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06.12.2011

17:04 Uhr

Kommentar

Noch ist der Euro nicht gerettet

VonThomas Hanke

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben bei der Euro-Rettung einen vertretbaren Kompromiss gefunden. Und trotzdem wird die EZB eingreifen müssen. Die Stabilitätsunion nützt niemandem, wenn vorher der Euro explodiert.

Thomas Hanke

Der Autor

Thomas Hanke ist Handelsblatt-Korrespondent in Paris.

Nach dem Treffen der Kanzlerin mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ist etwas klarer, wie ein Kompromiss auf dem EU-Gipfel am Ende der Woche aussehen könnte. Nach dem, was bekannt wurde, wäre es eine vertretbare Einigung: Angela Merkel bekommt die gewünschte Vertragsänderung mit automatischen Sanktionen gegen Staaten mit übermäßigem Defizit und die Verankerung von nationalen Schuldenbremsen. Dafür verzichtet sie auf ein Klagerecht vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die Sünder und akzeptiert, dass die Notenbanken auf dem Umweg über den Internationalen Währungsfonds die Staatshaushalte stützen.

Das fünfte Element ist ein Zugeständnis an die Finanzmärkte: Künftig soll es keine "wilden" Schuldenschnitte mehr geben in der Euro-Zone. Das fällt den Politikern umso leichter, als sie mit dem erzwungenen griechischen Hair-Cut mehr sich selber als die Banken geschoren haben: Die geprellten Anleger traten in einen Käuferstreik gegen Staatsanleihen und verschärften damit die Schuldenkrise.

Die Maßnahmen der Notenbanken gegen die Krise

August 2007

Die Probleme an den Hypotheken- und Kreditmärkten greifen auf den Interbanken-Geldmarkt über. EZB und Fed sehen sich gezwungen, zusätzlich Liquidität in den Markt zu pumpen.

12. Dezember 2007

Die Notenbanken in den fünf wichtigsten Währungsräumen greifen gemeinsam ein, um ein Austrocknen der Geldmärkte zu verhindern.

15. September 2008

Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers öffnen die großen Zentralbanken die Geldschleusen, um mitten in der Panik an den Finanzmärkten die Geschäfte am Geldmarkt am Laufen zu halten.

8. Oktober 2008

Die wichtigsten Notenbanken weltweit senken gemeinsam die Zinsen - ein historischer Schritt. 4. Dezember 2008: Die EZB senkt ihren Leitzins überraschend um einen dreiviertel Prozentpunkt auf 2,5 Prozent. Es ist der größte Zinsschritt seit der Einführung des Euro und der Gründung der europäischen Notenbank.

16. Dezember 2008

Die Fed kappt ihren Leitzins auf eine Spanne zwischen null und 0,25 Prozent - ein Rekordtief.

18. März 2009

US-Notenbankchef Bernanke kündigt den Ankauf von Staatspapieren für zunächst 300 Milliarden Dollar an. Die Fed erweitert außerdem ihre bestehenden Programme zur Stützung der Kreditmärkte und Banken auf rund eine Billion Dollar.

7. Mai 2009

Die EZB senkt ihren Leitzins auf das Rekordtief von einem Prozent.

24. Juni 2009

Die EZB stellt den Banken der Euro-Zone erstmals für ein ganzes Jahr Liquidität zur Verfügung. Mehr als 1000 Banken rufen die Riesensumme von 442 Milliarden Euro ab.  6. Juli 2009: Die EZB beginnt offiziell mit dem Ankauf von Pfandbriefen.

16. Dezember 2009

224 Banken aus der Euro-Zone rufen beim letzten Jahrestender der EZB knapp 100 Milliarden Euro ab. Das ist ein Wendepunkt.

19. Februar 2010

Die Federal Reserve erhöht den Zinssatz für Übernachtkredite von 0,5 auf 0,75 Prozent und verteuert damit Notkredite für Banken erstmals seit Ausbruch der Krise.

25. März 2010

EZB-Chef Trichet kündigt an, dass die Notenbank auch über das Jahresende 2010 hinaus Sicherheiten mit einem schwächeren Rating als „A-“ akzeptieren wird. Sie hilft damit indirekt den griechischen Banken und erleichtert die Refinanzierung Griechenlands.

10. Mai 2010

Die EZB kündigt im Kampf gegen die eskalierende Schuldenkrise in der Euro-Zone an, am öffentlichen und privaten Anleihemarkt in großem Stil aktiv werden zu wollen. Die Notenbank gibt damit ihren Widerstand gegen den Ankauf von Staatsanleihen der Euro-Länder auf, der Kritikern zufolge zu einem Ansteigen der Inflation führen könnte. Laut EU-Vertrag kann die EZB die Anleihen nur am Sekundärmarkt erwerben und nicht direkt bei den Regierungen.

10. August 2010

Die Fed stoppt unter dem Eindruck der nur zähen Konjunkturerholung in den USA und der andauernden Misere am Arbeitsmarkt den begonnenen Exit. Sie will Geld, dass sie durch Fälligkeit bereits erworbener Immobilienpapiere bekommt, wieder reinvestieren und neue Staatsanleihen kaufen.

5. Oktober 2010

Japans Notenbank zieht im Kampf gegen Wirtschaftskrise, Deflation und den starken Yen weitere Register. Sie senkt den Leitzins auf null und legt einen fünf Billionen Yen (60 Milliarden Dollar) schweren Fonds auf, über den sie die unterschiedlichsten Wertpapiere ankaufen und so weiteres Geld in die Wirtschaft pumpen will.

3. November 2010

Die Fed beschließt den Ankauf von weiteren Staatsanleihen im Volumen von 600 Milliarden Dollar bis Ende der ersten Jahreshälfte 2011. Zusätzlich sollen auslaufende Papiere aus dem Bestand ersetzt werden. Insgesamt hat die neuerliche Geldspritze damit ein Volumen von 850 bis 900 Milliarden Dollar.

16. Dezember 2010

Die EZB beschließt eine Verdoppelung ihres Grundkapitals auf knapp elf Milliarden Euro. Bezahlen müssen dies die ihr angeschlossenen nationalen Notenbanken: Die Bundesbank muss entsprechend des Kapitalschlüssels gut eine Milliarde Euro auf ihren Anteil dazupacken.

18. März 2011

Nach Erdbebenkatastrophe, Tsunami und Atomdebakel in Japan intervenieren die wichtigsten Notenbanken der Welt gemeinsam am Devisenmarkt.

8. August 2011

Die EZB beginnt mit dem Ankauf von Anleihen Italiens und Spaniens. Beide Länder waren zuvor ins Visier der Märkte geraten.

9. August 2011

Die Fed erklärt, dass sie ihren Leitzins wegen der mauen Konjunktur noch für „mindestens“ zwei Jahre nahe Null halten will.

30. November 2011

In einer koordinierte Aktion stellen EZB und Fed sowie die Notenbanken Kanadas, Japans, Großbritanniens und der Schweiz den von der Krise gebeutelten europäischen Banken Dollar zur Verfügung. Den Instituten fiel es zuletzt schwer, sich Dollar-Kredite zu beschaffen - viele US-Investoren haben ihnen aus Angst vor den Folgen der Schuldenkrise den Geldhahn zugedreht. Fast gleichzeitig lockert auch die chinesische Notenbank unerwartet ihre Geldpolitik. Sie senkte erstmals seit drei Jahren die Mindestreserve-Anforderungen der Banken.

8. Dezember 2011

Die EZB senkt einerseits ihren Leitzins wieder auf das Krisenniveau von einem Prozent ab. Zudem versucht sie mit einem ganzen Maßnahmenbündel, den kriselnden Geldmarkt wieder flottzumachen und das Vertrauen der Banken zu stärken: Dazu senkt sie einerseits zum ersten Mal seit Bestehen des Euro ihre Mindestreserveanforderung auf ein von zwei Prozent. Darüber hinaus kündigt sie erstmals zwei Refi-Geschäfte mit den Banken über eine Laufzeit von drei Jahren an und lockert ihre Anforderungen an Sicherheiten weiter.

22. Dezember 2011

Beim ersten Drei-Jahres-Geschäft der EZB sichern sich die Banken der Euro-Zone die gigantische Summe von 489 Milliarden Euro.

17. Februar 2012

Die EZB entzieht sich in einer Nacht- und Nebelaktion der anstehenden Umschuldung Griechenlands. Sie begründet ihr umstrittenes Vorgehen mit dem Verbot direkter Staatsfinanzierung, das verletzt worden wäre, wenn sie Verlusten auf ihre Anleihebestände akzeptiert hätte.

29. Februar 2012

Beim zweiten Drei-Jahrestender der EZB ist die Nachfrage noch größer - 530 Milliarden Euro.

Mai 2012

Der EZB-Rat lässt erstmals in der Geschichte der Währungsunion Banken nicht mehr bei Refinanzierungsgeschäften zu; betroffen sind vier griechische Banken. Sie sind für einige Tage auf Nothilfe der griechischen Zentralbank angewiesen. Nach erfolgter Rekapitalisierung dürfen die Institute wieder an den Tender-Operationen der EZB teilnehmen.

22. Juni 2012

Die EZB weicht ihre Anforderungen an bestimmte Sicherheiten weiter auf. Ziel der Erleichterungen sind vor allem spanische Banken, die nach dem Platzen der Immobilienblase dort auf unzähligen qualitativ inzwischen fragwürdiger Wertpapieren sitzen.

5. Juli 2012

Die EZB senkt erstmals in ihrer Geschichte den Leitzins auf 0,75 Prozent und damit unter ein Prozent. Sie kappt zudem den Einlagesatz erstmals auf null Prozent. In London startet die Bank von England eine weitere Runde von Anleihekäufen und nimmt dafür zusätzlich 50 Milliarden Pfund in die Hand.

Ein sechstes Element taucht überhaupt nicht auf, doch kann man sicher sein, dass Merkel und Sarkozy auch darüber gesprochen haben: zusätzliche Ankäufe von Staatsanleihen durch die EZB. Da die Euro-Krise nicht pausieren wird, bis die langwierige Vertragsänderung wirksam wird und das Vertrauen der Anleger stärkt, muss eine Notlösung her, um den in den nächsten Wochen drohenden Zerfall der Gemeinschaftswährung zu verhindern. Man kann annehmen, dass die EZB einspringen wird, denn niemandem wäre mit einem wunderschönen Vertrag für eine Stabilitätsunion gedient, wenn der Euro vorher explodiert.

Kommentare (36)

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Account gelöscht!

06.12.2011, 17:36 Uhr

Es ist wirklich traurig zu sehen, wie wenig sich die Bürger mit den Folgen eines Scheiterns des Euroraums beschäftigen. Erst wenn alle ihre Jobs und Renten los sind dann geht das Geschrei los, dann jedoch gegen diejenigen die versucht haben alles zu verhindern ... Geschichte wiederholt sich!

azaziel

06.12.2011, 17:44 Uhr

Die Stabilitaetsunion ist leeres Gefasel. Erstens hat kaum einer der Beteiligten mehr als nur wirre Ideen ueber deren Ausgestaltung. Zweitens ist eine Einigung ueber ein konkretes Konzept undenkbar. Drittens wuerde eine rechtmaessige Einfuehrung bei den Mitgliedstaaten eine Ewigkeit in Anspruch nehmen.

Die Vorschlaege sind einfach nur abstrus. Was sollen denn automatische Sanktionen sein? Geldstrafen? Wie sollen die denn von Staaten bezahlt werden, die kein Geld mehr haben? Soll die Strafe angeschrieben werden? Oder wird man sich einen Teufel um die Strafen scheren, ob automatisch oder nicht. So wie beim Uebertreten der neuverschuldungsgrenzen von Deutschland und Frankreich. Oder sollen die Sanktionen ein Ruhen der Stimm- und anderer Rechte sein? Wen juckts?

Account gelöscht!

06.12.2011, 17:45 Uhr

Wenn die EZB eingreift und massiv Staatsanleihen aufkauft, wird der Euro kollabieren. Eine Währung funktioniert nur, wenn die Menschen daran glauben. Gerade die Deutschen reagieren extrem empfindlich auf Inflation und sollte diese auf über 10% steigen, werden sie in Sachwerte oder Devisen flüchten.

Die Schulden sind da und müssen bezahlt werden. Deutschland hat die Wiedervereinigung größtenteils alleine getragen. Einen ähnlichen Einsatz erwarte ich auch von Südeuropa.

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