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06.07.2012

07:39 Uhr

Kommentar

Neues Misstrauen nach Fukushima

VonMartin Kölling

Der Bericht über die Ursachen der Atomkatastrophe enthüllt schonungslos die Fehler von Politik, Behörden und Firmen. Er bringt heilsamen Konflikt in Japans Konsensgesellschaft - dank eines wissenschaftlichen Querkopfs.

Kiyoshi Kurokawa (2. v. l.), Vorsitzender des Fukushima-Ausschusses, bringt Licht in die dunklen Nischen des Atomklüngels. AFP

Kiyoshi Kurokawa (2. v. l.), Vorsitzender des Fukushima-Ausschusses, bringt Licht in die dunklen Nischen des Atomklüngels.

In Japans Diskussion über Atomkraft ragt der jüngste Untersuchungsbericht über die Atomkatastrophe in Fukushima wie ein Leuchtturm hervor. In einem Land, in dem sich die Menschen gerne um klare Aussagen herumdrücken, spricht der erste parlamentarische Untersuchungsausschuss der japanischen Geschichte ungewohnt und erfrischend schnörkel- und schonungslos bittere Wahrheiten aus.

Der schwerste Atomunfall wäre vermeidbar gewesen; schon das Erdbeben und nicht wie von der Atomindustrie behauptet der Tsunami könnten die Reaktoren schwer beschädigt haben; und das Land war erbärmlich auf einen Störfall vorbereitet, weil der GAU aus politischen Gründen nie durchgedacht wurde. Die Atomlobby hätte damit ja zugegeben, dass Atomkraft entgegen ihrer Propaganda auch Risiken birgt.

Martin Kölling ist Korrespondent in Tokio. privat

Martin Kölling ist Korrespondent in Tokio.

Ganz neu ist das zwar alles nicht. Aber der Report ist wertvoll und beispielhaft über die Landesgrenzen hinaus. Denn die Kommission hat sich politisch nicht vereinnahmen lassen. Und anstatt plump Schuld zuzuweisen, hat der Ausschuss die Mechanismen, die zu der Katastrophe geführt haben, herausgeschält und aus der Vogelperspektive bewertet.

Keiner der Beteiligten kommt in dem Bericht der Kommission gut weg: weder der Atomklüngel aus Politikern, Beamten und Bossen, noch der ehemalige Regierungschef Naoto Kan, der sich gerne als Retter darstellt. Aber auch die Japaner selbst werden ins Gebet genommen: Sie fordert der Ausschuss auf, die Obrigkeiten endlich zu hinterfragen. Bislang unerhörte Worte in einem Land, dass nicht gerade für seine Streitkultur bekannt ist.

Zu verdanken ist diese Leistung vor allem dem Ausschussvorsitzenden Kiyoshi Kurokawa. Der Wissenschaftler und ehemalige Wissenschaftsberater der japanischen Regierung pflegt leidenschaftlich den Ruf als Querdenker und Querulant. Gleichzeitig hat er auf große Transparenz, internationale Beteiligung und eine unabhängige Besetzung gesetzt. In seiner Kommission waren Atomkraftkritiker Schlüsselfiguren und nicht wie in anderen Regierungsausschüssen Feigenblätter.

Nun kommt es nur noch auf die Japaner selbst an, ob sie die Lehren umsetzen und dieser Bericht Kurokawas Traum erfüllt. Er will eine Kritikkultur in Japan einführen und die Kultur der alten Klüngel zerreißen, die viele Probleme verschleiert und notwendige Reformen verhindert. In Fukushima sind den Japanern die Folgen ihres Verhaltens nur am lautesten um die Ohren geflogen.

Der Autor ist erreichbar unter: koelling@handelsblatt.com

Kommentare (7)

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vandale

06.07.2012, 08:16 Uhr

Eine Kommission die sich gegen das Establishment stellt und den links-ökologischen Glauben des Journalisten in Teilen bestätigt, begeistert diesen natürlich.

Allerdings verbinden Deutsche Journalisten in der Regel Technikferne und ökologischen Glauben. Die Aussage, dass das Erdbeben und nicht die Flutwelle die Schäden an den Reaktoren verursacht habe ist technisch abwegig.

Grundsätzlich sind Kernreaktoren sehr Erdbebenresistent. Die Reaktorgebäude sind regelmässig (auch in Europa) auf Schockabsorbern errichtet. Die Reaktorgebäude bestehen aus sehr hoch bewehrtem Stahlbeton, der Primärkreislauf aus cm-dickem duktilem Stahl. Reale Schäden, z.B. bei vorhergehenden Erdbeben in Japan, sind verklemmte Ventile, Stellantriebe, abgerissene Kabelpritschen, Leitungen.

Gem. der veröffentlichten Berichte hat das Erdbeben die externe Elektritzitätsversorgung unterbrochen. Die wesentlichen Schäden, Wegschwemmen der Notstromdiesel, Zerstörung der Elektrik, Zerstörung des Kühlwassereinlaufs, geschahen durch die Flutwelle.

Was man dem jap. System sicherlich vorwerfen kann ist das fehlende Handeln nach den Unfällen. Es dauerte 1 Tag bis zur Kernschmelze in Block 1 und 3 Tage bis zur Kernschmelze in Block 3. Japan hat eine grossartige technische Infrastruktur. Man hätte meines Erachtens unverzüglich Notstromagregate, Pumpen, Elektriker, Techniker einfliegen sollen und früher mit dem Fluten der Sicherheitsbehälter mit Meerwasser (Reaktor wird unwiederbringlich zerstört) beginnen sollen.

Vandale

Account gelöscht!

06.07.2012, 08:29 Uhr

Hier ist für jeden verständlich einiges zur Sicherheit von KKW gesagt.
http://www.ausgestrahlt.de/fileadmin/user_upload/Broschueren/sicher_ist_nur_das_risiko.pdf

Bei einem Unfall in Deutschland würde man bis zu einem Gau auch nicht über das Stadium der Krisenstabbildung hinauskommen. Und es würden neue, bis dahin unbekannte Probleme auftreten.

Die Kernkraft ist nicht beherrschbar. Auch wenn uns die, die die alten, abgeschriebenen KKW als Goldgrube nutzen imer das Gegenteil erzählen.

Account gelöscht!

06.07.2012, 08:31 Uhr

"Sie fordert der Ausschuss auf, die Obrigkeiten endlich zu hinterfragen. "
Dies wäre auf vielen Gebieten auch in Deutschland mit seinem Filz aus Hochfinanz, Wirtschaft und Politik notwendig!

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