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20.06.2012

10:01 Uhr

Kommentar

Manager aus der Retorte

VonKatrin Terpitz

In Spitzenpositionen gelangen immer häufiger Bewerber mit aalglattem Werdegang. Sie sind hochqualifiziert, wirken aber immer uniformer - und handeln mit immer gleichen Problemlösungen. Das wird auf Dauer zum Problem.

In Reih und Glied: Lebensläufe werden immer uniformer. dpa

In Reih und Glied: Lebensläufe werden immer uniformer.

DüsseldorfHand aufs Herz: Würden Sie diesem Mann die Leitung eines Dax-Konzerns anvertrauen? Abi, Bund, Lehre zum Industriekaufmann. Schön und gut, aber nach nur zwei Semestern das VWL-Studium in Münster geschmissen. Der Studienabbrecher, von dem die Rede ist, heißt René Obermann und führt seit über fünf Jahren die Deutsche Telekom.

Hätte sich ein unkonventioneller Typ wie Obermann per Webformular bei einem Konzern beworben, der Computer hätte ihn wohl aussortiert. Obwohl der Studienabbrecher als Firmengründer erfolgreich war. Die Software fürs Bewerbermanagement, die viele Unternehmen nutzen, arbeitet mit K.o.-Kriterien, die Arbeitgeber frei wählen können. Fehlen bestimmte Schlüsselwörter wie Studienabschluss, Auslandsaufenthalt oder verhandlungssicheres Englisch, ist der Bewerber draußen - ohne dass ein menschliches Auge gegengecheckt hätte.

Solche Software nennt sich "intelligent", kann sie doch auf Knopfdruck eine Rangliste der Bewerber erstellen. Eine Erleichterung für Arbeitgeber, die bis zu 100 000 Bewerbungen im Jahr managen. Die standardisierte Auswahl aber schafft eine Illusion von Fairness. Unkonventionelle Kandidaten mit Brüchen oder Lücken im Lebenslauf fallen durchs Raster.

So denken Erfolgsmenschen

Der Ratgeber

John C. Maxwell ist einer der meistgefragten Coaches für Mitarbeiterführung in den USA. In seinem Buch „So denken Erfolgsmenschen“ gibt er seine Erfahrungen aus 40 Jahren Beobachtung wieder: Erfolgreiche Menschen haben etwas gemeinsam, nämlich ihre Art zu denken. Es folgen die elf wichtigsten Hinweise in aller Kürze.

Ganzheitlich denken

Denken in großen Zusammenhängen ist eine Grundvoraussetzung. Dafür muss man ständig dazulernen, anderen bewusst zuhören, über den Tellerrand hinausschauen. Das große Ganze zu sehen hilft, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und leichter in Führungspositionen zu kommen. Dafür braucht es Einsichten aus verschiedenen Quellen und die Abkehr von Sicherheitsdenken.

Konzentriert denken

Fokussiertes Denken bündelt Energien und führt Sie auf ein einziges Ziel hin. Zudem betont Maxwell, dass es Ideen ausreichend Zeit gibt, um sich zu entwickeln. Prioritäten setzen, Ablenkungen vermeiden, klare Ziele und Zeit für Reflektion. Hinterfragen Sie Ihre Fortschritte!

Kreativ denken

Kreatives Denken ist Gold wert, aber nicht zu verwechseln mit originellem Denken, wie man es zum Beispiel von Künstlern kennt. Dazu gehört die Offenheit für neue Ideen und anderen Möglichkeiten zur Problemlösung. Kreative Denker bürsten gegen den Strich, verbinden Unverbundenes und haben keine Angst vor dem Scheitern. Dazu gehört auch eine kreative Umgebung.

Realistisch denken

Jeder Akademiker weiß: Die Unterschiede zwischen Studium und Alltagswelt können immens sein. Bei allem Sinn für das Mögliche: Realistisches Denken verringert Ihr Risiko abzustürzen. Es verleiht Sicherheit und steigert die Glaubwürdigkeit. Also Liebe zur Wahrheit, zwischen Pro und Contra abwägen und fleißig sein bei der Informationsbeschaffung.

Strategisch denken

Strategisches Denken hilft bei der Planung, steigert die Effizient und verringert Risiken. So wird es Ihnen leichter gelingen, sich auf neue Situationen einzustellen. Zerlegen Sie dafür Sachverhalte in kleine Einheiten, fragen Sie nach dem Warum und identifizieren Sie die wesentlichen Ziele.

Möglichkeitsorientiert denken

Auch wenn Barack Obamas Umfragewerte derzeit nicht gut sind – das „Yes we can“ des US-Präsidenten bleibt. Chancen sehen, wo andere nur Risiken vermuten: Das möglichkeitsorientierte Denken verleiht Energie und hält vom Aufgeben ab. Also den Ist-Zustand ständig hinterfragen, eine Nummer größer planen und sich von Leistungsträgern inspirieren lassen.

Reflektierend denken

Halten Sie inne und denken Sie über Ihr Denken nach! Reflektieren verleiht emotionale Integrität und stärkt das Vertrauen. Den Terminkalender ständig überprüfen und die richtigen Fragen stellen. Maxwell gibt hier konkrete Beispiele.

Das gängige Denken hinterfragen

Ein eingefahrener Trott ist selten die effizienteste Arbeitsweise. Hinterfragen Sie das berühmte „Das-Haben-Wir-Schon-Immer-So-Gemacht“. Übernahmen Sie das gängige Denken nicht automatisch! Akzeptieren Sie andere Meinungen und stellen Sie Ihre eigene immer wieder in Frage.

Gemeinsam denken

Mehrere Köpfe denken schneller als einer und gemeinsam ist man innovativer. Also: Laden Sie die richtigen Leute ein, setzen Sie eine effiziente Tagesordnung an, belohnen Sie engagierte Leute und setzen Sie auf Kooperation statt Konkurrenz.

Uneigennützig denken

Uneigennütziges Denken ist nicht nur gut für andere, sondern gibt einem auch selbst Erfüllung. Manchmal tun Sie sich selbst einen Gefallen, wenn Sie anderen den Vortritt lassen. Setzen Sie sich Situationen aus, in denen andere Sie brauchen. Überprüfen sie ständig Ihre persönlichen Beweggründe.

Ergebnisorientiert denken

Jede Tätigkeit hat ein Ergebnis, auf die sie ausgerichtet sein sollte. Was sich trivial anhört, ist im Alltag kompliziert. Ein Strategieplan, um das gewünschte und klar definierte Ziel zu erreichen, hilft dabei. Schwören Sie Ihre Mitarbeiter auf das Ziel ein.

Das hat fatale Folgen: Gerade in beliebten Unternehmen dringen fast nur Bewerber mit aalglattem Werdegang bis zum Vorstellungsgespräch vor. Sie sind hochqualifiziert, keine Frage. Aber die Führungskräfte in spe werden immer uniformer, wirken geklont.

In der Personalerszene gibt es erste selbstkritische Mahner. Thomas Sattelberger, bis vor kurzem Telekom-Personalvorstand, kämpft gegen das "Selbstklonen" im Management. Er warnt: Gleicher Erfahrungshintergrund führt zu gleichen Problemlösungen. Angelsächsisch orientierte Business-Schools, aber auch französische Grands Ecoles prägten Ideologie und Verhalten einseitig, kritisiert Sattelberger. Die Manager von morgen würden in einem geschlossenen Elitesystem sozialisiert. Im Management entsteht eine gefährliche Monokultur.

Anzeichen dafür, dass Sie ihre Rolle als Chef hinterfragen sollten

Kein Steuermann

Bei Meetings haben Sie immer öfter das Gefühl, als wären Sie Beobachter und nicht der Steuermann.

Ohne Power

Sie fühlen sich häufig ausgepowert und überfordert.

Schlecht delegiert

Wenn Sie Aufgaben delegiert haben, gibt es haufenweise Rückfragen und das Ergebnis verfehlt das Thema.

Warum ich?

Sie denken häufiger insgeheim: „Wieso muss ich das eigentlich machen, meine Leute können das genauso gut?“

Mitarbeiter schwächeln

Ihre Mitarbeiter denken nicht mit, zeigen Unsicherheit bei den einfachsten Aufgaben und fragen ständig um Rat, wenn sie Entscheidungen treffen sollen. Bedenklich ist auch, wenn Mitarbeiter Ihnen zustimmen, die Aufgabe aber ganz anders als gewünscht erledigen.

Quelle: „Als unser Kunde tot umfiel ...“, Timo Hinrichsen und Boris Palluch, Wien 2012

Lebensläufe von Bewerbern werden immer perfekter, aber auch austauschbar. Echte Querdenker, wie innovative Unternehmen sie suchen, sind eine aussterbende Spezies. Der verschulte und stark spezialisierte Bachelor verstärkt den unheilvollen Trend zur überzüchteten Monokultur. Multiple Choice lässt wenig Raum für Eigenständigkeit. Ein Bummelstudium, intensives Jobben nebenher oder mal ein Semester aussteigen zur Selbstfindung - das kommt heute karrieremäßigem Harakiri gleich.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

20.06.2012, 10:28 Uhr

Ist bei Politikern ja oft leider nicht anders.
Die Firmen sind selbst schuld. Diese haben die Angestellten, die sich selbst aussuchen. Die "Spezies" über eine Lehre bis zum selbstgebauten Hochschulabschluß ist schon länger am Aussterben. Selbst wenn man gezielt danach sucht, es gibt entweder ganz ungeeignet, oder völlig "überqualifiziert".
Vielleicht sollten die Firmenchefs mehr Fussball spielen, und sich an Yogi Löw ein Beispiel nehmen, oder an Klopp.
Die Freude ein Talent zu entdecken ist dort noch vorhanden. In der digitalen Werbewirtschaft klappt es vielleicht auch noch, viele Seiteneinsteiger gab es beim Beginn des Internet-Hypes.

Account gelöscht!

20.06.2012, 10:57 Uhr

soviel zu der studie,siehe Kitas/Betreungsgeld usw...

chbni

20.06.2012, 11:46 Uhr

Sehr guter Artikel, kann ich (leider) so unterschreiben. Mit einem ungewöhnlichem Lebenslauf (wie mir immerhin anerkennend von den Personalern bestätigt wird), ist spätestens nach dem Bewerbungsgespräch Schluss.
Was die Unternehmen gerne hätten und dann tatsächlich haben wollen sind halt zwei ganz unterschiedliche Sachen.

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