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28.07.2012

15:17 Uhr

Kommentar

Erbe sein verpflichtet

VonFrank Wiebe

Die Erben tragen eine besondere Verantwortung mit sich. Sie sollten mit dem Vermögen, das sie ohne eigene Leistung erhalten haben, sorgsam umgehen: Jeder ist seines Glücks Schmied. Einige auch des Glücks anderer.

Frank Wiebe

Der Autor

Frank Wiebe ist Handelsblatt-Korrespondent in New York.

DüsseldorfNeulich habe ich einen überzeugten Ultraliberalen kennen gelernt. Seine Forderung lautet, die Erbschaftsteuer auf 100 Prozent zu erhöhen. Die Logik dahinter ist ein konsequenter und in sich durchaus stimmiger Individualismus: Jeder ist seines Glückes Schmied. Dafür aber sollte dann auch jeder dasselbe Ausgangsmaterial zum Schmieden bekommen. Daraus ergibt sich die Forderung nach hoher Erbschaftsteuer ebenso wie die nach einem für alle Bevölkerungsschichten leistungsfähigen Bildungssystem. Nach dieser Logik ist ein Erbschaftsteuersatz von 100 Prozent durchaus vereinbar mit ansonsten niedrigen Steuern und einem spärlichen Sozialstaat.

Die Idee einer totalen Belastung von Erbschaften steht freilich in krassem Gegensatz zu einem anderen liberalen Gegensatz: dem Schutz des Eigentums. Nach Meinung vieler Liberaler, angefangen mit dem Philosophen John Locke, ist der Schutz des Eigentums die wichtigste Aufgabe des Staates. Gerade Ultraliberale wehren sich gegen den Eingriff des Staates - und eine hohe Erbschaftsteuer wäre ja ein massiver Eingriff.

Beim Thema Erbschaften gerät der Liberalismus mit sich selbst in Widerspruch: Die Devise "Jeder ist seines Glückes Schmied" ist eine der zentralen Rechtfertigungen einer liberalen Wirtschaftsordnung. Der Schutz des Eigentums ist die Grundlage einer liberalen Wirtschaftsordnung. Beides passt aber nicht so recht zusammen. So lautet die Frage: Wie kann man es passend machen? Der Ausweg ist womöglich, aus dem Widerspruch eine besondere Verantwortung für die Erben abzuleiten.

Dass die ganze Diskussion durchaus praktische Relevanz für Unternehmer hat, zeigte ein Mitte Juni geführtes Interview der "Berliner Zeitung" mit Michael Otto. Dort führte Otto das Fehlen eines gesunden Mittelstands in den USA auf die dort relativ hohen Erbschaftsteuern zurück, die es nach seiner Ansicht einem Unternehmer geradezu verbieten, "in Generationen zu denken". Vor diesem Hintergrund wäre eher an eine Senkung oder sogar Abschaffung dieser Steuer zu denken - was in den USA übrigens auch diskutiert wird.

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Das Denken in Generationen hat ohne Zweifel positive Auswirkungen: Unternehmen werden so tendenziell mit langfristiger Perspektive geführt und nicht nur mit Blick auf das nächste Quartalsergebnis. Solche Unternehmer haben auch ein größeres Interesse an einer stabilen Belegschaft und an einer frühen Beschäftigung mit Zukunftsthemen. Kurz gesagt: Alles, was unter das inzwischen schon übernutzte Schlagwort "Nachhaltigkeit" fällt, lässt sich in Familienunternehmen zwangloser realisieren, geschäftliche Perspektive und eine gesunde ethische Basis geraten nicht so leicht in Konflikt miteinander.

Die Kehrseite dieses Gesellschaftsmodells ist freilich eine große Ungleichheit der Vermögen. Sie wird nach außen hin überdeckt durch eine weitaus größere Gleichheit der Einkommen, die oft für den Konsum eine größere Rolle spielen als die Vermögen. Denn bei den Einkommen verteilt der deutsche Staat kräftig um, bei den Vermögen tut er es kaum.

Ein ideales Wirtschaftsmodell, bei dem diese Widersprüche nicht auftreten, ist nicht zu finden und nicht einmal in der Theorie auszudenken. Was bleibt, ist daher, eine besondere Verantwortung der Erben zu fordern: Wer Vermögen ohne eigene Leistung bekommen hat, sollte besonders sorgsam damit umgehen und sich vor allem auch die soziale Verpflichtung vor Augen halten, die damit verbunden ist: Jeder ist nicht nur seines Glückes Schmied, sondern er schmiedet auch für andere mit. Zum Glück sind sich dessen ja auch viele Unternehmererben in diesem Land durchaus bewusst.

Kommentare (5)

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leser

28.07.2012, 16:15 Uhr

Nice try, indes: vollkommen daneben.
Schade.
Das Thema am Liberalismus aufzuhängen war aber auch nicht gerade mit glücklicher Hand gewählt.
Da hätte man mehr draus machen können.

Tabilu28

28.07.2012, 18:59 Uhr

Da wird ja wohl wieder alles in einen Topf geworfen ohne den kleinsten Unterschied zu machen.

es ist ja wohl ein Unterschied ob ein Familienmitglied zum Beispielschon viele jahre in der Firma der Eltern mitverantworlich für deren Wohl und des der Angestellten Mitarbeiter gehandelt hat oder um es sich um ein reines Besitz oder Geldvermögen handelt das ohne jede bisherige Leistungseinbringung/ Verantwortlichkeit des Erben zustande gekommen ist.

Viele Firmen sind auch vor vor dem vererben an die Kinder nur durch deren Einsatz überhaupt noch vorhanden

Account gelöscht!

29.07.2012, 10:08 Uhr

Mal ehrlich: Was würde eine Vermögenssteuer von 100% bringen? Ich sags einfach: Zuwachs von ausländischem Vermögen, schweizer Banktresoren und Goldkäufen. Denken die wirklich, dass man gekauftes Gold kontrollieren kann? Wie soll das gehen? Ich kann es weltweit kaufen und weltweit wieder verkaufen. Kein Spürhund der Welt kann es erschnüffeln. Und tief genug mit einem PU-Rohr vergraben entdeckt es kein Metalldetektor. Romantische Träumerei. Aber 100% Erbschaftssteuer verlagert nur das Investment.

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