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23.03.2012

14:23 Uhr

Kommentar

Gaucks Rede war kein großer Wurf

VonDietmar Neuerer

In seiner ersten wichtigen Rede hat Joachim Gauck viele Probleme angesprochen, Lösungsansätze aber nur vage angedeutet. Ein großer Wurf war das nicht. Deutlich wurde aber, wie seine Agenda aussehen wird.

Dietmar Neuerer

Dietmar Neuerer ist politischer Korrespondent für Handelsblatt Online in Berlin.

BerlinMit überschwänglichen Worten hat FDP-Chef Philipp Rösler die Antritts-Rede Joachim Gaucks gewürdigt. „Das war eine  großartige Rede, die aus meiner Sicht die Erwartungen übertroffen  hat.“ Rösler muss das wahrscheinlich so sagen, alles andere wäre wohl auf Verwunderung gestoßen. Denn Rösler ist der Präsidentenmacher. Er hat Gauck gegen den Willen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als Kandidaten durchgesetzt. Das ist auch gut so, weil Gauck ein Mann des Wortes ist, der es versteht, die Seelenlage der Bürger zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse zieht. Er ist ein Mann, der es vermag, der deutschen Gesellschaft Orientierung zu geben – auch und vor allem in schwierigen Zeiten. Deshalb ist Gauck auch der richtige Bundespräsident.

Seine erste wichtige Ansprache kurz nach seiner Vereidigung muss man denn auch wohl unter dieser Prämisse betrachten. Gauck hat darauf verzichtet, einen Schwerpunkt zu setzen und hat dafür in einer Art Rundumschlag vieles angesprochen, aber wenig vertieft. Er hat einen einigermaßen gefahrlosen Weg gewählt, hat die Armen wie die Reichen angesprochen, hat sich den Konflikten dieser Welt kurz zugewandt, hat den „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgern“ die Aufgabe zugesprochen, sich ihrer Freiheit bewusst zu werden und daraus etwas zu machen. Er hat sich an die Ausländer in Deutschland gewandt und versprochen das Integrations-Thema seines Vorgängers Christian Wulff auch zu seinem Herzensthema zu machen, er hat sich in besonders deutlichem Ton gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit gestellt, und er hat sich klar zum europäischen Gedanken bekannt.

All das ist aller Ehren wert. Auch, das Gauck ein historischen Exkurs unternimmt, um uns vor Augen zu führen, wo wir herkommen und wo wir heute stehen - nach der Wirtschaftswunderzeit, nach der 1968-Phase und nach der friedlichen Revolution von 1989. Im Grunde war für jeden Zuhörer etwas dabei. Das macht es nicht schlecht, was Gauck gesagt hat, das macht es aber auch nicht zum großen Wurf. Wie gerne hätte man von Gauck etwas mehr zur Euro-Schuldenkrise gehört und dazu, dass die Rettungspolitiker bei all ihren Bemühungen, die Krise in den Griff zu bekommen, nicht die soziale Balance aus dem Blick verlieren dürfen. Gauck vermeidet hier wie dort, klare Ansagen. Er tippt die Probleme nur an und macht zu Lösungsansätzen nur vage Andeutungen.

Der heutige Tag zeigt damit eher, dass sich der Bundespräsident an seine neue Aufgabe herantastet, ohne dabei gleich in ein Fettnäpfchen zu treten. Die Themen, die er genannt hat, werden auch die Themen sein, die seine fünfjährige Amtszeit bestimmen werden. Gauck hat seine Agenda vorgezeichnet. Das Pensum, das er sich auferlegt hat, ist beachtlich. Nun muss er beweisen, dass er dem auch gewachsen ist.

 

 

 

Kommentare (23)

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Hoelderlin

23.03.2012, 15:58 Uhr

Ich fand die Rede unseres neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck sehr gelungen. Eine Fokussierung auf einen Schwerpunkt hätte ihn doch für alles andere weniger prädestiniert. (So hält er sich eigene Entwicklungsmöglichkeiten offen.) Im Übrigen hat er sehr viel Ursächliches angesprochen, welches unser Land derzeitig beschäftigt. Die derzeitigen Krisen sind moralischer Art (Gerechtigkeitsdefizite); politische und wirtschaftliche Vertrauenskrisen. Glaubwürdigkeit hat mit Vertrauen zu tun, d.h., zuerst Vertrauen in die eigene Person (Selbstvertrauen, Gestaltungs- und Leistungswille, Mut statt Ängste), sodann Vertrauen in Politik und Wirtschaft. Soziale Gerechtigkeit und Teilhabe sind die Koordinaten eines demokratischen Staatswesens. Gemeinsame Werte werden in einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft unabdingbar. Etc. Fazit: Genau die richtige Rede.

Account gelöscht!

23.03.2012, 16:05 Uhr

Was heißt hier Freiheit? Frei ist der, der die Knebelungen des Staates umgeht und sich nicht einbringt.
Mit vagen Andeutungen steht er der Merkel nicht nach.

JohnSturges

23.03.2012, 16:27 Uhr

Dieser Artikel ist mit Sicherheit auch kein großer Wurf!

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