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02.03.2012

15:43 Uhr

Kommentar

Hintzes Brief ist eine Unverschämtheit

VonThomas Hanke

Die Einmischungen der Bundesregierung in die wirtschaftlichen Belange von EADS gehen zu weit. Die Politik erhebt Forderungen, die jeden Respekt für die Marktwirtschaft vermissen lassen.

Thomas Hanke ist Korrespondent in Paris und Kommentator. Pablo Castagnola

Thomas Hanke ist Korrespondent in Paris und Kommentator.

Vor drei Wochen schilderte der designierte EADS-Chef Tom Enders in Paris, wie er sich den Konzern in Zukunft vorstellt: als ein ganz normales Unternehmen. Nur die Leistung der Mitarbeiter und die jeweilige Stärke der Standorte entscheiden darüber, wo etwas hergestellt wird, nicht aber ein Denken in nationalen Balancen und planwirtschaftlich zu erfüllenden Produktionsanteilen der deutschen und französischen Werke. Die deutsche und französische Regierung sollten keinen Einfluss nehmen und ihre Kapitalbeteiligung abbauen. Enders’ Vorstellung entspricht dem, was Konsens in Deutschland ist: Der Staat hält sich aus Unternehmensentscheidungen heraus.

Diesen Konsens kündigt das Bundeswirtschaftsministerium auf. Der Brief des parlamentarischen Staatssekretärs aus diesem Haus, das wie kein anderes für die Marktwirtschaft steht, bricht mit allen Traditionen. Mehr noch: Er ist eine Unverschämtheit.

Ein Politiker maßt sich an, dem Chef eines börsennotierten Unternehmens vorzuschreiben, welche Nationalität die Mitarbeiter haben müssen, wo sie einzusetzen sind, bis wann er eine Deutschland-Quote zu erfüllen hat und welche Produktions- und Entwicklungsaktivitäten in deutsche Lande zu verlagern sind. Inhalt und Ton dieses Schreibens sind so krude, dass sie wie die Persiflage aus einer Satirezeitschrift wirken. Aber es ist ernst gemeint und mit einer handfesten Drohung unterlegt: Forderungen erfüllen oder zahlen.

Enders hat zusammen mit seinem Stellvertreter Fabrice Brégier Airbus aus der Krise heraus zum Erfolg geführt. Beide gemeinsam haben ein schwieriges Kostensenkungsprogramm verwirklicht und deutsch-französische Rivalitäten im Unternehmen weitgehend verstummen lassen. Wenn Airbus am Konkurrenten Boeing vorbeigezogen ist, dann deshalb, weil Enders und Brégier den nationalen Proporz nicht mehr zum Maß aller Dinge gemacht haben.

Viele in Deutschland dachten, das sei eine Provokation für Frankreich. Wie man jetzt sieht, fühlt sich aber die Bundesregierung herausgefordert. Die Franzosen haben inzwischen ihren Frieden mit Enders gemacht. Als Noch-Airbus-Chef sollte Enders sich nicht von Hintze oder den Forderungen der CSU gegen die Verlagerung von Stabsstellen nach Toulouse beeindrucken lassen.

In der Zukunft wird er als EADS-Chef alles daransetzen müssen, noch weniger erpressbar zu sein. Den Staat als EADS-Anteilseigner zurückzudrängen ist ein Ansatz. Für private Investoren wird EADS in dem Maß interessanter, in dem sie die Gewissheit haben, dass Berlin und Paris das Unternehmen nicht mehr gängeln können. Aber das allein wird nicht genügen. Auch die Abhängigkeit von staatlicher Vorfinanzierung der Entwicklungskosten ist ein Einfallstor für das Verlangen der Politik, nationale Quoten einzuhalten und ihnen den Vorrang vor dem Wohl des Unternehmens zu geben. Auch hier muss der Flugzeugbauer noch stärker auf eigenen Beinen stehen.

Schließlich stellt sich die Frage, mit wie viel Rücksichtnahme auf politische Winkelzüge das Rüstungsgeschäft erkauft wird. Die europäischen Demokratien fallen als Großkunden angesichts anhaltender Sanierungszwänge ohnehin aus, und andere Staaten verlangen weitgehenden Technologie- und Fertigungstransfer. Enders hat noch einen steinigen Weg vor sich.

Der Autor ist Korrespondent in Paris und Kommentator. Sie erreichen ihn unter: hanke@handelsblatt.com


Kommentare (23)

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GEKO

02.03.2012, 16:30 Uhr

Kenne den Brief von Hintze aus dem Bundeswirtschaftsministrium an EADS nicht. Wenn er den in diesem Kommentar zitierten Inhalt hat, ist dies tatsächlich eine Provokation und ein grundsätzlicher Verstoss gegen die beschworen marktwirtschaftlichen Prinzipien. Stellungnahme von Rösler ist dringend gefordert ...

Thomas-Melber-Stuttgart

02.03.2012, 16:32 Uhr

Nun, ein Anteilseigner nimmt Einfluß auf die Unternehmenspolitik - was ist daran unverschämt? Machen das Frankreich und die anderen Eigentümer nicht auch?

smarty_32

02.03.2012, 16:40 Uhr

Ihr Kommentar ist 5 Jahre zu spät und hätte and die egoistische pariser Politik mit deren Industrieklauen gelten muessen. Was ist den mit Eurocopter passiert?
Alle Zentralen der Töchter sind bereits in FR!
Cassidian ist die einzigste mit Hauptsitz in DE, aber das ignorieren die Franzosen höfflich. Beispiel Talarion:
Anstatt das Projekt zu fördern macht Frankreich mit England Konkurenz mit einem eigenen Modell. Oder jüngst Rafale in Indien.
Man klaute das Know-How von Bölow-Blom und Herrn Ing. Kracht
und bezeichnet Toulouse als die "Wiege der Luftfahrt".
Das revolutionäre Fly-by-Wire System wurde übrigens von Herrn Kracht erfunden. Mit Franzosen kann man nichts zusammen machen!
siehe Siemens/Areva, etc. Einfach nur Nationalegositen.

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