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08.06.2013

12:38 Uhr

Kommentar

Obamas Alptraum ist unser Alptraum

VonAxel Postinett

Statt dem chinesischen Regierungschef wegen der Hacker-Attacken die Leviten zu lesen, muss Barack Obama selbst Datenschnüffelei zugeben. Das Prinzip ist gleich – nur müssen die einen hacken, die anderen haben Zugang.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett

San FranciscoDas konnte Präsident Barack Obama jetzt wirklich nicht mehr gebrauchen. Eigentlich wollte er am Wochenende seinem chinesischen Counterpart Xi Jinping im kalifornischen Palm Springs ordentlich die Leviten lesen. Seit Jahren sollen sich von China aus Hacker in amerikanischen Netzwerken geheime Daten von Firmen- und Regierungsservern verschafft haben. Obama will klar machen, dass er das nicht weiter tolerieren und die chinesische Regierung dafür direkt verantwortlich machen will.

Doch Jinping hat guten Grund mit asiatischem Lächeln und massiven Gegenvorwürfen zu reagieren. Obama musste am Freitagvormittag offen zugeben, dass die USA unter seiner Aufsicht die größte Datenschnüffelei weltweit betreibt, die es je gegeben hat. Jeder, der nicht US-Bürger ist oder in den USA lebt, steht unter terroristischem Generalverdacht. Chinesen eingeschlossen. Konversationen werden mitverfolgt, E-Mails mitgelesen, Fotos angeschaut und Dateien in Internetspeichern durchsucht. Selbst US-Bürger sind in engeren Grenzen Ziele: Gewählte Telefonnummern im Inland und Ausland werden ausgewertet.

Das ist nur möglich, weil die USA durch ihre prosperierende Internet-Industrie bereits praktisch die Weltherrschaft im Internet übernommen haben. Jedenfalls in der westlichen Welt. Praktisch alle bedeutenden Internetfirmen haben ihre Ursprünge in den USA. Egal, ob Apple, Google, AOL, Skype, Dropbox, Microsoft oder Facebook: Unter US-Recht sind diese Unternehmen verpflichtet auf Anfrage Informationen über alle ausländischen Kunden bereitzustellen.

NSA-Überwachung: Aussage gegen Aussage

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Aussage gegen Aussage

Die US-Regierung hat die Schnüffel-Aktion bei Internetdiensten eingeräumt. Doch Google-Gründer Page, Facebook-Chef Zuckerberg und die anderen Firmen dementieren. Wie passt das zusammen? Experten haben einige Theorien.

Die Unternehmen bestreiten eine aktive Zusammenarbeit. Aber das macht anscheinende keinen großen Unterschied. US-Behörden haben offenbar genügend Möglichkeiten auch auf anderem Weg an die gewünschten Informationen zu kommen. Wer einen amerikanischen Internetdienste nutzt, liefert seine Daten im Prinzip freiwillig aus. Die einem müssen hacken, die anderen haben Zugang.
Und das ist das Problem. Der Datenskandal um gespeicherte Telefonnummern mag ein US-amerikanischer Skandal sein, der Barack Obama den letzten Rest seiner Glaubwürdigkeit kosten könnte. Das ist nicht unser Problem. Das werden die Amerikaner unter sich regeln.
Doch die globale Internetschnüffelei ist eine Bankrotterklärung der europäischen Internetindustrie und der EU-Politik. Mit atemberaubender Geschwindigkeit diffundiert jedoch die Weltwirtschaft in die Cloud, werden Daten im Web gespeichert und Programme auf Webservern ausgeführt. Das ist die Zukunft, keine Frage. Sich diesem Trend zu widersetzen tut keiner Volkswirtschaft gut, auch nicht der deutschen. Microsoft wird in wenigen Jahren seine marktführende Bürosoftware auf Internetbetrieb umgestellt haben, Googles Büropaket Google Docs läuft von je her ausschließlich auf den Internetservern, die fast alle in den USA stehen. Wir müssen zu den Regeln der anderen mitspielen.
Die Details, die Stück für Stück über das sogenannte PRISM-Programm an den Tag kommen, sind ein Weckruf für alle Unternehmen innerhalb und außerhalb der USA. Warum Angst haben vor chinesischen Hackern? Die Daten sind wahrscheinlich ohne hin schon längst bekannt. Und die USA sind nur der Anfang. Es ist naiv zu glauben, dass andere Staaten weltweit nicht ähnliche Spionage-Aktivitäten im Eigeninteresse betreiben.

Der Mann mit Schlapphut und Minox-Kamera, der Nachts in fremde Büro einbricht, ist Vergangenheit. Der Spion heute sitzt mit einem Kaffee am Schreibtisch im warmen Regierungsbüro und sammelt weltweit seine Informationen ohne jedes persönliche Risiko. Sicherer ist die Welt damit nicht geworden. Jedenfalls nicht für jeden.

Kommentare (6)

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Einanderer

08.06.2013, 13:16 Uhr

Tja, was für eine Nicht-Überraschung es doch ist, dass auch "kostenlose" Dienstleistungen immer wieder irgendwelche Kosten haben...

Account gelöscht!

08.06.2013, 15:23 Uhr

Hier (auf English) eine interessante Auseinandersetzung zum Wiretap-Skandal (der im Gegensatz zu Watergate offenbar nicht sonderlich schlimm ist, aus irgendeinem nur der Presse bekannten Grund), einschließlich eines Videoclips (nur ca. 1Min) wo Obama in aller Deutlichkeit (vor der Wahl) verspricht, daß es so etwas unter seiner Regierung nicht geben wird.
http://www.acting-man.com/?p=23946

PS: wer so einfältig ist, Privatmann/-frau oder Firma sensible Daten in der sogenannten "Cloud" zu speichern, der verdient, daß diese mißbraucht werden. Daten sind "Kern-Kompetenz" einer Firma - das gibt man nicht aus der Hand (auch nicht "verschlüsselt", denn wer weiß schon, was der NSA mittlerweile möglich ist). Meine "Cloud" besteht übrigens aus einem Memorystick (das geht natürlich nur für Einzelpersonen).

Account gelöscht!

08.06.2013, 16:08 Uhr

Ein treffender Kommentar heute in tagesschau.de; die ÖR können hier neutral berichten, ohne kommerziell gebunden zu sein:
"Wenn IPv6 flächendeckend aktiv ist (feste IP-Adresse), es kein Bargeld mehr gibt und wir nur noch, wie es die EU plant, per PERSONALausweis oder einer eindeutigen ID ins Internet gehen können, ist jeglicher Schutz dahin. Hinzu kommen mögliche Verbote von Verschlüsselungsverfahren. Zur Not setzt es für Verschlüsseler eine zeitlich unbegrenzte Beugehaft in "Guantánamo". Cloudtechnologie und Softwareleasing werden zu festspeicherlosen systemabhängigen Thin Clients führen. Alles wird kommerzialisiert!"

Dem ist nichts hinzuzufügen. Nun kommt das was die Ossis unter der Stasi erlebt haben, im Auftrag der Reichen und Mächtigen unserer Welt!

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