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23.07.2012

11:14 Uhr

Kommentar

Eine Rückkehr zur D-Mark gibt es nicht

VonDirk Heilmann

Die Ratingagentur Moody's hat nachgerechnet und kommt zum Schluss: Ein Euro-Austritt würde Deutschland teuer zu stehen kommen. Eine Rückkehr zur D-Mark ist demnach keine reale Option.

Eine Rückkehr zur alten Währung ist für Deutschland unmöglich. Reuters

Eine Rückkehr zur alten Währung ist für Deutschland unmöglich.

Das Wort "alternativlos" ist nicht zufällig von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum "Unwort des Jahres" 2010 gekürt worden. Es ist zum Schlagwort dafür geworden, wie seit dem ersten Hilfspaket für Griechenland eine Notmaßnahme zur Euro-Rettung nach der anderen durch den Bundestag gepeitscht wurde. Das gleiche Verfahren gilt auch noch nach zweieinhalb Jahren Rettungspolitik, wie die Abstimmung über die Hilfen für Spaniens Banken am vergangenen Donnerstag zeigte. Eine große Mehrheit der Abgeordneten folgte einmal mehr der Staatsräson, die Europäische Währungsunion am Leben zu erhalten.

Man mag die Abgeordneten dafür kritisieren, aber sie haben gut daran getan. Denn auch wenn bestimmt nicht jeder Schritt der Euro-Rettung alternativlos war, dann ist es doch der generelle Kurs.

Wer daran zweifelt, dem sei das jüngste Sondergutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zur Lektüre empfohlen oder auch aktuelle Berechnungen der Ratingagentur Moody's. Beide zeigen unmissverständlich, dass ein Ende des Euros für Deutschland viel teurer würde, als es viele glauben. Zu eng sind die wirtschaftlichen und vor allem finanziellen Verflechtungen in der Währungsunion geworden, als dass man sie einfach auflösen könnte, so wie dies viele Gegner der Euro-Rettungspolitik behaupten.

So viel kostet Europa

Rettungsfonds EFSM

Beim Rettungsfonds EFSM stehen 60 Milliarden Euro zu Buche. Der deutsche Anteil beträgt dabei 12 Milliarden Euro.

1. Rettungspaket für Griechenland (IWF und EU)

Griechenland erhielt durch das erste Rettungspaket 110 Milliarden Euro, 24 Milliarden davon kamen aus Deutschland.

Einlagensicherungsfonds (von Experten geschätzt)

Nach Schätzung der Citigroup müsste der von der EU-Kommission geforderte Einlagensicherungsfonds ein Volumen von 197 Milliarden Euro haben. Der deutsche Anteil läge dann bei bis zu 55 Milliarden Euro.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat Staatsanleihen für 209 Milliarden Euro eingekauft. Der Bund ist daran mit 57 Milliarden Euro, also mehr als einem Viertel, beteiligt.

IWF-Beitrag zu den Rettungspaketen

Der Internationale Währungsfonds zahlte 250 Milliarden Euro für die Rettungspakete. Deutschland gab dafür 15 Milliarden.

Geplanter ESM

Der dauerhafte Rettungsschirm soll ein Volumen von 700 Milliarden Euro haben. Deutschland wäre daran mit 190 Milliarden Euro beteiligt.

Bürgschaften im Rettungsfonds EFSF

Der Rettungsfonds bürgt mit 780 Milliarden, Deutschland allein mit 253 Milliarden Euro.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten liegen innerhalb des EZB-Verrechnungssystem bei 818 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil daran beträgt 349 Milliarden Euro.

Der Sachverständigenrat weist zum einen darauf hin, dass sich die Auslandsforderungen Deutschlands gegenüber den Euro-Partnern auf 2,8 Billionen Euro belaufen. 1,5 Billionen davon entfallen auf Unternehmen und Privatleute, 1,2 Billionen auf die Finanzwirtschaft und rund 100 Milliarden auf die öffentliche Hand. Hinzu kommen gut 700 Milliarden Euro Forderungen, die die Bundesbank im Target-2-Zahlungsverkehrssystem an die anderen nationalen Zentralbanken im Währungsraum hat. Nicht all dieses Geld wäre bei einem Ende der Währungsunion verloren, aber es dürfte ein großer Teil davon sein, wenn die größten Schuldnerländer insolvent werden oder nationale Währungen einführen, die kräftig abwerten.

Hinzu kommen dann die realwirtschaftlichen Folgen eines Euro-Austritts. Der Sachverständigenrat hält einen Unsicherheitsschock wie nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 für wahrscheinlich, als die Wirtschaftsleistung in Deutschland um fünf Prozent einbrach. Das entspräche rund 140 Milliarden Euro. Nach einer Wiedereinführung der DM würde diese außerdem kräftig gegenüber den meisten anderen Euro-Nachfolgewährungen aufwerten; Größenordnungen von 30 Prozent und mehr sind realistisch. Das würde einen lang anhaltenden Schock für das deutsche Exportgeschäft bedeuten und eine Welle von Produktionsverlagerungen ins Ausland mit negativen Folgen für den Arbeitsmarkt und den Konsum in Deutschland auslösen. Insgesamt wäre also ein sofortiger Schaden von zwischen zwei und drei Billionen Euro, womöglich sogar mehr, verbunden mit einer längerfristigen Schwächung, zu erwarten.

Moody's kommt mit einer etwas anderen Rechnung auf 1,9 Billionen Euro - also ziemlich genau der Größenordnung, die die Wiedervereinigung Deutschland gekostet hat. Die Ratingagentur addiert dafür die Garantien der Regierung für die verschiedenen Rettungsfonds, die Außenstände der deutschen Banken, die Target-2-Forderungen und realwirtschaftliche Schäden.

Die Chronik der Schuldenkrise

25. März 2010

Beim EU-Gipfel einigen sich die Euro-Länder auf einen Notfallplan für das hoch verschuldete Griechenland. Der Plan sieht freiwillige Hilfen einzelner Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor. Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou betont: „Griechenland ist entschlossen, mit seinen eigenen Problemen fertig zu werden.“

10. Mai 2010

Um die Schuldenkrise einzudämmen, spannen die Finanzminister und der IWF einen Rettungsschirm (EFSF) für pleitebedrohte Euro-Mitglieder. Insgesamt 750 Milliarden Euro sollen im Notfall fließen. Der damalige Kanzleramtsminister Thomas de Maizière resümiert, jetzt komme „Ruhe in den Karton“.

21. November 2010

Als erstes EU-Land schlüpft Irland unter den EFSF. Europäer und IWF schnüren ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hält Sorgen vor einem Überschwappen auf Portugal für unbegründet: „Gerede über eine Ansteckung hat keine wirtschaftliche oder rationelle Grundlage.“

25. März 2011

Der ständige Krisenfonds wird mit über 700 Milliarden Euro ausgestattet. Der Stabilitätspakt wird verschärft, Defizitsündern drohen auch bei einer zu hohen Gesamtverschuldung Sanktionen. Die 17 Euro-Länder wollen sich in der Sozial-, Steuer- und Haushaltspolitik enger abstimmen.

8. April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

20. Juni 2011

Die EU-Finanzminister beschließen eine Ausweitung des EFSF. Deutschlands Anteil steigt von 123 auf 211 Milliarden Euro. Damit bis zu 440 Milliarden Euro an Krediten gezahlt werden können, müssen die Euro-Länder ihre Garantien auf 780 Milliarden Euro erhöhen. Merkel verteidigt das: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“

23. Juni 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

8. August 2011

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft nun auch Staatsanleihen von Italien und Spanien auf, um beide Länder zu stützen.

 

23. - 27. Oktober 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken. „Ich bin sehr zufrieden mit den Ergebnissen“, bilanziert Merkel. Und Frankreichs Finanzminister François Baroin sagt erleichtert: „Es gab ein Explosionsrisiko. Das Abkommen von heute Nacht ist eine freundschaftliche, globale und glaubwürdige Antwort.“

01. November 2011

Griechenlands-Ministerpräsident Papandreou kündigt völlig überraschend eine Volksabstimmung über das neue Milliarden-Rettungspaket für Griechenland an. Damit stößt er Merkel und Sarkozy vor den Kopf, die den griechischen Staatschef zum Appell zitieren. Am Vorabend des G20-Treffens in Cannes setzen sie sich mit dem Griechen, IWF-Chefin Christine Lagarde und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker zusammen. „Wir haben Papandreou, ohne ihm einen wirklichen Vorwurf zu machen, darauf hingewiesen, dass sein Benehmen illoyal ist“, wird Juncker am Tag darauf im ZDF-„Morgenmagazin“ sagen. Der unerwartete Vorstoß habe nun zu erheblichen Verstimmungen an den Finanzmärkten und in europäischen Regierungskreisen geführt. Die wichtigste Frage sei, ob Griechenland in der Euro-Zone bleibt oder nicht, so Juncker: „Wir hätten gerne, dass Griechenland Mitglied bleibt, aber nicht zu jedem Preis.“

02. November 2011

Kaum eine Woche im Amt überrascht der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die Öffentlichkeit: Aus Sorge um die Wirtschaft in der anhaltenden Griechenland-Krise, senkt Mario Draghi den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent. Gleichzeitig wird die bereits gebilligte Kreditauszahlung von acht Milliarden Euro an Griechenland auf Eis gelegt.

6. November 2011

Nach einer quälenden Hängepartie einigen sich die beiden großen politischen Lager in Athen auf eine Übergangsregierung. Hauptziel soll die Umsetzung der EU-Beschlüsse vom 27. Oktober sein. Später soll es Neuwahlen geben. Wer die neue Regierung führen soll, darüber wird noch tagelang gestritten. Die Konservativen fordern weiterhin zuerst einen Rücktritt des Sozialisten Papandreou.

8. November 2011

Nun steht auch Silvio Berlusconi vor dem Aus. Bei der Abstimmung über den Rechenschaftsbericht 2010 verfehlt er im italienischen Parlament die absolute Mehrheit. Am Abend kündigt er seinen Rücktritt an. Zuvor sollen aber noch die Brüssel zugesagten Reformen beschlossen werden.

9. November 2011

Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou kündigt in Athen seinen Rücktritt an. Im italienischen Parlament drücken die Fraktionschefs derweil aufs Tempo und einigen sich darauf, dass die Reformen innerhalb weniger Tage durchs Parlament gehen sollen. Staatspräsident Giorgio Napolitano ernennt den ehemaligen EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti überraschend zum Senator auf Lebenszeit - das wird in Rom als Signal gedeutet, dass Monti Nachfolger von Berlusconi werden könnte.

10. November 2011

Die Akteure in Athen einigen sich auf einen neuen Ministerpräsidenten: Der frühere EZB-Vizepräsident Lucas Papademos (parteilos) soll eine Übergangsregierung bis zu Neuwahlen führen und im Parlament die von den internationalen Geldgebern verlangten Reformen durchsetzen. In Italien scheint Silvio Berlusconi mit Mario Monti als neuem Regierungschef einverstanden zu sein.

09. Dezember 2011

Nahezu alle Mitgliedstaaten einigen sich beim EU-Gipfel in Brüssel nach zähen Verhandlungen auf eine Fiskalunion. Großbritannien steht im Abseits. Eine Spaltung der EU wird abgewendet.

12. Januar 2012

In Athen beginnt eine wichtige Verhandlungsrunde über einen Schuldenschnitt der privaten Investoren für Griechenland.

13. Januar 2012

Standard & Poor's senkt die Bonität Frankreichs um eine Stufe auf AA. Acht weitere Euro-Länder sind ebenfalls betroffen.

14. März 2012

Die Eurogruppe gibt ein zweites Griechenland-Paket frei. Der IWF beteiligt sich daran mit 28 Milliarden Euro.

30. März 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

09. Juni 2012

Spaniens Regierung kündigt an, zur Sanierung der maroden Banken ein Rettungspaket "light" zu beantragen. Die Eurogruppe sagt Madrid bis zu 100 Milliarden Euro zu.

17. Juni 2012

Bei der Neuwahl in Athen siegen die reformwilligen Konservativen. Europa atmet auf, das Schreckensszenario eines griechischen Euro-Austritts scheint zumindest vorerst gebannt.

25. Juni 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

Beide haben dabei noch nicht die Kosten berücksichtigt, die aus einer Abwicklung der Europäischen Zentralbank mit ihrer Bilanzsumme von rund drei Billionen Euro entstünden. Wie viel wären bei einem Ende des Euros noch die Wertpapiere wert, die die EZB und die nationalen Notenbanken durch direkte Ankäufe oder als Sicherheiten für Kredite hereingenommen hat? Das ist nicht zu schätzen, weil nicht bekannt ist, zu welchen Abschlägen sie über die Jahre hinweg die Wertpapiere in die Bücher genommen haben.

Die Wahl, die die Bundesregierung hat, ist also in Wahrheit nicht die zwischen einer Fortsetzung der Rettungspolitik und einem Ende des Euros. Die Wahl, die sie tatsächlich nur hat, ist die zwischen verschiedenen Wegen zu einer Vervollständigung der Währungsunion. Das wissen im Grunde auch die Fundamentalkritiker der bisherigen Euro-Rettungspolitik, und darum werden sie auch so wortkarg, wenn es darum geht, gangbare Alternativen aufzuzeigen.

Die Regierung macht es ihnen leicht, weil sie einer ehrlichen Debatte darüber ausweicht, welche Wege aus der Euro-Krise es gibt, was sie kosten könnten und was im Vergleich dazu der Ausstieg aus dem Euro kosten würde. Sie müsste den Bürgern erklären, dass Solidarität mit unseren Euro-Partnern notwendig ist, dass wir aber für diese Solidarität die Chance bekommen, ein global wettbewerbsfähiges Europa durchzusetzen, das in weiten Teilen den deutschen Vorstellungen entspricht.

Kommentare (70)

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Account gelöscht!

23.07.2012, 11:27 Uhr

Na und?

Dann schreiben wir das eben ab; das Geld ist in jedem Falle verloren.

Und können sodann, ohne die Blutsauger aus dem Süden und ohne manche andere, mit harter Arbeit Deutschland wieder aufbauen.

pro-d

23.07.2012, 11:29 Uhr

aha ???
wenn man schon die Gegenargumente aus der Mottenkiste holt, dann wird es also ernst.


1. Unsere Renten sind sicher
2. Keine will die Mauer
3. Eure Sünden sind euch vergeben
4. Die DM kommt nie wieder

Account gelöscht!

23.07.2012, 11:30 Uhr

Moody's....hatten die nicht AAA-Rating auf Subprime MBS vergeben? Die dann wertlos wurden?
Die die USA auf AAA bewerten? Bei einem debt-to-GDp von >100% ? Bei einem Staatshaushaltsdefizit von fast 40%????
Warum interessiert es überhaupt noch jemand, was diese Plapperköpfe schwafeln? Einfach nur lächerlich, was die von sich geben.

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