Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.07.2012

07:26 Uhr

Kommentar

Gewerkschaft im Opel-Dilemma

VonMarkus Fasse

In Rüsselsheim stemmt sich die IG Metall gegen den Kahlschlag. Und doch weiß sie, dass der übersättigte europäische Automobilmarkt bald wohl erste Opfer fordert. Die Gewerkschaft steckt in einem Interessenskonflikt.

Die Arbeiter bei Opel sind wütend über die Linie des Mutterkonzerns GM. Die Wahrscheinlichkeit von Werksschließungen ist jedoch abermals gestiegen. Reuters

Die Arbeiter bei Opel sind wütend über die Linie des Mutterkonzerns GM. Die Wahrscheinlichkeit von Werksschließungen ist jedoch abermals gestiegen.

Bei Opel brennt es lichterloh, und Berthold Huber wird deutlich. Die IG Metall werde kein Werk aufgeben, und sollte GM trotzdem die harte Sanierung anstreben, dann würden das die teuersten Werksschließungen der Geschichte, droht der Chef der Metallgewerkschaft. Huber, nebenbei Aufsichtsrat des Opel-Konkurrenten Volkswagen, zeigt schon mal die Zähne.

Huber ist im Fall Opel eindeutig in einem Interessenkonflikt. Denn der IG-Metall-Chef weiß wie der Rest der Branche, dass die europäische Autoindustrie gerade vor die Wand fährt. Die Überkapazität im Massengeschäft, in dem sich Volkswagen und Opel tummeln, wird von Experten grob auf dreißig Prozent geschätzt. Man könnte auch sagen, dass genau ein Hersteller von der Größe von Opel zu viel am Markt ist. Und während Peugeot-Citroën Werke schließt und Massenentlassungen vornimmt, hält vor allem Volkswagen, mit Billigung der IG Metall, seine Kapazitäten hoch. Und Opel soll nun auch mit allen Werken weiterproduzieren.

Markus Fasse ist Korrespondent in München. Pablo Castagnola

Markus Fasse ist Korrespondent in München.

Der Druck wird zunehmen, denn die Absatzkrise in Europa ist noch lange nicht zu Ende. Die Märkte in Südeuropa sind weiter im freien Fall. Es wird ein Kampf mit Rabatten und Verlusten, und Marktführer Volkswagen hat die tiefsten Taschen, um diese Schlacht durchzustehen. Dabei wird aber auch die IG Metall mitentscheiden, wen sie in diesem Kampf stützt und wie lange Opel durchhalten kann. Das wäre dann eine Entscheidung, die sofort auch die Geschäfte der Konkurrenz beeinflusst. Je länger sich die Opel-Sanierung hinzieht, desto mehr sind die Gewinne von VW in Gefahr.

Es ist keine zehn Jahre her, da galt die IG Metall noch als Auslaufmodell. Heute laufen mehr denn je die Fäden der deutschen Autoindustrie in der Frankfurter Gewerkschaftszentrale zusammen, denn sie regiert über die Aufsichtsräte mit. Ohne die Hilfe der Gewerkschaften könnte VW weder Porsche noch den Lkw-Konzern MAN übernehmen. Als Gegenleistung holt sie das beste für die Beschäftigten heraus. Im Frühjahr trotzte sie den Arbeitgebern eine satte Lohnerhöhung ab, die Volkswagen und BMW locker verkraften, für Opel aber eigentlich viel zu hoch ist. Dieser Umstand ist auch der Tatsache geschuldet, dass Daimler, BMW und Volkswagen mit Billigung der Arbeitnehmer frühzeitig ihre Produktion in Wachstumsmärkte in den USA und China verlagert haben.

Die US-Werke der Deutschen stehen allesamt im Süden der USA, wo man die schwache Position der US-Gewerkschaften traditionell als Standortvorteil preist. Während die deutsche Autoindustrie jenseits des Atlantiks die Gewerkschaften bei wichtigen Entscheidungen am liebsten außen vor ließe, soll hierzulande das Gegenteil gelten: nämlich keine Entscheidung ohne die Gewerkschaft.

Das Dilemma, in dem sich Huber und die IG Metall befinden, lässt sich durch starke Sprüche jedoch nicht auflösen. Sie müssen die Interessen aller deutschen Autobauer vertreten. Durch den knallharten Wettbewerb der Konzerne konkurrieren jedoch die Beschäftigten in einem bislang nicht gekannten Maß miteinander. Im Falle von Opel geht es gar um die Existenz.

Der Autor ist erreichbar unter: fasse@handelsblatt.com

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×