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19.02.2012

22:43 Uhr

Kommentar

Eine Zwangsheirat

VonOliver Stock

Erst als Merkel nicht mehr anders konnte, stimmte sie der Kandidatur Gaucks zu. Jetzt muss sie die politische Niederlage in einen Sieg ummünzen.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online. Pablo Castagnola

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Wer „A“ sagt, kann auch erkennen, dass „A“ falsch war. Das sagt Brecht und das befolgt Angela Merkel. Die Kanzlerin ist über ihren Schatten gesprungen. Sie hat mit Joachim Gauck den Kandidaten zugelassen, den sie vor 600 Tagen, als sie Wulff auf den Schild hob, noch verhindert hatte. „Ende gut, alles gut“, feixte ein sichtlich zufriedener SPD-Kanzlerkandidat in spe, als er gemeinsam mit den Parteichefs von FDP und Grünen die Kandidatur Gaucks kommentieren sollte. Und tatsächlich war es Sigmar Gabriel, der Gauck vor beinahe zwei Jahren das erste Mal ins Gespräch gebracht hatte. Politisch hat er mit der Kandidatur des Bürgerrechtlers nun einen Sieg eingefahren.

Er hat Merkel in die Zwickmühle gebracht, aus der sie spätestens dann nicht mehr heraus konnte, als auch die FDP ihr Votum für Gauck abgegeben hatte. Ein Kandidat, der bei den Deutschen beliebt und von einer absehbaren Mehrheit in der Bundesversammlung getragen werden würde – gegen den konnte sich auch Merkel nicht länger stellen. Gleichgültig wen sie ins Rennen schicken würde: Ihr Kandidat würde die schlechteren Karten haben. Deswegen wählte die Kanzlerin den einzigen möglichen Ausweg und stimmte der Kandidatur Gaucks zu. Es war kein Liebesbeweis, sondern eher eine Zwangsheirat, der sie sich da hingab.

Doch Gabriels Sieg muss nicht Merkels Niederlage werden. Von einem makellosen Präsidenten kann auch die Kanzlerin profitieren. Gauck wird nicht versuchen zu polarisieren. Der Mann ohne Parteibuch wirkt glaubwürdig, wie selten ein Kandidat, wenn er verspricht, Präsident aller Deutschen werden zu wollen. Und Merkel steht nun da als eine, die unter Druck immerhin lernfähig ist. Für einen Politiker ist das ein ungewohnter Zug. Sie hat ihn schon einmal beim überraschenden Atomausstieg gezeigt, und es hat ihr nicht geschadet. Und, wer weiß: Mit Blick auf mögliche Koalitionen, wie sie nach der Bundestagswahl im nächsten Jahr vielleicht notwendig werden, könnte sich der Kandidat Gauck sogar als Glücksfall für die Kanzlerin erweisen.

Kommentare (15)

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CochmaSapientia

19.02.2012, 23:02 Uhr

Korrekter Kommentar, Herr Stock, stimmt diesmal alles.

debrasseur

19.02.2012, 23:32 Uhr

Die fdp hat das einzig richtige Zeichen zum "rechten" ZEITpunkt gesetzt, so wie die Schwaben das mit der cdU oft genug veranstaltet haben, bis es einen -vom Volke nicht gewählten- Landesfürsten "Mappus" erwischte, der regelrecht Nutznießer des weg gelobeten und "weg geführten" Oettingers wurde. Ausgang erkannt, beilebe noch nicht alles bekannt. Aufarbeit tut not!

Die Personalpolitik von Angelah Merkel läßt eigentlich niemanden in ihrer Umgebung übrig, der ihr gefährlich werden könnte. Die Kohl'sche Machtpolitik perfektioniert, letztlich mit dem heutigen Tage gescheitert. Klar erkennbar, wir können auch anders. Und das zahlt sich wegen der ungebremsten "Wunschkoalition" wahrscheinlich nicht mehr aus. Die fdp wird auch durch diesen "Zug" keine besseren Umfragen erzielen. Der Kapitän, der auch nur Lotse war, der wird sein Amt eines Tages auch an den Nagel hängen müssen.

Und die Umfragen für Frau Merkel, da kann man von heute an sagen, sie gehen wieder auf das Niveau, das gerechterweise angebracht ist. Augenmaß sollte neben der Freiheit "Andersdenkender" stets einer Politik dienen, die für das Volk veranstaltet wird. Weniger für eine "unaufhörliche" Klientelpolitik für Hoteliers oder Banker. Die ZEITen einer LobbyArbeit für das Volk, das kann Herr Gauck gerne einläuten.

Beides scheint angebracht im Auge zu behalten, dem Einhalt zu gebieten. Die BürgerINnen sollten sich diese Unverfrorenheit nie mehr gefallen lassen.

Mit diesem Tage, so scheint mir, sind die Tage von Frau Merkel, ebenso denen der fdp im Bundestag gezählt.

In diesem Falle kann Sigmar Gabriel sich an die Brust schlagen, eine sachliche Politik übersichtlich angebracht, und sich selbst dadurch, als eine verläßliche Nummer in der politischen Landschaft der spD dargestellt zu haben.

Falls er nun eine "erkennbare sozialdemokratische Politik" sich in aller Umsicht zu eigen macht, schadet ihm sogar eine Mitarbeit der die Linke weniger, im Gegenteil. Chapeau!

Account gelöscht!

20.02.2012, 01:46 Uhr

Bei Ihnen scheint aber eher der Wunsch der Vater des Gedanken zu sein ... Warten wir mal die Umfragen ab,
ich sehe hier einen Schachzug der Union, ihren bevorzugten Koalitionspartner über die nächsten Wahlen zu bringen, und ich denke, das Kalkül könnte aufgehen.

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