Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.12.2013

16:45 Uhr

Kommentar

Heute ein König, morgen ein Diener

VonOliver Stock

Sigmar Gabriel hat die Basis hinter sich gebracht. Doch der Triumph währt nur für einen Tag. Am Sonntag hat er die Ministerposten offiziell verkündet – und darin liegt ein großes Risiko für den SPD-Chef.

SPD-Chef Sigmar Gabriel: Die Schlacht hat er gewonnen, die Wahl aber immer noch verloren. AFP

SPD-Chef Sigmar Gabriel: Die Schlacht hat er gewonnen, die Wahl aber immer noch verloren.

DüsseldorfSigmar Gabriel hat seine Sozialdemokraten davon überzeugen können, dass die Große Koalition mir der Union eine gute Sache sei. Er hat die Basis gefragt, und sie hat sich für sein Anliegen entschieden. Manch einer zähneknirschend, aber letztlich eben verantwortungsbewusst, denn das Chaos, dass ein mehrheitliches „Nein“ ausgelöst hätte, mochten sich auch die Kritiker nicht antun.

Gabriel und jene, die er nun als Regierungsmannschaft aufstellt, sind die Sieger in diesem Prozess, der nicht von Anfang ein Selbstläufer war. Doch der Triumph währt nur für einen Tag.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Am Sonntag schon ist er so alt wie die Zeitung von gestern. Aus König Sigmar wird dann Diener Gabriel. Denn dann geht es um die Rollenverteilung in der Regierungsmannschaft und da wird Gabriel derjenige sein, dem als Wirtschafts- und Energieminister eine verantwortungsvolle Aufgabe zufällt.

Unter den Augen der Kanzlerin und kontrolliert von einem Finanzminister, der wahrscheinlich wieder Wolfgang Schäuble heißt, kann er nicht Parteipolitik, sondern muss Wirtschaftspolitik betreiben. Er muss liefern und er kann nicht ausscheren.

Die SPD-Minister in der Großen Koalition

Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel (54): Wirtschafts- und Energieminister

2009 wurde er jüngster Parteichef seit Willy Brandt. Der gelernte Lehrer war zudem mit 40 Jahren in Niedersachsen jüngster deutscher Ministerpräsident (1999-2003). Von 2005 bis 2009 erwarb er sich als Bundesumweltminister Ansehen und Expertise im Bereich erneuerbare Energien. Ein politisches Naturtalent und begabter Redner, der aber auch als launisch gilt. Kommt aus sogenannten schwierigen Verhältnissen, das hat ihn tief geprägt. Der Vater war überzeugter Nazi, Gabriel musste gegen seinen Willen nach der Trennung der Eltern zeitweise beim Vater leben. Lebt mit seiner zweiten Frau, einen Zahnärztin, und seiner kleinen Tochter in Goslar.

Frank-Walter Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier (57): Außenminister

Kanzleramtschef zu rot-grünen Zeiten, strickte für Gerhard Schröder an der „Agenda 2010“ mit. Dann wurde der Jurist geachteter Außenminister (2005 bis 2009). Er ist stets exzellent vorbereitet, bürgernah, humorvoll. Seitdem der Westfale und Schalke-04-Fan in Brandenburg seinen Wahlkreis hat, ist die Region seine zweite Heimat geworden. Bei der Bundestagswahl gewann er das einzige Direktmandat der SPD im Osten. Steinmeier ist verheiratet mit einer Verwaltungsrichterin, der er eine Niere spendete, beide haben eine Tochter.

Heiko Maas

Heiko Maas (47): Justizminister

Der ehemalige Zögling des früheren SPD-Chefs Oskar Lafontaine ist die größte Überraschung bei der Neuverteilung der Posten auf SPD-Seite. Bislang war der Marathonläufer und Triathlet in der Landespolitik aktiv - seit anderthalb Jahren auch mit Erfahrung in einer großen Koalition. Seit Mai 2012 ist er Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister. Zuvor war er an der Saar schon einmal Umweltminister - damals als jüngster Minister Deutschlands überhaupt. Für sein neues Amt kann Maaß ein abgeschlossenes Jurastudium vorweisen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Barbara Hendricks

Barbara Hendricks (61): Umweltministerin

Wacht seit 2007 über die Finanzen der Sozialdemokraten, oft unterschätzt. Sie sitzt seit 1994 im Bundestag und war Parlamentarische Staatssekretärin im Finanzministerium von 1998 bis 2007. Mit 20 Jahren in die SPD eingetreten, studierte Hendricks Geschichte und Sozialwissenschaften, mit Staatsexamen für das Lehramt. Sie liebt ihre Heimat, den Niederrhein, promovierte über „Die Entwicklung der Margarine-Industrie am unteren Niederrhein“. Hendricks würde die NRW-SPD im Kabinett vertreten.

Andrea Nahles

Andrea Nahles (43): Arbeits- und Sozialministerin

Die Literaturwissenschaftlerin ist seit 2009 Generalsekretärin. Sie hat erst den Wahlkampf organisiert, dann die Koalitionsverhandlungen, schließlich den Mitgliederentscheid über die große Koalition. Zeit für ihre kleine Tochter Ella Maria und ihren Mann daheim auf einem Hof in der Eifel hat sie zurzeit wenig. „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so zufrieden“, sagte sie nach ihrer Elternzeit. Die frühere Juso-Chefin zählt längst nicht mehr zu den Parteilinken. Intern ist sie nicht unumstritten, wurde zuletzt mit schlechtem Ergebnis wiedergewählt. Hat vehement für den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde gekämpft.

Manuela Schwesig

Manuela Schwesig (39): Familienministerin

Sie ist das „Gesicht“ der ostdeutschen SPD mit einer Blitzkarriere seit ihrem Parteieintritt 2003. Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann, mit dem sie einen Sohn hat, nach Schwerin. 2002 bis 2008 arbeitete sie dort im Finanzministerium. 2008 übertrug Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) der damals 34-Jährigen Diplom-Finanzwirtin das Sozialressort. Seit 2009 ist sie auch SPD-Vize. Als Ministerin könnte Schwesig auch für das von der SPD heftig bekämpfte Betreuungsgeld zuständig sein.

Dabei die Partei weiter bei Laune zu halten, daran sind andere schon regelmäßig gescheitert– von Schröder bis Steinmeier. Die Lage ist also auch nach der Mitgliederentscheidung nicht komfortabel. Gabriel hat jetzt eine Schlacht gewonnen, die Wahl aber hat er noch immer verloren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×