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12.01.2006

10:07 Uhr

Seit langem hat es nicht mehr so große Erwartungen an den Besuch eines Bundeskanzlers in Washington gegeben. Viele hoffen auf einen Neuanfang durch Angela Merkels Visite.

Doch die Erwartungen sollten sich am Machbaren orientieren: Das Verhältnis zwischen Staaten wird weniger von Sympathien ihrer Regierungschefs als von gemeinsamen Interessen bestimmt, dem Vorhandensein einer gemeinsamen Agenda und daraus abgeleitet der Frage, über welche Mittel der Zusammenarbeit die Partner verfügen. Was das angeht, sticht hervor, dass Deutschland und die USA politisch wie ökonomisch eng verbunden sind, militärisch dagegen in verschiedenen Welten leben. Ein Blick auf den boomenden Handel und den stagnierenden deutschen Wehretat genügt, um zu erkennen, dass sich an dieser Struktur kaum etwas ändern wird.

In Deutschland besteht erneut die Gefahr, dass sich die Öffentlichkeit weniger am Machbaren als an einem Zerrbild ihrer Kanzler orientiert. Schröder haftete bis zuletzt zu Unrecht das Image an, nach dem Irak-Konflikt verwalte er nur noch ein zerrüttetes transatlantisches Verhältnis. Daran konnte auch die enge Abstimmung hinter den Kulissen nichts ändern.

Angela Merkel hat mit einem nicht weniger überzeichneten Image zu kämpfen. Gegner unterstellten ihr Washington-Hörigkeit, Anhänger dagegen die Fähigkeit zu substanziell engeren Beziehungen. Beides ist Unsinn. Das zeigt schon die für viele überraschende Kritik Merkels, die US-Regierung habe im Antiterrorkampf zu wenig die gemeinsamen Werte beachtet.

Die Qualität der transatlantischen Beziehungen erweist sich eben nicht durch bedingungslose Gefolgschaft, vor allem nicht gegenüber der Regierung Bush. Sie hängt von möglichst engen Absprachen über die politische Agenda ab. Der nächste Prüfstein wird Iran sein. In Amerika fragt man sich, wie weit die Deutschen und Europäer bei einer Eskalation im Atomstreit mitgehen. Diese Frage wird Merkel schon bald beantworten müssen. Erst dann wird sich zeigen, wie die Kanzlerin der großen Koalition innenpolitische Überlegungen und transatlantische Zusammenarbeit abwägt.

An einem wird sich jedenfalls auch unter Merkel nichts ändern: Trotz der Wertegemeinschaft unterscheiden sich die Weltsicht der USA und die der meisten Europäer. Zu Recht hat der US-Wissenschaftler Eliot Cohen darauf hingewiesen, dass die Idee des gemeinsamen „Westens“ eigentlich erst in der Zeit des Kalten Krieges entstanden ist. Damals ließ die Bedrohung durch die Sowjetunion die USA und Westeuropa zusammenrücken. Seit 1989 aber fehlt dieser äußere Druck. Die stets vorhandenen Unterschiede im Denken, in der Weltsicht und der Kultur auf beiden Seiten des Atlantiks werden seither wieder offensichtlicher. Auch vor der Kulisse des heranwachsenden Riesen China wird sich dies nicht ändern.

Ein Zurück zum alten Kuschelverhältnis kann es also nicht geben. Um in einer sich ändernden Welt bestehen zu können, sollten die Demokratien in Nordamerika und Europa aber zumindest darauf achten, nicht weiter auseinander zu driften. Diese Aufgabe mag im Vergleich zum alten Pathos bescheiden klingen. Aber genau dies ist die Herausforderung, vor der Merkel und Bush stehen.

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