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29.06.2012

19:58 Uhr

Kommentar

Ein Skandal zu viel

VonMichael Maisch

Mittlerweile gab es so viele Skandale in der Finanzbranche, dass ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Doch der jüngste Skandal in der Bankenszene ist jede Aufregung wert.

Michael Maisch

Der Autor

Michael Maisch ist stellvertretender Leiter des Finanzressorts des Handelsblatts.

Seit Ausbruch der Finanzkrise kamen so viele Skandale in der Finanzbranche ans Licht, dass ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Mit jeder neuen Missetat der Banker stumpft man ein kleines bisschen mehr ab. Was soll einen nach Subprime-Krise, Lehman-Pleite und Beinahekollaps des gesamten Finanzsystems schließlich noch schocken? Aber der neueste Skandal in der Bankenszene ist jedes Quäntchen Empörung wert, das man noch aufbringen kann.

Im Prinzip geht es darum, dass eine Gruppe von Händlern internationaler Großbanken über Jahre hinweg ein illegales Kartell gebildet haben soll, um die London Inter Bank Offered Rate (Libor) zu manipulieren. Der Libor ist ein täglich vom britischen Bankenverband errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser weltweit orientieren, wenn sie sich gegenseitig Kredit gewähren.

Das klingt nicht besonders aufregend, aber der Libor-Satz ist der wichtigste Indikator für die Liquidität am Bankenmarkt und damit eines der zentralen Krisenbarometer der Finanzbranche. Er dient auch als Referenz für Finanzprodukte im Wert von Billionen Euro. Die Händler sollen dafür gesorgt haben, dass der Libor von seinem eigentlichen Wert abweicht, und diese künstliche Diskrepanz für ihre eigenen Geschäfte ausgenutzt haben.

Als erste Bank muss nun die britische Barclays eine Rekordstrafe von 290 Millionen Pfund für die Manipulation des Libors bezahlen. Aber rund um den Globus ermitteln die Aufseher noch gegen eine Hand voll anderer namhafter Institute.

Die ganze Affäre ist ein Armutszeugnis für die Branche, denn eigentlich sind die Banken angesichts der Myriade von Geschäften, die an dem Referenzzins hängen, selbst am meisten auf ein reibungsloses Funktionieren des Libor-Marktes angewiesen. Stattdessen sieht es so aus, als würden die Institute jede noch so kleine Sicherheitslücke schamlos ausnutzen. Für ein paar Dollar mehr Gewinn und Bonus haben die beschuldigten Händler die Stabilität des Finanzsystems wieder einmal in Gefahr gebracht.

Der Libor-Skandal könnte zu einem entscheidenden Wendepunkt im Verhältnis zwischen Politik und Kapitalmärkten werden. Er gibt all jenen gute Argumente an die Hand, die glauben, dass die Branche nicht in der Lage ist, sich selbst zu kontrollieren, sondern strengste staatliche Kontrolle braucht. Allein aus purem Eigennutz hätten die Banken dafür sorgen müssen, dass ihre moralischen Frühwarnsysteme wenigstens in diesem Fall funktionieren.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

29.06.2012, 21:38 Uhr

Als ob gerade das jetzt der Skandal ist der das Fass zum überlaufen bringen würde! Es ist schon so viel passiert und was lernen wir daraus? Gerade heute wurde wieder ein Weg geschaffen der es Banken ermöglicht auf Kosten des Steuerzahlers risikolos Geld zu verdienen. Das beste daran: das Risiko trägt in erster Linie der Steuerzahler denn die Investoren streichen zwar den kompletten Gewinn ein, das Risiko teilen sie aber mit dem Steuerzahler ...

Das war ganz sicher nicht der letzte Skandal der Branche und sowieso nicht derjenige der das Fass zum Überlaufen bringt!

Moika

29.06.2012, 21:52 Uhr

Vermutlich fanden die es sogar noch schick, einen neuen Weg gefunden zu haben, "ein paar Extradollar" zu verdienen. Diese Menschen haben jedes Gefühl für Anstand und Moral verloren.

Tut mit leid, aber nach 40 Jahren Bankgeschäft, davon 14 Jahre selbst im Derivatehandel, habe ich für diese "Banker" nur noch Verachtung übrig.

Mazi

29.06.2012, 22:38 Uhr

Das stimmt, was Sie da schreiben.

Langsam müssen wir uns mit der Frage auseinander setzen, ob wir es hier mit mafiosen Strukturen zu tun haben und ob die Immunität der Politiker nicht nahezu die Einladung derartiger krimíneller Aktivitäten darstellt.

Andererseits ist es aber auch bezeichnend für die Schlagkraft unserer Finanzaufsicht. Blind, was blind heißt!

Der Schaden? Gigantisch!!!

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