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18.06.2012

15:27 Uhr

Kommentar

Europa kann Athen nicht hängen lassen

VonGerd Höhler

Nach der Wahl in Griechenland muss sich nun dringend etwas ändern - denn der bisherige Sparkurs würde den Bankrott provozieren. Die Parteien sollten in Windeseile ihre Kräfte bündeln. Die Gläubiger erwarten Klarheit.

Gerd Höhler ist Handelsblatt-Korrespondent in Athen. Pablo Castagnola

Gerd Höhler ist Handelsblatt-Korrespondent in Athen.

Eines können die Europäer nach der griechischen Wahl nicht: einfach weitermachen wie bisher. Das Konsolidierungsprogramm trägt nicht die erwarteten Früchte. Der Sparkurs würgt die Wirtschaft ab. Seit Beginn der Krise hat Griechenland fast ein Fünftel seiner Wirtschaftsleistung verloren. Nicht nur die Linken, auch die konservative Nea Dimokratia, die ersten Wahlprognosen zufolge als Sieger aus der Wahl hervorgehen könnte, will das Spardiktat aufbrechen.

Das Land geht ins fünfte Jahr der Rezession. Fast jeder vierte Grieche ist bereits arbeitslos, unter den bis zu 25-Jährigen sogar mehr als jeder zweite - Tendenz: steigend. Einen so tiefen wirtschaftlichen Abstieg hat kein anderes europäisches Land seit Kriegsende durchgemacht. Die Rezession gefährdet den sozialen Frieden, das politische System gerät aus den Fugen. Das Erstarken ultranationalistischer und rechtsextremistischer Gruppen wie der Neonazi-Partei "Goldene Morgenröte" ist ein alarmierendes Signal.

In immer mehr Hauptstädten der Europäischen Union beginnt sich die Einsicht durchzusetzen, dass Griechenland angesichts der unerwartet tiefen Rezession mit den Sparvorgaben überfordert ist. Man denkt deshalb darüber nach, das Anpassungsprogramm zu strecken und zugleich die Konjunktur anzukurbeln. Denn um sich aus der Schuldenfalle zu befreien, braucht Griechenland neben Haushaltsdisziplin auch Wirtschaftswachstum. Bleibt das aus, treibt Griechenland unweigerlich in den Bankrott.

Beitragen könnte zum Wachstum die vorgezogene Auszahlung von europäischen Fördergeldern, die Athen in den nächsten Jahren ohnehin zustehen. Aber auch die Griechen selbst müssen Wachstumsimpulse geben - indem sie ihr Land aus dem Korsett von Überregulierung und Bürokratie befreien. Nur dann wird Griechenland für Investoren interessant. Die Strukturreformen wurden bisher jedoch sträflich vernachlässigt.

Die Widerstände der Zünfte und Verbände, die sich bisher gegen jeden Wettbewerb abschotteten, sind groß. Vieles scheitert auch an der Mentalität der Menschen. Aber wenn nicht jetzt, in dieser existenziellen Krise, ein Ruck durch das Land geht, wann dann?

Die Probleme Griechenlands sind so gewaltig, dass die politischen Parteien gut beraten wären, ihre Kräfte zu bündeln und jetzt eine möglichst breit aufgestellte Regierung zu bilden. Ob das der ND gelingt, ist noch offen. Allerdings ist Eile geboten. Mitte Juli sind die Kassen leer. Wenn die internationalen Geldgeber nicht einspringen, geht Griechenland unweigerlich pleite. Die internationalen Gläubiger dürfen sich nicht erpressen lassen. Sie erwarten Klarheit über den Kurs des Landes. Griechenland braucht deshalb schnell eine handlungsfähige Regierung, die sich zu den Zielen der Haushaltskonsolidierung und der Reformpolitik bekennt. Über diese Ziele kann man nicht neu verhandeln. Aber über den Weg dorthin schon.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

18.06.2012, 15:38 Uhr

GR hat keine funktionierenden Staatsapparat, ist korrupt bis zum ende und hat in den letzten jahren die geliehenen milliarden verprasst... und nicht reformiert.
jetzt sind wir schuld, müssen noch mehr vom hart verdienten geld abgeben und werden noch beschimpft?!??
danke € für diesen frieden und wohlstand!

Account gelöscht!

18.06.2012, 15:41 Uhr

Europa kann Athen nicht hängen lassen
Europa kann Lissabon nicht hängen lassen
Europa kann Dublin nicht hängen lassen
Europa kann Madrid nicht hängen lassen
Europa kann Rom nicht hängen lassen
...
...
Europa kann Deutschland nicht hängen lassen

Jetzt habe ich das Spiel endlich begriffen! Wir helfen den anderen solange, bis sie wirtschaftlich so stark sind, damit sie uns dann wieder helfen können. Eigentlich logisch, oder?

HoehlerDenkDochErst

18.06.2012, 15:42 Uhr

Ein komischer Kommentar... Zitat: "Aber wenn nicht jetzt, in dieser existenziellen Krise, ein Ruck durch das Land geht, wann dann?"

Die Antwort ist ganz einfach. Der Ruck wird durchs Land gehen, wenn die Betroffenen merken, dass es nicht weitergeht wie bisher. Insofern ist die ganze Retterei völlig falsch.

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