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18.01.2006

07:00 Uhr

Kommentar

Krankes System

VonPeter Thelen

Ein ganzer Berufsstand begehrt auf. Jede zweite Arztpraxis in Deutschland wird heute geschlossen bleiben. Zugegeben: Deutschlands Ärzte klagen auf hohem Niveau. Mit einem durchschnittlichen Bruttoeinkommen von 137 000 Euro im Jahr schlagen sie immer noch jeden anderen Freiberufler und übertreffen das Durchschnittseinkommen ihrer Patienten um mehr als das Vierfache.

Doch Sozialneiddebatten führen nicht weiter. Der Ruf der Mediziner nach besserer Bezahlung und ihre Warnung vor drohenden Engpässen bei der medizinischen Versorgung haben einen ernsten Hintergrund. Allerdings schlagen die freien Ärzteverbände den Sack statt des Esels. Statt vor dem Gesundheitsministerium müssten sie heute vor der Kassenärztlichen Bundesvereinigung protestieren.

Denn die KBV hat die Misere verursacht. Schon in den 70er-Jahren willigte sie in einen fatalen Deal mit der Politik ein. Diese sollte dafür sorgen, dass die Krankenkassen jährlich immer etwas mehr Geld für die Bezahlung der Kassenärzte zur Verfügung stellen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen wollten sicherstellen, dass das Gesamthonorar fair an die Ärzte verteilt wird. Dabei ist es im Grundsatz geblieben. Bis in die 90er-Jahre durfte die KBV außerdem ohne Einschränkung jeden Mediziner in dieses Verteilungssystem aufnehmen.

Die Folgen waren fatal. Die Zahl der Vertragsärzte mit Honorierungsanspruch explodierte. Immer mehr Ärzte konkurrierten mit einer oft künstlichen Aufblähung ihrer Leistungen um den nur langsam wachsenden Honorarkuchen. Vor allem in den Ballungszentren entstand so eine kostspielige Überversorgung. Um diese finanzieren zu können, kürzten die Kassenärztlichen Vereinigungen die Vergütung für jede einzelne Leistung. Die Leidtragenden waren die Hausärzte und die Mediziner auf dem Land, die ihr Leistungsangebot nicht so leicht nach oben manipulieren konnten.

Das heute beklagte Nebeneinander von Unter-, Fehl- und Überversorgung ist zweifellos ein Ergebnis dieses Honorarsystems. Es wurde so justiert, dass es den Durchschnittsarzt halbwegs angemessen honoriert und auch den schlechten Ärzten ein Auskommen sichert. Dagegen werden Hochleistungspraxen durch Honorarkürzungen und Regresse bestraft.

Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag versprochen, dieses System zu ändern. Sie muss sich zu einer Radikalreform in Richtung mehr Wettbewerb durchringen. Zumindest bei den Fachärzten müssen die Kassen in Zukunft nach der Devise „Wer zahlt, schafft an“ das Sagen bekommen. Sie müssen aus dem Angebot auswählen und mit jedem einzelnen Fachmediziner Leistungen und Bezahlung aushandeln. Nur solch ein neues Wettbewerbssystem kann dafür sorgen, dass die überflüssigen Ärzte sich künftig außerhalb des Gesundheitssystems ihr Geld verdienen müssen und die leistungsfähigen angemessen honoriert werden.

Ferner müssen die Krankenhäuser für die ambulante Versorgung geöffnet werden. Kein anderes Land auf der Welt leistet sich den Luxus, neben einer hoch spezialisierten Facharztversorgung ein Heer von niedergelassenen Fachärzten zu finanzieren. Die Forderung der protestierenden Ärzte, noch mehr Beitragsgelder in die Gesundheitsversorgung zu pumpen, wird die Probleme jedenfalls nicht lösen.

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