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28.01.2014

15:12 Uhr

Kommentar

Fukushima im Schweinestall

VonChristoph Kapalschinski

Die Agrarlobby wiederholt die Fehler der Atomkonzerne. Aus der „Massentierhaltung“ werden beim Bauerpräsident „große Ställe mit Wellness- und Relax-Zonen“. Die Agrarindustrie muss anfangen, den Wandel mitzugestalten.

Bauernpräsident Joachim Rukwied auf der Grünen Woche: „Große Ställe mit Wellness- und Relax-Zonen“. dpa

Bauernpräsident Joachim Rukwied auf der Grünen Woche: „Große Ställe mit Wellness- und Relax-Zonen“.

Man möge doch von „Kernenergie“ statt von „Atomkraft“ reden, forderte der damalige RWE-Chef Jürgen Großmann 2009 live in einem Fernsehinterview. Und nicht von einem „Atomkonzern“ sprechen, sondern von einem „Energieversorger“. Aus der erhofften Laufzeitverlängerung für die Kraftwerke wurde trotz der Wortklauberei bekanntlich nichts.

Knapp vier Jahre später gibt auch Joachim Rukwied Formulierungshilfe. „Massentierhaltung“ gebe es in Deutschland nicht, allenfalls „große Ställe mit Wellness- und Relax-Zonen“, sagte der Bauernpräsident auf der Agrarschau Grüne Woche, die am Sonntag endet. „Massentierhaltung“ sei ein Kampfbegriff destruktiver Gruppen, mit denen die Branche nicht mehr sprechen wolle.

Doch diejenigen, die gegen die Agrarbranche Sturm laufen, werden zahlreicher. Im Berliner Stadtbild sind die Protestplakate nicht weniger auffällig als die große Werbekampagne der Messe. Auf 30.000 Teilnehmer schätzten die Organisatoren die zentrale Gegendemonstration. Für Sonntag sind neue Proteste geplant.

Christoph Kapalschinski ist Redakteur beim Handelsblatt Pablo Castagnola

Christoph Kapalschinski ist Redakteur beim Handelsblatt

Der Agrarlobby ist die Deutungshoheit über die Landwirtschaft entglitten – so wie einst den Energiekonzernen die Meinungsführerschaft über die Atomkraft. Selbst dort, wo die Bauernvertreter auf Kritiker eingehen wollen, kreisen sie in ihrer eigenen Argumentationswelt: So war eine Diskussionsveranstaltung auf der Grünen Woche über Tierschutz überschrieben mit „Unseren Kühen geht es gut! - Brauchen wir trotzdem einen Perspektivwechsel?“.

Solche Selbstgewissheit erinnert fatal an die Atomwirtschaft. Und so muss auch die Landwirtschaft damit rechnen, über kurz oder lang eine politische Regulierung zu bekommen, bei der sie kaum noch mitredet. Zu offensichtlich sind die Mängel bei Tierschutz und Ethik, aber auch die Belastungen für Dorfgemeinschaften.

Schon nach der BSE-Krise von 2001 sprach die erste grüne Landwirtschaftsministerin, Renate Künast, von einer Agrarwende. Heute verfolgt die Bundesregierung das Ziel, 20 Prozent Biolandwirtschaft zu erreichen. Noch sind Fördergelder das Instrument der Wahl. Doch die regulatorischen Eingriffe nehmen zu. Legebatterien für Hühner sind seit 2010 verboten, einzelne Länder wie Nordrhein-Westfalen untersagen seit kurzem das bislang übliche reihenweise Töten von männlichen Küken. Im Koalitionsvertrag kündigt Schwarz-Rot eine „nationale Tierwohl-Initiative“ an. Die Regierung werde sich für EU-weit höhere Tierschutzstandards einsetzen.

Kommentare (6)

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holger29

28.01.2014, 15:40 Uhr

Die Kernenergie hatte mehrere Fehler gemacht. Man hat viel zu passiv kommuniziert. Der Nutzen der Kernenergie war für den Verbraucher nicht ersichtlich. Man hat versucht die kommunikativen Herausforderungen wie die Legende der "Atomkatastrophe" und die Legende der "Ungelösten Endlagerfrage" mit sehr teuren technischen Massnahmen zu begegnen anstatt einen kleinen Teil des Geldes in eine aktive Kommunikation zu stecken.

Kommunikativ vorbildlich ist die Solarindustrie die mit extrem miserablen Fakten, Solarstrom ist umweltschädlich, teuer, wertlos, gefährlich, diese zur Wunschenergie von Journalisten, Lehrern und mittlerweile einem grossen Teil der Bevölkerung gemacht hat. Die PR Aufwendungen und Aufwendungen zur Politikpflege mancher Sonnenkönige war legendär.

Der Landwirtschaft ist eine offene und eherliche Kommunikation angeraten. Von den Fakten her sind die Produkte der Massentierhaltung am gesündesten und erfordern die geringsten Resourcen, was man als umweltfreundlich bezeichnen kann. Es böte sich an das in einigen Fällen weniger gesunde Biofutter zu diskriminieren.

Holger29

holger29

28.01.2014, 15:53 Uhr

Ein Beispiel sind die Eier aus Legebatterien. Diese sind abgeschlossen, das Futter wird kontrolliert zugeführt. Dadurch könnte man die Anzahl an Salmonelleninfektionen (können tödlich wirken) auf 0 reduzieren. Freilandhühner fressen das was ihnen vor den Schnabel kommt, Kot von Wildvögeln fällt in die Gehege. Salmonelleninfektionen sind üblich.

Lothar

28.01.2014, 16:14 Uhr

Unter ökonomischen und gesundheitlichen Gesichtspunkten mag die Massentierhaltung gerechtfertigt sein. Allerdings behandelt diese Sichtweise die Tiere als Sachen und nicht als Lebewesen. Als passioniertem Milchtrinker ist mir das Milch trinken vergangen, nachdem wir einen Urlaub am Bauernhof gemacht hatten uns ich gesehen habe wie die armen Viecher ihr gesamtes Leben lang an einer kurzen Kette im Stall verbringen müssen. Die sehen niemals Tageslicht und kennen grünes Gras nicht mal vom hörensagen. Damit sie Milch geben werden sie jährlich besamt, das Kälbchen kommt sofort in Einzelhaft und wird niemals natürliches Sozialverhalten erlernen. Natürlich gibt es auch andere Bauernhöfe. Aber die oben beschriebene Art der Tierhaltung ist nicht mehr zeitgemäß und gehört abgeschafft - oder wahlweise der Bauer an die Kette zwische seine Kühe gelegt.

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