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18.07.2012

09:57 Uhr

Kommentar

Karstadts alter Mief

VonOliver Stock

Das Karstadt-Management hat versagt.  Der Vorstand hat es versäumt, den Schwung nach der Übernahme für eine Neupositionierung zu nutzen.

Oliver Stock, Chefredakteur von Handelsblatt Online. Pablo Castagnola

Oliver Stock, Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Willkommen in der Wirklichkeit: Knapp zwei Jahre nach der Übernahme der insolventen Karstadt-Häuser rückt der von Nicolas Berggruen eingesetzte Vorstand mit der Sprache heraus: Es geht doch nicht ohne Kündigungen. 2000 Mitarbeiter müssen gehen. Prompt wird aus dem Bild des Retters Nicolas Berggruen das Gesicht eines Mannes, der den Mund zu voll genommen hat.

Doch zur Wahrnehmung dieser neuen Wirklichkeit gehören zwei: Die, die sie prägen, und die, die sich vorher etwas vorgemacht haben. Prägend ist tatsächlich Berggruens Truppe, die alles andere als ein „Winning Team“ ist. Die Herren um Vorstandschef Andrew Jennings haben es nicht geschafft, den ersten Schwung nach der erfolgreichen Übernahme zu nutzen, um Karstadt neu zu positionieren. Niemand hat den Eindruck, dass sich in den Karstadt-Häusern in den vergangenen Monaten Grundsätzliches getan hätte. Es herrscht der alte Mief.

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Vorgemacht haben sich aber auch diejenigen etwas, die glaubten, es kann mit Karstadt nach der Übernahme nur nach oben gehen. Kein Unternehmen wird saniert, in dem die gleiche Mannschaft in gleicher Sollstärke weiterwurstelt. Dass Berggruen versprochen hat, zwei Jahre lang niemandem zu kündigen, war ein Zugeständnis an die Gewerkschaft, ohne das er den Deal nicht hätte besiegeln können.

Im Handel brechen massenhaft Jobs weg

Kahlschlag

Zehntausende Arbeitsplätze stehen im Handel auf der Kippe. Schlecker-Pleite, Stellenabbau bei Karstadt und Metro und auch bei Neckermann.de geht es um viele Jobs. Hier eine Übersicht…

Wie ist die Lage bei Karstadt?

Der Warenhaus-Konzern will 2000 Arbeitsplätze streichen. Ende August läuft der Sanierungstarifvertrag bei Karstadt aus - damit steigen die Personalkosten für das Unternehmen. Außerdem dämpft die Euro-Krise die Kauflaune der Verbraucher. Bis Ende 2014 soll der Jobabbau über die Bühne gehen - möglichst sozialverträglich.

Wie viele Stellen kostet die Schlecker-Pleite?

Mit dem Ende der Drogeriemarktkette Schlecker brachen bislang etwa 25 000 Arbeitsplätze weg. Offen ist derzeit noch die Zukunft der gut 4000 Mitarbeiter zählenden Tochter Ihr Platz. Der Insolvenzverwalter ringt gegenwärtig noch um den Einstieg eines Investors bei Ihr Platz.

Wie viele Stellen stehen bei Neckermann auf der Kippe?

Beim Versandhändler Neckermann.de stehen 1380 Jobs auf der Streichliste des Managements. Der vom US-Finanzinvestor Sun Capital beherrschte Versandhändler hat insgesamt 2400 Arbeitsplätze. Neckermann.de will den Eigenhandel mit Textilien und das Frankfurter Zentrallager aufgeben. Das Kataloggeschäft war zuletzt so rapide eingebrochen, dass Erfolge aus dem Onlinehandel aufgezehrt wurden.

Wie umfangreich ist der Stellenabbau bei Metro?

Der größte deutsche Handelskonzern will mittelfristig 900 Stellen abbauen. Betroffen davon ist vor allem die Verwaltung. Auf der Verkaufsfläche soll das Personal nicht reduziert werden. Konzernchef Olaf Koch hatte vor wenigem Monaten angekündigt, etwa 100 Millionen Euro einsparen zu wollen.

Strikter Sparkurs nötig

Die Metro AG, zu der neben den Metro- Großhandelsmärkten für Gewerbetreibende auch die Elektronikketten Media Markt und Saturn, der Lebensmittelhändler Real sowie die Kaufhof-Warenhäuser gehören, ist aber schon seit etlichen Jahren auf einem strikten Sparkurs mit Stellenstreichungen.

Cordes machte den Anfang

Unter Kochs Vorgänger Eckhard Cordes wurde die Metro AG 2009 einem milliardenschweren Sparprogramm („Shape“) unterzogen, mit dem weltweit etwa 19 000 Arbeitsplätze gestrichen wurden. An anderer Stelle entstanden durch neue Märkte und Dienstleistungen ähnlich viele Jobs. Ende 2011 hatte Metro weltweit 281 000 Mitarbeiter.

Welche Hintergründe haben die Stellenstreichungen?

Die Handelskonzerne bieten unterschiedliche Sortimente und sind zumeist auch in unterschiedlichen Ländern aktiv. Hinzu kommen auch hausgemachte Probleme. Erklärtes Ziel des Managements ist in der Regel, die Kosten zu senken und die Strukturen im Unternehmen zu verbessern. Konzepte müssen häufig den veränderten Konsumgewohnheiten angepasst. Die Staatsschuldenkrise und eine hohe Arbeitslosigkeit in vielen Ländern Europas dämpfen aktuell die Konsumlust der Kunden.

Das „böse“ Internet

Ein großer, übergreifender Faktor im Handel ist das boomende Internetgeschäft. Immer mehr Menschen kaufen online ein. Damit nimmt der Preisdruck für die Läden zu. Nur wenige Bereiche wie der Lebensmittelhandel sind bisher kaum von diesem Trend betroffen.

Zeitenwende

Nach Einschätzung von Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub (Obi, Kik, Kaiser's Tengelmann) sind die Zeiten, in denen Läden wie Pilze aus dem Boden schossen, vorbei. Das verdeutlichten viele leerstehende Läden nach der Schlecker-Pleite. Neue Verkaufsflächen entstünden inzwischen vor allem im Internet mit den zahlreichen Online-Shops.

Was solche Zugeständnisse wert sind, erleben wir jetzt. Diejenigen die sie fordern, sollten es sich künftig zweimal überlegen, ob es sinnvoll ist, Investoren derartig festzunageln. Das Enttäuschungspotential hinterher ist umso größer.

Was nun? Ein kraftvolles Management muss her. Eines mit Schwung und Ideen. Karstadt ist nicht tot. Aber es muss sich neu erfinden, sonst stirbt es.

Kommentare (1)

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Clara_Forsyte

18.07.2012, 12:03 Uhr

Was man in Deutschland nicht begreifen will: Berggruen war schon immer ein "asset stripper." Alles andere war reine PR, worauf verdi, Regierung und Presse kritiklos hereingefallen sind, statt ihre Hausaufgaben zu machen und sich unabhängig zu informieren. Warum sollte das bei Karstadt plötzlich anders werden? Für Berggruen läuft alles nach Plan. Er will möglichst wenig investieren um am Ende möglichst viel Gewinn zu machen. Wenn dabei zufällig Arbeitsplätze erhalten werden, ist es gut; wenn nicht, auch gut.

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