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21.06.2013

16:40 Uhr

Kommentar

In der EU käme Erdogan nicht klar

VonKatrin Elger

Die Europäische Union will vorerst keine Beitrittsgespräche mehr mit der Türkei führen. Viele junge Türken können das zwar nachvollziehen. Für sie ist es trotzdem ein harter Schlag.

Katrin Elger ist Chefredakteurin der App Handelsblatt Live und berichtet derzeit vor Ort von den Geschehnissen in der Türkei.

Katrin Elger ist Chefredakteurin der App Handelsblatt Live und berichtet derzeit vor Ort von den Geschehnissen in der Türkei.

Jetzt stehen also auch noch die Beitrittsgespräche der Türkei mit der Europäischen Union (EU) auf der Kippe. Weder die deutsche Kanzlerin hat in der derzeitigen Situation große Lust, das nächste Kapitel der Verhandlungen zu öffnen, noch die niederländische Regierung. Damit ist die Sache erst einmal vom Tisch. Glücklicherweise.

Denn nach der Vorstellung, die der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in den vergangen Wochen abgeliefert hat, fallen einem nicht mehr viele Argumente ein, die für einen EU-Beitritt der Türkei sprechen. Tausende Verletzte und vier Tote gab es bei den Straßenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten rund um den Istanbuler Gezi-Park. Ärzte, die helfen wollten, kamen genauso ins Gefängnis wie Anwälte, die gegen Erdogans AKP-Partei aufbegehrten. Auch Menschen, die der Machtapparat als twitternde Gefahr für den sozialen Frieden ausmachte, landeten hinter Gittern.

Längst geht es nicht mehr um die grundsätzliche Frage, ob ein muslimisches Land überhaupt zur EU passen kann oder nicht. Wer sich daran bisher abgearbeitet hat, kann sich getrost wichtigeren Problemen zuwenden: der mangelnden Meinungsfreiheit in der Türkei zum Beispiel, der wachsenden Medienzensur oder der staatlichen Willkürherrschaft Erdogans.

Hinzu kommt: Wie sollte einer wie Erdogan, der selbst im eigenen Land keine Quer- und Freidenker ertragen kann, in einer politischen Gemeinschaft wie der EU klar kommen? In einem Verbund, in dem möglicherweise kein einziger seiner Meinung ist?

Viele der jungen und gebildeten Türken können verstehen, dass die EU einen wie Recep Tayyip Erdogan nicht mehr haben will. Sie würden ihn ja am liebsten selbst loswerden. Schön ist es trotzdem nicht, dass es mit der Europäischen Union jetzt erst einmal nichts wird. Ein Beitritt hätte nicht nur wirtschaftliche Vorteile für Handel und Industrie gebracht, sondern auch persönliche. Problemlos und visumsfrei nach Italien, Deutschland oder Frankreich in den Urlaub reisen zu können, zum Beispiel, das wünschen sich die meisten. Außerdem nimmt die fehlende EU-Perspektive den Reformdruck von Erdogan. Gerade in diesen schwierigen Zeiten wäre der jedoch wichtig gewesen.

Den Demonstranten vom Taksim-Platz bleibt nichts anderes übrig, als auf die nächsten Wahlen in der Türkei zu warten. Wenn sie Glück haben, werden Erdogan und seine AKP für ihre Herrschsucht abgestraft. Wenn nicht, werden sie vermutlich nie EU-Bürger werden. Die AKP wäre darüber vermutlich gar nicht so traurig.

Kommentare (22)

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Account gelöscht!

21.06.2013, 17:18 Uhr

Welch eine weise Einsicht, daß kein Platz für den autoritären Islamisten Erdogan (auch wenn verschiedene Atlantikbrücken-Mitglieder ihn als islamischen "Christdemokraten" verharmlosen wollen) und auch nicht für seine doch sehr zahlreichen Anhängern in der EU sein kann.

Zudem anerkennt die Türkei ein Mitgliedsland der EU nicht an (Zypern) und hat einen Teil davon besetzt. Eine Aufnahme in die EU ist schon daher äußerst absurd

Der einzige Grund für die "Beitrittsverhandlungen" sind die geostrategischen Machtinteressen der USA, die das Land sicher "im Sack" haben wollen, so wie sie auch den Rest Brüssel-Europas schon haben. Sowohl die Interessen der EU-Länder als auch der Türkei, insbesondere die der Bevölkerungen, sind diesen machteliten-finanzierten Geostrategen völlig egal. Es gibt keinen Grund, warum EU und Türkei nicht ohne eine formale Fusion im Interesse ihrer Bevölkerungen gut zusammenarbeiten könnten - auf einer viel flexibleren Basis als es eine starre EU-Mitgliedschaft wäre. Zumal die EU gerade schon ausreichend "Integrationsprobleme" mit ihren derzeitigen Mitgliedern hat.

Wenn eine solche realistische Sicht den USA -deren Protege Erdogan ist - nicht paßt, dann sollen sie doch die Türkei selbst als weiteren Staat in die Union aufnehmen. Hawai dürfte ähnlich weit entfernt sein - von daher dürfte dies kein Problem sein.

kraehendienst

21.06.2013, 17:42 Uhr

Man könnte sich wundern oder aufatmen, dass es in den Kröpfen der EU doch noch die Vernunft des Rückzugs gibt. In ihrem rücksichtslosen, mehr als napoleonischen Vergrößerungswahn war das schon ganz als gedankliche Möglichkeit ausgelöscht.

Account gelöscht!

21.06.2013, 18:05 Uhr

Warum sollte man sich diesen Sprengsatz innerhalb der EU aufhalsen? Hat die EU nicht schon genug Probleme rund um ihren Zusammenhalt? Und freies Reisen für junge Türken ist da wirklich kein Gesichtspunkt. Die wirtschaftliche Verbindung funktioniert auch so, schon, weil die Türkei gar keine andere gleichwertige Wahl hat.

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