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08.05.2012

11:55 Uhr

Kommentar

Lindner und Kubicki verbindet nur das Charisma

VonThomas Sigmund

In Schleswig-Holstein konnte die FDP mit ihrem Top-Kandidaten Wolfgang Kubicki einen Erfolg einfahren. Das liegt allerdings nicht an der liberalen Politik, sondern an der Person Kubicki. Als Vorbild taugt er nicht.

Thomas Sigmund ist Korrespondent in Berlin. Pablo Castagnola

Thomas Sigmund ist Korrespondent in Berlin.

Die FDP ist nach dem Wahlerfolg in Schleswig-Holstein im Aufwind - doch mit liberaler Politik hat dies nichts zu tun. Am Sonntagabend gab es die Wolfgang-Kubicki-Show zu bestaunen, die einzig und allein mit seiner Person funktioniert. Es ist schier aussichtslos zu ergründen, für welchen Liberalismus Kubicki steht. Er war in all den Jahren seiner politischen Karriere kein wirklicher Bürgerrechts- oder Wirtschaftsliberaler. Kubicki vertrat und vertritt am ehesten einen Gefühlsliberalismus, der, wie einst Jürgen W. Möllemann, die Stimmungen der Menschen aufsaugt und für sich zu nutzen weiß.

Kubicki forderte im Wahlkampf die Zerschlagung der Großbanken, plädierte für Mindestlöhne und wollte den Gutverdienern mit einem höheren Spitzensteuersatz an den Geldbeutel. Einem Bundesvorsitzenden Philipp Rösler würde das alles in Regierungsverantwortung und in seiner Partei um die Ohren fliegen. Kubicki dagegen spielt mit den liberalen Grundüberzeugungen, keilt gegen die Bundesspitze, ist ein Populist und verwendet das, was ihm passt.

In Schleswig-Holstein war das für Kubicki passgenau richtig. Doch als Vorbild für die Wahl in Nordrhein-Westfalen und den Bund taugt er nicht. Zwar hat er in Relation zu den Vorhersagen gewonnen, im Vergleich zu den eigenen Werten von 2008 aber verloren.

Christian Lindner, der Spitzenkandidat in Düsseldorf, wird sich zwar angesichts dieses zweifelhaften Erfolgs darin bestärkt sehen, seinen Unabhängigkeitskurs gegenüber Parteichef Philipp Rösler und Berlin fortzusetzen. Doch Lindner ist nicht Kubicki. Er weiß: Reiner Opportunismus ersetzt keine Überzeugungen. Der Hinweis auf die FDP als Freiheitspartei und einziges Korrektiv zur sozialdemokratisierten Union allein trägt nicht weit.

Entscheidend ist und bleibt die Antwort auf die Frage, warum die 6,3 Millionen FDP-Wähler bei der Bundestagswahl 2009 nachher größtenteils enttäuscht waren. Warum sich Freiberufler wie Anwälte, Ärzte und Steuerberater, Handwerker und kleine Mittelständler, die sich in der Union nicht mehr wohlfühlten, wieder von der FDP abgewandt haben.

Die heimatlosen Liberalen suchen eine Partei in NRW, die sich in der Bildungspolitik für die Gymnasien starkmacht. Der Mittelstand sehnt sich nach einer Schutzmacht gegen steigende Energiekosten und einen mit der Energiewende überforderten Umweltminister.

Eine Stärke allerdings verbindet Kubicki und Lindner. Beide sind Wahlkämpfer an der Spitze ihrer Landesverbände, die das Interesse der Bürger auf sich ziehen. Politiker mit einem Charisma, das Parteichef Philipp Rösler nicht entwickelt hat. Eine Eigenschaft, die für die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl aber eine wichtige Rolle spielen wird.

Kommentare (2)

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RD1

08.05.2012, 12:10 Uhr

"Entscheidend ist und bleibt die Antwort auf die Frage, warum die 6,3 Millionen FDP-Wähler bei der Bundestagswahl 2009 nachher größtenteils enttäuscht waren. Warum sich Freiberufler wie Anwälte, Ärzte und Steuerberater, Handwerker und kleine Mittelständler, die sich in der Union nicht mehr wohlfühlten, wieder von der FDP abgewandt haben."

Mich würde mal interssieren, ob die FDP schon einmal nach den Ursachen dafür geforscht hat.

Ich fürchte nein. Das wäre nämlich der Schlüssel zum Erfolg und nicht der Versuch im linken Lager fischen zu gehen.

Internetkobold

08.05.2012, 15:50 Uhr

Man hat Philipp Rösler bis heute nicht verziehen, dass er nach dem Sturz Westerwelles die FDP nicht nach links gerückt hat. Ich persönlich vermute darin den Hauptgrund für die derzeitige mediale Treibjagd gegen Rösler.
Doch wenn die FDP in Schleswig-Holstein erfolgreich war, dann ist das auch Röslers Verdienst. Denn Rösler hat in den letzten Monaten durchaus einiges richtig gemacht - er hat Joachim Gauck durchgesetzt, er hat die unsinnige Transfergesellschaft für die Schlecker-Frauen verhindert, und er hat dem CDU-Plan zur Einführung einer Lohnuntergrenze eine Absage erteilt. Dieser Kurs, der auf die liberale Kernwählerschaft abzielt, beginnt sich nun in Wahlen auszuzahlen.

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