Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2005

07:02 Uhr

Kommentar

Generation Einstein

VonBarbara Gillmann

Der Kanzler persönlich hat das Einsteinjahr eingeläutet. Er setzt sich an die Spitze der Maschinerie, die 100 Jahre nach der Formulierung der Relativitätstheorie den Superstar der Physik vermarktet.

Quelle: Handelsblatt

Werbetechnisch gesehen ergreift Schröder damit eine einzigartige Gelegenheit beim Schopf. Es wäre dumm, das Genie mit Revoluzzer-Charme nicht für das Innovationsprojekt der Bundesregierung zu nutzen.

Beim erwünschten Mentalitätswandel kann der Rückgriff auf die strubbelige Physik-Ikone nur helfen. Denn zu Einsteins Lebzeiten herrschte allgemeine Aufbruchstimmung, das Fieber der Innovation zog sich durch alle Disziplinen. Das Genie selbst hat einmal gesagt, sein Beitrag erscheine im Rückblick „fast wie das unpersönliche Produkt einer Generation“.

Dieser Geist ist uns schon lange abhanden gekommen. Das Interesse an Technik und Naturwissenschaften ist zuletzt zwar wieder gestiegen, aber noch lange nicht groß genug. So wird die Wirtschaft auf Jahre hinaus mit einem Ingenieurmangel zurechtkommen müssen, der eine eklatante Gefahr für den Standort darstellt. Wenn Einstein neue Faszination schaffen kann: nur zu.

Das wahre Potenzial des jungen Einstein blieb lange verborgen. Er zeigte keine Spur von Wunderkind und war zudem unbeliebt, weil renitent. Ohne bürgerliches Elternhaus hätte er wohl nicht studiert, womöglich nicht mal Abitur gemacht.

Das gilt auch ein Jahrhundert später leider immer noch viel zu oft. Genie lässt sich nicht züchten, aber Begabungen verkümmern zu lassen ist leicht, um nicht zu sagen an der Tagesordnung, gerade in Deutschland.

Chancengleichheit ist keine Sozialromantik, sondern bittere ökonomische Notwendigkeit, um allen zu ermöglichen, das Beste aus sich zu machen. Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein gesegnete, brillante Fabrikantensöhne wie Einstein gibt es leider nicht genug. Ihn zu bewundern ergibt daher nur Sinn, wenn wir unserem Nachwuchs die Bahn frei machen. Nur so wird es was mit der Wissensgesellschaft. Vielleicht ist dann auch wieder mal ein Einstein dabei.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×