Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.03.2012

10:40 Uhr

Kommentar

Klare Worte statt großer Versprechen

VonFlorian Kolf

Mit einer unaufgeregten, aber klugen Rede hat Joachim Gauck das Fundament für seine Präsidentschaft gelegt. Sein großes Ziel: Die Bürgern sollen wieder Vertrauen in die Politik bekommen und sich aktiv einmischen.

Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online Frank Beer für Handelsblatt

Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online

Es war keine große Rede, die historische Bedeutung erlangen wird. Kleingeister werden sicherlich gezählt haben, wie oft er wieder das Wort "Freiheit" benutzt hat. Auch hört sich Gauck oft noch sehr pastoral an, etwa wenn er Sätze mit einem altertümlichen "wir dürfen nicht dulden, dass..." einleitet.

Und doch war die Rede des neuen Bundespräsidenten zu seiner Vereidigung ein hervorragender Start, der die Hoffnung weckt, dass Gauck der riesigen Erwartungen, die nach der unglücklichen Präsidentschaft von Christian Wulff in ihn gesetzt werden, gerecht werden kann.

Es ist herzerfrischend zu hören, dass sich nach all den zermürbenden Diskussionen um die Kosten und die Gefahren Europas ein Politiker hinstellt und mutig sagt: "Gerade in der Krise heißt es deswegen: Wir wollen mehr Europa wagen." Das Projekt Europa sei für seine Generation noch Verheißung gewesen, für seine Enkel jedoch sei es jetzt nicht nur Lebenswirklichkeit, sondern ein "wunderbarer Gewinn". Diese Stimme hat gefehlt. Wenn Gauck es erreichen kann, mit viel Überzeugungskraft der europäischen Idee wieder einen positiven Klang zu geben, dann hat er viel geleistet. Man mag das für banal halten - aber es könnte entscheidend für die Gestaltung unserer Zukunft sein.

Der zweite Akzent, den Gauck in seiner Rede setzte, ist überraschender und könnte als Leitthema seine Präsidentschaft tragen. Er betont die Bürgergesellschaft als wichtige Stütze für die Demokratie und erwähnt dabei explizit die Arbeit der vielen Bürgerinitiativen. Er lobt die 68er-Generation und nennt ihre "an Fakten und Werten orientierte" Aufarbeitung der düsteren deutschen Vergangenheit ein Vorbild für den Wandel in Ostdeutschland nach 1989. Er ermuntert die Bürger, sich auch heute aktiv einzumischen und nicht zu verzagen. Er warnt davor, dass politisches Engagement zunehmend verachtet werde, dass die Wahlbeteiligung sinke und dass die Distanz zwischen Regierten und Regierenden wachse. "Das macht mir Angst", sagt Gauck in schlichter und damit besonders glaubwürdiger Art.

Kommentare (14)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

23.03.2012, 11:24 Uhr

Ich glaube Gauck wird das alles schon hinkriegen und schlimmer als Wulff kann er es ja schlecht machen

Moika

23.03.2012, 11:49 Uhr

Ein ansonsten guter Kommentar Herr Kolf, aber in Einem irren Sie: Die 68ger, zu deren "Generation" als 1947 gebürtiger gehöre, haben mitnichten die dunkle Geschichte ihrer Eltern aufgearbeitet, dafür waren sie selbst viel zu ideologisch und von sich selbst überzeugt.

Ich kenne auch die vielen Versuche, mit denen man diesen Mythos gerne aufrecht erhalten möchte. Alleine: Er stimmt einfach nicht.

Account gelöscht!

23.03.2012, 12:02 Uhr

Über die Rolle und die Motive der 68er kann man in der Tat trefflich streiten. Ich gebe aber hier nur die Einschätzung von Joachim Gauck wider, der sie so in seiner Rede beschrieben hat.
Mit besten Grüßen, Florian Kolf

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×