Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.02.2012

09:37 Uhr

Kommentar

Griechen verdienen Respekt - und Hilfe

VonRuth Berschens

Das zweite Rettungspaket für Griechenland ist eine gute Lösung - aber ob der Plan der Euro-Zone auch aufgeht, ist ungewiss. Am Ende entscheidet allein das Wachstumstempo, ob das Land aus der Überschuldung findet.

Auf eine Europafahne fallen Euro Münzen. dpa

Auf eine Europafahne fallen Euro Münzen.

„Ja, mach nur einen Plan und sei ein großes Licht und mach dir einen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.“ An diese Worte aus Bertolds Brechts Dreigroschen-Oper werden sich die Griechenland-Retter künftig noch öfter erinnern. Der Plan der Euro-Zone lautet: Griechenlands Schuldenlast sinkt von derzeit fast 170 Prozent auf 120,5 Prozent bis 2020. Dass die Führung der Währungsunion den verbleibenden griechischen Schuldenberg sogar auf das Komma genau vorausberechnete, ist ein Witz. Wie sich der Schuldenberg im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt entwickelt, hängt von der künftigen Wirtschaftsentwicklung des Landes ab. Die aber kann niemand vorhersagen. Keiner kann wissen, wann das Land aus der tiefen Rezession herausfindet und wie stark die griechische Wirtschaft dann wachsen wird. Davon allein hängt aber ab, wie die griechische Schuldenquote 2020 aussehen wird. Vielleicht steht das Land dann schlechter da als heute geplant, vielleicht aber auch viel besser.

Genauso sieht es mit der zweiten zentralen Zahl aus, die Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker heute früh nach einer langen Verhandlungsnacht präsentierte: Die Euro-Staaten geben Griechenland noch einmal Kredit - 130 Milliarden Euro bis 2014. Ob es dabei bleiben wird, steht in den Sternen. Denn niemand weiß, ob Griechenland sich nach 2014 wieder selbstständig an den Märkten finanzieren kann. Aus heutiger Sicht klingt das eher unwahrscheinlich. Deutschland und die anderen Geber-Staaten sollten sich darauf einstellen, dass sie einen Teil der Kredite an Griechenland irgendwann abschreiben müssen. Aus deutscher Sicht wäre das nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch moralisch gerechtfertigt. 

Das neue Rettungspaket für Griechenland

Zweites Rettungspaket zugesagt

Schon im vergangenen Juli hatten die Europartner Griechenland ein zweites Rettungspaket zugesagt. Nach vier weiteren EU-Gipfeln und einem letzten, 13-stündigen Verhandlungsmarathon der Finanzminister bis zum Dienstagmorgen stehen die Einzelheiten fest.

Ausstehende Kredite verringert

Die Privatgläubiger erlassen Griechenland 53,5 Prozent der ausstehenden Kredite. Wenn sich ausreichend Banken beteiligen, sinkt die Schuldenlast um 107 Milliarden Euro.

Tausch in Anleihen

Der Rest der Privatschulden wird in neue Anleihen mit Laufzeiten von elf bis 30 Jahren umgetauscht. Dafür erhalten die Banken geringe Zinsen von zwei bis 4,3 Prozent. Insgesamt spart Athen dadurch in den kommenden acht Jahren 150 Milliarden Euro ein.

Schuldenumtausch wird versüßt

Die internationalen Geldgeber „versüßen“ den Banken den Schuldenumtausch, indem sie die neuen Anleihen mit 30 Milliarden Euro absichern.

Neue Notkredite gewährt

Athen erhält neue Notkredite von 100 Milliarden Euro. Ob der Internationalen Währungsfonds (IWF) davon - wie bei den Programmen für Portugal und Irland - jeweils ein Drittel übernimmt, ist noch nicht klar. IWF-Chefin Lagarde will den Beitrag auch davon abhängig machen, ob die Eurozone ihren dauerhaften Rettungsfonds aufstockt.

Gewinne gehen zurück

Die nationalen Notenbanken geben die Gewinne aus ihren Griechenland-Krediten an Athen zurück. Das soll die Schuldenlast Athens um 1,8 Prozentpunkte senken.

Zinsen werden gesenkt

Die Zinsen für die bereits gewährten Notkredite werden auf 1,5 Prozentpunkte oberhalb des Euribor gesenkt.

Schuldenlast wird kleiner

Der Schuldenerlass und die neuen Finanzspritzen sollen es Athen ermöglichen, seine Gesamtverschuldung bis 2020 von mehr als 160 auf 120,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zu senken.

Sperrkonto für die Tilgung

Ein Teil der neuen Kredite fließen auf ein Sperrkonto, damit Athen seine anfallenden Schulden künftig auch zurückzahlen kann. Der Schuldendienst hat Vorrang vor anderen Staatsausgaben. Auf dem Konto muss ausreichend Geld für die Schuldentilgung der folgenden drei Monate liegen.

Kontrolle durch Experten

Die Umsetzung des Spar- und Reformauflagen wird von Experten der EU-Kommission permanent in Athen überwacht. Deutschland ist bereit, dazu Fachpersonal zu entsenden.

Schließlich hat Deutschland selbst nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Schuldenerlass profitiert. Die USA verzichteten 1953 auf über 60 Prozent ihrer Forderungen an Deutschland. Daran sollte jeder denken, der sich beschwert, falls es einmal zu einem staatlichen Schuldenschnitt für Griechenland kommt.

Auch wenn Griechenlands Zukunft unsicher bleibt ist die gefundene Lösung eine gute Nachricht für die Euro-Zone. Politisch ist sie gut, weil sie zeigt, dass die Euro-Staaten in der Not zusammenhalten. Das ist ein wichtiges Signal an die Welt. Ökonomisch ist sie gut, weil eine Staatspleite Griechenlands das Vertrauen der Anleger in die Euro-Zone insgesamt noch einmal schwer erschüttert hätte - mit negativen Folgen für Portugal, Spanien, Irland und letztlich auch Deutschland.

Ruth Berschens, Korrespondentin in Brüssel. Pablo Castagnola

Ruth Berschens, Korrespondentin in Brüssel.

Griechenland hat nun einen sehr schweren Weg vor sich. Alle Institutionen des Landes werden vom Kopf auf die Füße gestellt und völlig neu aufgebaut. Die Einkommensverluste für breite Bevölkerungsschichten sind gewaltig. Für diese Anstrengung haben die Griechen Respekt verdient - und keine Häme von ewigen Besserwissern aus Deutschland und anderswo. 

Kommentare (49)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Thomas-Melber-Stuttgart

21.02.2012, 09:47 Uhr

Nun, Frau Berschens, sehen wir doch erst einmal, ob die Zusagen der Griechen eingehalten werden. Der Vertrauensvorschuß, den es bisher gab, ist nun nämlich aufgebraucht.

KatzeImSack

21.02.2012, 09:48 Uhr

Wofür denn Respekt und Hilfe?
Respekt, weil sie seit Eintritt in die EU knapp 90 Mrd. Euro erhalten haben - ein großer Marshallplan!! - und nichts damit auf die Reihe gekriegt haben? Respekt für das Lügen und Tricksen und Täuschen? Respekt dafür, daß weiterhin Fakelaki an der Tagesordnung sind? Respekt dafür, daß der große Staatsapparat versprochen(!) wurde, reduziert zu werden? Respekt für die verkrusteten Strukturen, die nur Geld kosten und den Wettbewerb behindern?
Dafür also Hilfe? Die brauchen Hilfe bei den Steuereintreibern. Denn es ist schon grausam: Wir hier in Deutschland werden gemolken bis zum Abwinken, und die Griechen bringen ihr Geld in die Schweiz!
Lächerlich, Frau Behrschens.

Account gelöscht!

21.02.2012, 09:51 Uhr

Meinen Respekt haben die erst, wenn sie nicht nur bei dem kleinen Mann sparen, sondern auch bei der Korruption einen Riegel vorgeschoben haben und auch die Oberschicht mal zum Zahlen bewegen.
Die Einkommensverluste sind gewaltig? Liegen sie auf dem Niveau vor dem Euro? Denn genau da müssen sie hin. Der Rest ist mit ergaunertem Geld bezahlt worden, deren Fluß jetzt versiegen muß.

Darüber hinnaus muss man es sich als Deutscher nicht gefallen lassen, Fr. Merkel als NAZI dazustellen. Fr. Merkel vor einem Naziaufmarsch zu stellen wäre vielleicht noch okay gewesen. Ihr eine Uniform und Adolfssymbol zu verpassen ist eine Frechheit.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×