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18.06.2012

22:15 Uhr

Kommentar

Großbritannien vor der „Rein oder raus“-Frage

VonMatthias Thibaut

Die Krise im Euro-Raum hat in Großbritannien die Reihen der Euro-Skeptiker permanent erweitert. Die Forderungen nach einem EU-Referendum werden immer lauter. Und es wird kommen - die Frage ist nur wann.

Der Autor ist Korrespondent in London. Pablo Castagnola

Der Autor ist Korrespondent in London.

In den Hauptstädten der Euro-Länder werden die Briten nur noch als irritierendes Moment empfunden. Statt in die Tasche zu greifen, gehen sie mit Belehrungen auf die Nerven. Aber auch andersherum wächst die Irritation. Jedes Mal, wenn die Bundeskanzlerin von „Politischer Union" als einziger Lösung der Krise spricht, rückt das britische EU-Austrittsreferendum näher. Die Rufe nach mehr politischer Integration bestätigen, was britische Euro-Skeptiker immer wussten: Ein funktionsfähiger Euro ist mit ihren Begriffen von Souveränität und Selbstbestimmung unvereinbar.

Die Auswirkungen der Krise auf der Insel sind immens, wirtschaftlich und politisch. Premier Cameron und sein Schatzkanzler Osborne fordern die Euro-Zone auf, der „gnadenlosen Logik einer Währungsunion zu folgen“ und Schulden und Haushaltskontrolle zu vergemeinschaften. Aber sie tun es aus Angst und wissen gut, dass sie damit ihre eigene Europapolitik in die Enge treiben. Je erfolgreicher die Versuche, den Euro zu retten, desto weniger Raum bleibt für die Ambivalenz, die Großbritanniens Zugehörigkeit zu Europa charakterisiert und in Wahrheit ihre Grundbedingung ist.

„Teil von Europa, aber nicht regiert von Europa“, definierte Außenminister William Hague diese Haltung und beschrieb Großbritanniens gottgegebene Lage zwischen dem Kontinent und dem offenen Meer. Aus britischer Sicht steht das für Pragmatismus und politischen Realismus, auf dem Kontinent sieht man den Mangel an europäischer Solidarität. Die Briten, sagte man abschätzig, wollten ja nur von einer Freihandelszone profitieren. Nun wird es auf beiden Seiten eng. Die Euro-Krise hat alle Briten zu Euro-Skeptikern gemacht. Nie war die Forderung nach einem EU-Referendum so laut. Mit jedem neuen Euro Rettungsversuch rückt die „Rein oder raus“-Entscheidung näher.

80 Prozent der Briten fordern das Referendum, darunter die Anti-Europapartei UKIP, rechte Torys, auch Proeuropäer wie Ex-EU-Kommissar Lord Mandelson. Dieser würde lieber warten, bis sich der Euro stabilisiert hat und die Erfolgsaussichten weniger düster wären, aber 50 Prozent wollen sofort austreten, darunter immer mehr Tory-Parlamentarier, die sogar den Glauben an den gemeinsamen Markt aufgeben. Nun sehen sie nur noch eine Reguliermaschine, die britische Wirtschaftskraft bremst und der City an den Kragen will. Solche Euro-Skeptiker sehen ihr Land nicht mit einem blühenden Wirtschaftsraum verbunden, sondern „an eine Leiche gekettet“, wie der Tory-Euro-Gegner Douglas Carswell denkwürdig formulierte. Britische Euro-Skeptiker sind nicht protektionistische Nationalisten, sondern weltzugewandte Globalisierer, die ihr Land als „Schweiz mit Atomwaffen“ oder als Offshore-Handelszentrum à la Hongkong sehen.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

18.06.2012, 22:54 Uhr

Tja, was soll man sich da wünschen? Einerseits wäre GB mit seiner liberalen Tradition ein wichtiges Gegenwicht zum französischen Etatismus und zu südeuropäischen Transferforderungen. Andererseits hat Cameron bewiesen, dass er lieber für das heimische Publikum eine Show abliefert, als konstruktiv mitzuarbeiten. Der Höhepunkt waren dann ultimative Forderungen an Deutschland, doch bitte sofort via Generalhaftung den Euro zu retten - nur GB würde natürlich keinen Cent dazu beitragen und keinerlei Souveränitätsverlust akzeptieren. Angesichts einer solchen Mischung aus Egoismus und Obstruktion wäre ein Austritt nicht wirklich ein fataler Verlust, oder? (Wie dabei die City als reines Offshore-Finanzzentrum ihre heutige Macht behalten will bleibt freilich etwas rätselhaft.)

VIP

18.06.2012, 23:09 Uhr

British media arrogance is not another addition Europe needs. If you ever read the Economist, you know that Britain is not part of Europe, it's not even its own continent, it's a god-given Britain. It's economy is in deep trouble and fortunately they didn't adopt the Euro, it would now be long gone.

ForzaEURO

18.06.2012, 23:41 Uhr

Sehr geehrter Herr Thibaut, Ihren Beitrag verstehe ich nun so, dass die Briten ziemlich ziellos wirken. Die Absichten eine neue europäische Politik gestalten zu können, hängt doch von vielen sehr spekulativen Wenns ab, dass ich die britische Europapolitik für doch etwas weltfremd erachte.

So unwahrscheinlich wie es ist, dass der Euro aufgegeben wird, so unwahrscheinlich ist es derzeit auch, dass England dem EURO beitritt. Dies dürfte mit einem weiteren Verfall der Wirtschaft in England auch faktisch nicht mehr möglich sein.

Die Engländer führten in Europa wie seit jeher eine Politik des divide et impera. Allerdings scheinen die Briten noch nicht gemerkt zu haben, dass sie längst nicht mehr in Europa politisch vorherrschen.

Die Kopflastigkeit der englischen Bankwirtschaft zum produzierenden Gewerbe in England ist extrem ungünstig. Die Nettoverbindlichkeiten der englischen Banken zum britischen BIP sind so hoch, dass man sagen kann, dass die Briten mit ihren britischen Banken auf einer tickenden Zeitbombe sitzen.

Es hilft nichts, wenn sie auf den Euro schimpfen, weil es für das Handling dieses Bankenrisikos in Engaland nicht von ausschlaggebender Bedeutung sein kann, ob der Euro nun exitsiert oder nicht.

Tick, tick, tick... Aber vielleicht geben die Engländer einfach mal wieder etwas interessantere Produkte in den Markt, lernen wieder Fremdsprachen und sind in der Zusammenarbeit auf dem Festland einfach mal wieder etwas freundlicher.

Und ansonsten bleibt den Briten nur noch folgendes zu sagen: Entschuldigt bitte, dass wir auch eine Krise haben. Wie konnten wir dabei nur vergessen, dass es den Engländern dann auch schlecht geht?! Bei der nächsten Krise sind die Engländer dann aber vielleicht aus der EU ausgetreten und die Krise findet deshalb dann ohne England statt :-)

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