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22.06.2012

12:25 Uhr

Kommentar

Ist die „Bild“ Segen oder Fluch?

VonWolfgang Reuter

Die „Bild“ wird 60 Jahre alt. Deutschlands führendes Boulevard-Blatt ist das pralle Leben, mit Sternstunden und Abgründen. Und „Bild“ polarisiert - immer noch. Die Kritik der linken Eliten aber zeugt von einem Menschenbild unmündiger Bürger.

Nur eine von vielen Schlagzeilen, die Geschichte schrieb: Ein riesiges Plakat an der Fassade des Axel-Springer-Hochhauses, das Papst Benedikt XVI auf einer Titelseite der „Bild“ zeigt. dpa

Nur eine von vielen Schlagzeilen, die Geschichte schrieb: Ein riesiges Plakat an der Fassade des Axel-Springer-Hochhauses, das Papst Benedikt XVI auf einer Titelseite der „Bild“ zeigt.

Der "Zeit"-Reporter Ulrich Stock hat die "Bild"-Zeitung einmal mit einem Jahrmarkt verglichen: "mit Schießbuden, Achterbahnen, Gruselkabinetten, Fischbrötchen, Handlesen und Hau-den-Lukas".

Am Sonntag wird "Bild" 60 Jahre alt - und noch immer ist das Blatt laut, grell, bunt - selten dumm, manchmal vulgär, gelegentlich hintergründig, schon auch mal ungerecht und verletzend, oft kreativ, häufig platt, ab und zu genial, immer unterhaltsam und niemals langweilig.

"Bild" ist das pralle Leben mit seinen Sternstunden und seinen Abgründen. Und "Bild" polarisiert - immer noch.

Für Günter Grass ist das vom Presserat meistgerügte Blatt Deutschlands ein "Instrument des Appells an die niederen Instinkte" und "regelrecht widerlich". Sein Schriftstellerkollege Max Goldt findet: "Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen." "Bild"-Redakteure hält er für "schlechte Menschen, die Falsches tun".

Viele Intellektuelle und Künstler stören sich vor allem daran, dass "Bild" die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ereignisse nicht (nur) beobachtet - sondern Position bezieht und Teil des Geschehens wird. Während andere Zeitungen oft krampfhaft versuchen, nüchtern, sachlich und - scheinbar - objektiv zu erscheinen, hält sich "Bild" mit solchen Fragen nicht auf. Von Fall zu Fall kämpfte das Blatt leidenschaftlich - gegen die Studentenbewegung, für die deutsche Einheit, gegen Sozialhilfemissbrauch oder für eine deutsche Stabilitäts- und Geldwertkultur in der Euro-Krise. "Bild" deckte Skandale wie die Bonusmeilen- und die Wulff-Affäre auf oder identifizierte pointiert und treffsicher gesellschaftliche Stimmungen, beispielsweise mit der legendären Schlagzeile: "Wir sind Papst."

Die Geschichte der Bild-Zeitung

Der Vater der Bild-Zeitung

Axel Springer hatte ein großes Ziel: Er wollte "das größte Zeitungshaus Europas" schaffen - und es gelang ihm. Streitbar war der Verleger der Bild-Zeitung immer, aber besonders Ende der 60er-Jahre. Der Historiker Tim von Armin hat Springers Leben in seiner Biografie "Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen" (Campus Verlag) festgehalten. Es folgt der spannende Teil über die Einführung der Bild-Zeitung.

Die Vorbilder

Inspiriert wurde Axel Springer von der Hamburger Morgenpost und dem britischen Daily Mirror. Beide zielten auf die Psyche des Ins-Büro-Fahrenden, wie Springer es ausdrückte. Damals war es ungewöhnlich, dass Tageszeitungen auf dem Weg zur ARbeit erworben wurden.

Die Idee

Axel Springer persönlich war die treibende Kraft der Bild-Zeitung. Viele Details der Gründungsphase sind nur spärlich überliefert. Die Idee war von Beginn an eine am Morgen erscheinende, niedrigpreisige Boulevardzeitung. Vorbilder gab es nicht nur im Ausland ...

Die Preis-Strategie

Die Bild-Zeitung sollte der Preisführer unter den deutschen Zeitungen und schon für zehn Pfennig zuhaben sein. Das entspricht dem Bestreben, die Bedürfnisse der breiten Bevölkerung zu erfüllen. Hier sah Springer ein enormes Absatzpotenzial.

Wie es zu nackten Frauen kam

Natürlich gab es das Seite-1-Mädchen (übrigens jüngst in den Innenteil verbannt) damals noch nicht. Aber klar war von Beginn an, dass der Name "Bild"-Zeitung kein Zufall war. Springer war fasziniert von der fortschrittlichen anglo-amerikanischen Presse und der konsequenten Betonung visueller Effekte.

Das Logo

Die vier dicken Buchstaben gibt es noch heute. Entworfen hat das Logo der Werbegrafiker Günther T. Schultz, ein langjähriger Freund Springers. Über den vier Lettern stand "10 Pfg" und darunter Zeitung".

Die Seite Eins

Die erste Seite 1 der Bild-Zeitung sah völlig anders aus als heute. Sie bestand ausschließlich aus Fotos und Unterzeilen. Plus natürlich die dicke Überschrift. Die Fotos waren schwarz-weiß und entsprechend groß. So sollte die Wirkung der Bilder voll zur Geltung kommen.

Kritik daran gab es im Verlagshaus durchaus. Doch Springer setzte sich durch gegenüber der Meinung, dass eine Seite 1 nicht nur aus Bildern bestehen könne.

Die Einführung der Bild-Zeitung

Die Druckkosten-Kalkulation gab es im Oktober 1951. Es folgten viele Gespräche mit führenden Verlagsvertretern. Die erste Ausgabe hielten Leser am 24. Juni 1952. Die erste Auflage lag bei 500.000 Exemplaren. Sie wurden kostenlos in Hamburg verteilt.

Springer nutzt die kurz darauf beginnenden Olympischen Spiele in Helsinki, da gerade zu dieser Zeit das Informationsbedürfnis der Leser besonders hoch war.

Erhebliche Startschwierigkeiten

Ein Erfolgsmodell von Beginn an war die Bild nun wahrlich nicht. Trotz der vielen Bilder auf der Seite 1 und den boulevardesken Inhalten inklusive der Sinnsprüche und der berühmten Kolumne "Hans im Glück" war das Interesse am ersten Verkaufstag (25. Juni 1952) gering. Bis Ende 1952 lag die durchschnittliche verkaufte Auflage bei 165.000 Exemplaren und es war keine Besserung in Sicht.

Die Wende

Axel Springer hielt aber an seinem Vorhaben fest - ließ aber mit sich reden. Umfang und Bedeutung der Textelemente wurden erhöht. Im Januar 1953 sagte Springer: "Wir müssen mehr Text machen." Es folgte ein experimenteller Prozess. (Wenig) Sex und (viel) Crime machten den wesentlichen Teil aus. Bis 1958 wuchs die Zahl der Redakteure von einer Handvoll auf über 100.

Der Durchbruch

Der Erfolg setzte nach rund einem Jahr ein. Neben der redaktionellen Umgestaltung halfen auch Verbesserungen beim Vertrieb. Im September 1953 wurden erstmals über eine Million Exemplare verkauft. Ein Jahr später war die Bild Europas größte Tageszeitung.

Springers Rückzug

Nach dem Durchbruch der Bild zog sich Axel Springer aus dem redaktionellen Tagesgeschäft zurück. Prägende Chefredakteure werden in den kommenden Jahren Rudolf Michael, Peter Boenisch und Günter Prinz.

Und ist das nicht eigentlich viel ehrlicher, als dem Leser eine (Schein) Objektivität vorzugaukeln und dabei sogar in Meinungsbeiträgen auf Ausgewogenheit zu achten? Keine Frage: "Bild" ist einseitig, dabei aber eben auch offen und direkt. Jeder Leser weiß, unabhängig von seinem Bildungsgrad, was das Boulevard-Blatt denkt, fühlt und fordert - und doch bringt gerade diese Meinungsstärke Teile unserer linken Eliten immer wieder gegen "Bild" auf.

Im Grunde offenbart diese Kritik ein Weltbild der willenlosen, manipulierbaren Massen, die jederzeit bereit sind, jemandem hinterherzulaufen - und sei es einer Zeitung. Dieser Blick auf die Menschen lag übrigens auch dem "Proletarischen Theater" des Regisseurs Erwin Piscator zugrunde, einer Agitprop-Truppe, die in der Weimarer Republik Arbeiter zu guten Sozialisten bekehren wollte.

60 Jahre "Bild" - unterhaltsam, aber gefährlich

Video: 60 Jahre "Bild" - unterhaltsam, aber gefährlich

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Kommentare (7)

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Christian

22.06.2012, 13:16 Uhr

Bild: Gehirn aus - Bild an. Eine Schande für den Anspruch an das Privileg journalistische Berichterstattung ausüben zu dürfen.

Dissident

22.06.2012, 13:25 Uhr

Bild, Spiegel, FAZ, etc. gibt es da einen Unterschied?

Pressefreiheit?

Paul Sethe

“Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten”


Bsp.

Axel Springer AG ein in Europa führendes Medienunternehmen ist der größte deutsche Zeitungs- und drittgrößte Zeitschriftenverlag. ( Bild, Die Welt, ... )


Was kostet Axel Springer?

Axel Springer AG: Marktkapitalisierung 3,39 Mrd Euro

George Soros ( Investor ) geschätztes Vermögen: 15,4 Milliarden Euro ( 20 Milliarden Dollar )

Wer glaubt, dass Zeitungen da sind um uns objektiv zu informieren, der glaubt auch an den Weihnachtsmann!

Bitte nicht löschen, Herr/Frau Zensor danke

[...] [+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++]

Account gelöscht!

22.06.2012, 13:47 Uhr

Herr Reuter hat das recht gut beschrieben
Und seine Aussagen über die linken Intellektuellen, ihrem Mißtrauen gegen Demokratie und ihrer Einbildung, sie wüßten besser was fürs Volk gut sei, trifft es doch.
Genau das erleben wir doch auch in der Politk gerade.
Und genau das war ja auch die Politik der DDR.
Vater Staat weiß was für die Menschen gut ist
Wobei ich an Bild auch kritisieren muß, dass die Bild zunehemnd ja Politik macht und das ist gefährlich

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