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11.03.2012

14:29 Uhr

Kommentar

Es gibt Wichtigeres als den Frauenquotenstreit

VonDieter Fockenbrock

Die Frauenquote erregt derzeit die Gemüter. Dabei gibt es Wichtigeres zu diskutieren. Beispielsweise die Unabhängigkeit der Aufsichtsräte. Denn ohne freie Kontrolleure ist eine effektive Kontrolle nicht möglich.

Handelsblatt-Chefkorrespondent Dieter Fockenbrock. Pablo Castagnola

Handelsblatt-Chefkorrespondent Dieter Fockenbrock.

Manche Argumente sind so eingängig, dass niemand darüber stolpert. EU-Kommissarin Viviane Reding, unverdrossene Kämpferin für Prinzipien guter Unternehmensführung, behauptet beispielsweise: "Das Fehlen der Frauen in den Spitzenpositionen der Geschäftswelt schadet Europas Wettbewerbsfähigkeit." Ein schöner Satz, leicht dahergesagt und zur Begründung einer gesetzlichen Frauenquote in Führungspositionen bestens geeignet. Aber stimmt das überhaupt?

Das wettbewerbsfähigste Land in Europa dürfte derzeit Deutschland sein. Ausgerechnet Deutschland aber zählt gemeinsam mit Tschechien zu den Nationen mit dem geringsten Anteil weiblicher Führungskräfte. Was folgt daraus? Jedenfalls keine gute Begründung für eine Frauenquote per Gesetz. Aber was soll's. Im politischen Geschäft sind solche Selbsttore Nebensächlichkeiten. Es gilt der Blick für das große Ganze. Und das ist im Zweifel die Popularität eines Themas.

Während sich Brüssel und auch Teile des politischen Berlins mit der Frauenquote intensiv beschäftigen, geht ein anderes, viel wichtigeres Thema der Unternehmensführung unter: die Unabhängigkeit der Aufsichtsräte. Angeheizt wird die Debatte von der Regierungskommission Deutscher Corporate-Governance-Kodex höchstselbst. Die präsentierte jetzt Vorschläge, wie der eher schwammige Begriff Unabhängigkeit im Kodex präzisiert werden könnte. Eigentlich wollte das Gremium unter Leitung von Commerzbank-Chefaufseher Klaus-Peter Müller in diesem Jahr Ruhe geben und nicht schon wieder die Regeln guter Unternehmensführung ändern.

Daraus dürfte nichts werden. Denn das Thema ist hierzulande brisanter als in anderen Ländern. Gründe dafür sind das duale System aus Vorstand und Aufsichtsrat und die paritätische Mitbestimmung. Für uns selbstverständlich, im Ausland aber erklärungsbedürftig. Beginnen wir mit der Mitbestimmung. Die ist eigentlich tabu, für Gewerkschafter ohnehin, für Politiker zumeist. Ausgerechnet Klaus-Peter Müllers Kommission stellt aber die Unabhängigkeit von Aufsehern infrage, wenn sie "unmittelbar oder mittelbar eine wesentliche zusätzliche Vergütung der Gesellschaft" erhalten.

Damit sind die Kontrolleure gemeint, die nebenbei das Unternehmen gegen Honorar beraten. Das trifft aber auch jeden Betriebsrat, der im Aufsichtsrat sitzt. Die Aufregung im Gewerkschaftslager ist groß, dass alte Gräben in der EU aufgebrochen werden. Lange, sehr lange hat es gebraucht, den Verwaltungsrats- und Board-Verfechtern jenseits dieser Republik klarzumachen, dass Mitbestimmung kein Teufelswerk ist und die paritätische Besetzung nicht automatisch für die Hälfte der Räte einen Interessenkonflikt programmiert.

Nicht weniger aufregend ein weiterer Vorschlag der Kommission: Als nicht unabhängig könnten demnach künftig Aufseher gelten, die mehr als zehn Prozent der Aktien vertreten. Das hieße: Die Vertreter der Krupp-Stiftung bei Thyssen-Krupp oder die Abgesandten von Bund und KfW bei der Deutschen Telekom kämen "auf Beobachtung". Ihre "geschäftlichen Beziehungen" könnten einen "Interessenkonflikt begründen". In gemischten Verwaltungsräten mit ihren Executives und Non-Executives ist die Zehn-Prozent-Regel vielleicht sinnvoll.

Aber im deutschen Trennsystem? Keine Frage: Das Thema Unabhängigkeit ist enorm wichtig, weil nur mit Räten, die wirklich frei entscheiden können, eine effektive Kontrolle der Vorstände funktioniert. Ob dabei aber Regeln Modell stehen sollten, die für ganz andere, meist angelsächsische Governance-Strukturen erdacht wurden?

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

11.03.2012, 14:58 Uhr

Mit einer solch unnützen Diskussion wird niemanden, am wenigsten den hoch qualifizierten Frauen geholfen. Durch eine Quote würde jede als Quotentante abgestempelt und welch qualifizierte will sich schon so abstempeln lassen. Aber offenbar scheint die Tunte eine Quotentunte zu sein und will nicht allein sein. Nein, es gibt sehr viel wichtigeres zu tun. Um das zu erkennen braucht es mehr als eine Frauenquote.

Ingo

11.03.2012, 16:01 Uhr

Mit der Ablehnung der Frauenquote als "kleines Problem" stellt sich der Verfasser in die beste Tradition der Stamokap-Marxisten; diese haben auch stets die "Frauenfrage" (genauso wie die Umweltproblematik) als "Nebenwiderspruche" abgetan und damit auf die Zeit nach der Revolution verschoben. Und lagen damit genau so daneben wie der Autor.
Sicher: Es wäre viel schöner für alle Beteiligten gewesen, wenn die Unternehmen selbst für eine Erhöhung des Frauenanteils in Führungsebenen gesorgt hätten. Man muss doch aber feststellen, dass dies in den vergangenen Jahren nicht geschehen ist. Daher ist es richtig und vollkommen angebracht, dass der Staat hier ordnungspolitisch eingreift.
Die Sorge um die "Quotenfrau" schließlich zeugt von dogmatischer Unbelehrbarkeit - die Gegenbeispiele funktionierender Quoten sind so zahlreich, dass man schon sehr enge Scheuklappen tragen muss, um sie zu übersehen.

Account gelöscht!

11.03.2012, 17:59 Uhr

Erst kürzlich las ich, dass im Handwerk die Frauenquote gleich 0 Ist. Hier ergibt sich ein Riesenpotential für mehr Frauenarbeitsplätze. Oder liege ich da falsch, weil Frauen nur Vorstandsposten besetzen wollen?

Auch da kann geholfen werden: Für Vorstände in DAX-Unternehmen sind im hohen Maße naturwissenschaftliche und technische Kenntnisse erforderlich. Leider sind die entsprechenden Studienfächer in den Unis nur zu rd. 12 % von Frauen belegt. Wenn also 30 % Frauenquote gewünscht ist, bitte liebe Studentinnen, ändern Sie Ihr Studienfach. Mit Soziologie, Psychologie, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und ähnlichen Fächern erwirbt man nicht die Qualifikation, die für Vorstandsposten gefragt ist.

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