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22.10.2012

16:37 Uhr

Kommentar

Im Teufelskreis des Dauersparens

VonOlaf Storbeck

Die Wirtschaftspolitiker in Europa hadern mit sich selbst. Strenges Sparen soll nun auf jahrelanges Prassen folgen. Fragt sich nur, wie sinnvoll diese Strategie ist - und ob sie überhaupt als solche zu bezeichnen ist.

Olaf Storbeck

Die Frage klingt nach dem Thema eines bestenfalls mäßig spannenden volkswirtschaftlichen Hauptseminars: Welche Größe hat der BIP-Multiplikator?

Doch was abstrakt und technisch erscheint, ist in Wahrheit eine der wichtigsten wirtschaftspolitischen Fragen überhaupt. Die Antwort hat gravierende Folgen für den Kampf gegen die Schuldenkrise und die Frage, wie ambitioniert die Austeritätspolitik sein sollte.

Der BIP-Multiplikator gibt an, wie stark das Bruttoinlandsprodukt (BIP) reagiert, wenn sich die Staatsausgaben ändern. John Maynard Keynes hat den Begriff in den 30er-Jahren in die Volkswirtschaftslehre eingeführt; die Größe des Multiplikators ist unter Ökonomen heftig umstritten.

Keynes selbst schätzte ihn auf 2,5. Dann hätte Fiskalpolitik einen enorm hohen Wirkungsgrad. Wenn die Regierung einen Euro mehr oder weniger ausgibt, würde die Wirtschaftsleistung um 2,5 Euro steigen oder sinken.

Die meisten moderne Ökonomen sind skeptischer. In vielen gängigen Modellen veranschlagen sie den Multiplikator nur auf 0,5. Staatliche Sparprogramme bremsen in diesem Fall zwar die Konjunktur, aber der Schaden hält sich in Grenzen - weil steigende Aktivitäten in der Privatwirtschaft einen Teil der Wachstumsverluste kompensieren.

Tatsächlich liegt die Wahrheit wohl in der Mitte, darauf deuten neue Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) hin, die die Washingtoner Organisation in der neuen Ausgabe ihres Weltwirtschaftsausblicks präsentiert. Der IWF hat den Zusammenhang zwischen Sparprogrammen und Konjunktur anhand von Daten aus 28 Industrieländern und für die Jahre ab 2010 analysiert.

Reform der Euro-Zone

gemeinsame Bankenaufsicht

Die Aufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) ist für die EU ein vordringliches Projekt. Wenn die Aufsicht für die Geldhäuser der Eurozone steht, kann der Rettungsfonds ESM marode Institute direkt rekapitalisieren. Paris drückt bei der Aufsicht aufs Tempo, Berlin hat es allerdings nicht eilig.

Reformverträge

Euro-Länder könnten mit der EU individuelle Verträge abschließen, die das Umsetzen von Reformen besiegeln. Van Rompuy stellt bei Erfolg finanzielle Anreize in Aussicht. Diese könnten aus dem Eurozonen-Budget kommen. Berlin unterstützt die Idee.

Euro-Zonen-Budget

Van Rompuy spricht nicht direkt von einem gemeinsamen Budget der Euro-Länder, sondern von der Entwicklung einer „Fiskalkapazität“. Sie könnte auch Finanzschocks in einzelnen Ländern auffangen. Höhe und Herkunft des Budgets sind noch offen.

Eurobonds

Van Rompuy schlägt vor, „sichere und liquide Finanzanlagen“ für den Euroraum zu schaffen - das könnten Eurobonds oder Eurobills (kurzfristige Anleihen) sein. Berlin lehnt gemeinsame Anleihen im Währungsraum weiter ab.

Tilgungsfonds

Staatsschulden könnten unter bestimmten Auflagen in einen Tilgungsfonds für Altlasten überführt werden, schreibt Van Rompuy. Berlin weist die Idee zurück.

Schäubles Vorschläge

Schäuble fordert einen stärkeren EU-Währungskommissar, der Länderhaushalte mit zu hohen Defiziten an nationale Parlamente zurückverweisen könnte. Außerdem plädiert er für rasche Veränderungen des EU-Vertrags. Dafür ist allerdings Einstimmigkeit unter den 27 EU-Staaten nötig.

Zwar habe Keynes den Multiplikator überschätzt, seine heutigen Fachkollegen aber hätten sich deutlich nach unten verhauen. Der BIP-Multiplikator erweist sich nach den neuen IWF-Schätzungen als mindestens doppelt so groß wie von den meisten Volkswirten bislang angenommen - er liege zwischen 0,9 und 1,7.

Aggressive Austeritätspolitik beschädigt die Wirtschaftsleistung demnach deutlich stärker, als Volkswirte bislang geglaubt haben. Das gelte offenbar vor allem in wirtschaftlichen Krisenzeiten mit wenig Wachstum und dann, wenn die traditionelle Geldpolitik ihr Pulver weitgehend verschossen hat, so der IWF.

Kommentare (15)

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Account gelöscht!

22.10.2012, 18:25 Uhr

Einen EU-Solidaritaetszuschlag einzuführen auf alle Einkommen EU-weit, z.B. fuer Gehälter ab 50T€ wäre eine Lösung - ehrlich und effektiv.

Jeder Bürger wüsste am Monatsende was der Spass kostet und wäre wahrscheinlich wirtschaftlicher als 25% Arbeitslosigkeit in Volkswirtschaften, die im Sparmodus noch nie funktioniert haben.

Klaus

22.10.2012, 19:03 Uhr

Die erste Frage ist doch zunächst, worauf ein (hohe) Haushaltsdefizit zurückzuführen ist.
Die Antwort darauf muss den Kurs bestimmen. Was nutzen wir Konjunkturprogramme, wenn dadurch nur die Schulden erhöhrt und kaum oder nur kurzfristig Arbeitsplätze geschaffen werden, die konsumptiven Ausgaben aber bestehen bleiben?

M.E. müssen sowohl Kürzungsprogramme im konsumptiven Bereich, als auch Anreize zur Konjunkturerholung Hand in Hand gehen.

Folgen Kürzungen auf Kürzungen auf Kürzungen, ist der Supergau in greifbarer Nähe.

Egal, wie man zu Griechenland steht, es erweist sich jedoch, dass die bisher ergriffenen Maßnahmen nicht der Weisheit letzter Schluss waren.

M.E. wäre von Anfang an ein satter Schuldenschnitt, gefolgt von drastischen Kürzungen im konsumptiven Bereich und eine Art Marshallplan der bessere Weg gewesen.

Da die Knete aber für die Banken und die Hedgefonds benötigt wurde, gab es natürlich keine Alternativen (um es mal salopp auszudrücken).

Light

22.10.2012, 23:28 Uhr

Leute,die Medien was wir hier grade sehen,ist reine Manupulation an uns, die wollen uns damit sagen,dass die Regierung Sparen muss und euch ins gewissen redet,dass der Staat verschuldet ist,obwohl es nicht so ist,die Uhr die immer verschuldet ist und niemand gegen die Uhr was gemacht hat,die auf Null zu bekommen,sieht man das nur eine Manupilation der Menschheit geht,die Uhr können sie morgen,wenn sie wollen abhängen,die haben kein Problem damit,aber die haben dann ein Problem mit uns Menschen,wie sollen die Geld von bekommen,wenn die keine mittel haben,was zu erfinden,wie?! Deswegen ist die Uhr da...diie Regierung müssen nicht sparen, die haben sogar Geld für uns alle übrich,aber was dann,wenn sie uns geld geben,dann haben wir auch eine Art Macht und können was sagen gegen die machen. So denken die Politiker,die wollen alles nur für sich und ihr Ego. Aber man kann eine Politik auch zusammen Führen,die alle Geld haben und alle Gleich sind und zufrieden,wie wir auch erschaffen wurden,GLEICH, keine Gewalt ,keine Folterung, keine Kriege,das ist die richtige Welt und nicht in der wir momentan noch leben. Wir werden von Reptilien regiert und nicht vom Menschen.

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