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04.05.2012

12:52 Uhr

Kommentar

Isolierte Energiewende ist kontraproduktiv

VonHans-Jürgen Schürmann

Deutschlands Stromversorgung ist überteuert und mit Engpässen konfrontiert. Auch der Ausblick sieht risikoreich aus. Wenn der Atomausstieg langfristig gelingen soll, muss der Kurs immer wieder korrigiert werden.

Die Ausbaupläne für Windkraft auf See drohen zu scheitern. dapd

Die Ausbaupläne für Windkraft auf See drohen zu scheitern.

Die Bundesregierung ringt weiterhin um einen Energiekonsens. Sowohl bei der Umsetzung der von der EU-Kommission geplanten Energieeffizienz-Richtlinie als auch der notwendigen Reformierung des "Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG)" finden die Berliner Koalitionsparteien nur faule Kompromisse. Deutschlands Stromversorgung ist im internationalen Vergleich überteuert und mit erheblichen Engpässen konfrontiert.

Auch der längerfristige Ausblick sieht risikoreich aus. Auf der einen Seite sollen bis spätestens Ende 2022 alle kostengünstig rund um die Uhr produzierenden Kernkraftwerke vom Netz genommen werden. Auf der anderen Seite drohen die Ausbaupläne für Windkraft auf See trotz attraktiver staatlicher Vergütungs- sowie Vorrangprivilegien zu scheitern. Die notwendigen Offshore-Netzanschlüsse und die Trassen für die überregionalen Stromtransporte verzögern sich gewaltig. Gleichzeitig zeigt sich, dass weder neue flexible Gaskraftwerke als Kapazitätsreserven in Süddeutschland rechtzeitig und ausreichend gebaut werden noch genügend russische Gasangebote zu wirtschaftlichen Bedingungen immer zur Verfügung stehen.

Vor diesem Hintergrund muss auch die Gretchenfrage gestattet sein, inwieweit die erneuerbaren Energien bis Anfang der nächsten Dekade die Leitfunktion in der Stromversorgung verlässlich und international wettbewerbsfähig übernehmen können und ob die Energiewende damit unumkehrbar ist. Die Politiker wiederholen zwar schon gebetsmühlenartig, dass die deutsche Sonderrolle sich langfristig sowohl gesamtwirtschaftlich als auch ökologisch auszahlt. Doch findet der nationale Alleingang beim Kernenergieausstieg keine internationalen Nachahmer. Im Gegenteil: In den USA und in Asien werden weitere Reaktoren geplant; in den europäischen Nachbarländern sind gleichfalls neue Anlagen und Standorte in der Prüfphase.

Sicher ist heute nur, dass die fossilen Energierohstoffe trotz technischer Durchbrüche wie zum Beispiel bei der Gasförderung aus Schiefergestein in den USA in ihren Preisbewegungen unkontrollierbar bleiben und die regenerativen Energien in der Regel unstetig anfallen. Noch stehen ausreichend wirtschaftliche Speicherkapazitäten in den Sternen. Wesentlich für die Gestaltung einer funktionsfähigen Energieversorgung sind daher Rahmendaten, die ein lernfähiges System mit Investitionsfreiheiten und Eigenverantwortung statt staatlicher Interventionsspiralen und Verboten ermöglichen. Von diesem Leitbild ist die deutsche Energiepolitik weit entfernt. Die nationale Energiewende ist ein isoliertes Vorpreschen und viel zu hektisch angelegt.

Noch existiert Zeit für einen energiepolitischen Strategiewechsel mit mehr Flexibilität für den Einsatz von Atommeilern: verschärfte sicherheitstechnische Auflagen mit Nachrüstpflichten auf der einen Seite und Energieinvestoren stärker in die Eigenverantwortung für wirtschaftliche Entscheidungen nehmen auf der anderen Seite. Energiepolitische Verbote verengen dagegen die Handlungsspielräume und werfen Deutschland im internationalen Wettbewerb um besonders kosteneffiziente Versorgungsoptionen zurück. Was zudem vergessen wird: Die CO2-freie Kernenergie ermöglicht eine standortverträgliche ökologische Vorsorge.


Kommentare (9)

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04.05.2012, 23:09 Uhr

herausragender Artikel und man kann nur hoffen, dass sich ausser der PdV noch andere Parteien kritisch gegen eine viel zu verfühte Enerfiewende positionieren werden. Auch sollte viel mehr offen über die vielen Vorzüge der Kernenergie geredet werden, so wie es hier am Ende des Artikels anklingt.
Wenn der Energieminister der USA u. Nobelpreisträger für Physik, Steven Chu sagt, dass normale Kohlekraftwerke 100x soviel Strahlung emittieren wie ein 0815 KKW, dann glaube ich ihm und nicht ARD oder ZDF.
DIese Energiewende ist ein einziges Lügengebilde für Leichtgläubige ...einfach nicht zu fassen was in Deutschland abgeht.

rxm

05.05.2012, 06:30 Uhr

Keine Ahnung was in den Köpfen unserer Regierenden vorgeht, aber für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist diese Energiepolitik der Supergau. Und auch für den Normalbürger wird dieses Experiment Energiewende immer teurer.

laika0231

05.05.2012, 11:22 Uhr

Leder ein sehr einseitig auf Atomenergie gemünzter Artikel.
Will der Autor die Erneuerbaren Energien gegen AKW ausspielen? Der Drops ist gelutscht, kein AKW wird so günstig produzieren können wie Wind- und PV-Kraftwerke.
Nicht umsonst ziehen sich RWE und E.ON gerade aus ihren geplanten AKW-Neubauten in England zurück.
Die Aussage, dass "der nationale Alleingang beim Kernenergieausstieg keine internationalen Nachahmer findet" ist falsch. Die Schweiz, Italien, Japan und diverse andere Länder weltweit haben ihre Lektion aus Fukushima gelernt. Zu meinem Bedauern hat das Gedächtnis von Herrn Schürmann eine Halbwertszeit, die eher im Bereich von Jod 131 liegt.
Jetzt heißt es Ärmel aufkrempeln für die Energiewende - nicht jammern!

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