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