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11.03.2012

18:59 Uhr

Kommentar

Präsident in der Rechtskurve

Der um seine nächste Amtszeit kämpfende Sarkozy ist im Wahlkampf inzwischen auf Betriebstemperatur. Inhaltlich macht der Präsident allerdings keine konstruktiven Vorstöße, er zeichnet Feindbilder.

Von einer Leinwand herab spricht Sarkozy im Norden von Paris zu seinen Anhängern. dapd

Von einer Leinwand herab spricht Sarkozy im Norden von Paris zu seinen Anhängern.

Seit Monaten sucht er nach einem zündenden Thema, nun hat er es gefunden: Frankreichs von der Abwahl bedrohter Staatspräsident Nicolas Sarkozy macht Front gegen Europa und die Zuwanderer. Beides packte er bei seinem minutiös vorbereiteten Auftritt vor Zehntausenden von Anhängern am Sonntag in einen Sack: Europa sei wie "ein weicher Bauch", zu lasch an seinen Außengrenzen, zuviel Zuwanderer duldend, und außerdem zu offen für fremde Waren. Die - natürlich - nur ihren Weg nach Frankreich finden, weil ihre Hersteller schummeln: bei der Währung, bei den Sozial- oder Umweltnormen oder bei allem.

Der große Reformer, der er noch vor kurzem sein wollte, findet nur noch als Fußnote statt: Irgendwann in seiner Rede sagt Sarkozy auch mal, dass er das Defizit senken und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern wolle. Aber was er in dieser von der Realität abgekapselten und aufgeheizten Messehalle stakkatorartig vorträgt dient nicht dazu, ein konstruktives Projekt zu umreißen. Es geht um ein Feindbild.

Thomas Hanke ist Korrespondent in Paris. Pablo Castagnola

Thomas Hanke ist Korrespondent in Paris.

Ausländer, Sozialbetrüger, naive oder dem Liberalismus verfallene Europäer - alle, die "das arbeitende Frankreich" um die Früchte seiner Anstrengung bringen. Nicht wegen eigener Fehler, sondern wegen seiner Nachgiebigkeit gegenüber diesen Feinden geht es Frankreich schlecht. Aber damit ist jetzt Schluss - vorausgesetzt, Sarkozy bleibt an der Macht: "Ich brauche euch!" ermuntert er seine Änhänger. Das wollen die mit Bussen und Sonderzügen aus allen Ecken des Landes herangekarrten Sarko-Fans hören. Sie wollen kein 50-Punkte-Programm, ihnen geht es um einen Kick, um ein Quentchen Hoffnung. Sie erwarten irgend etwas Begeisterndes von Sarkozy, von dem die Mehrheit der Franzosen garnichts mehr erwartet. 

Überall im Saal sind Einpeitscher in T-Shirts mit riesigen Buchstaben "NS" darauf verteilt, den Initialen des Kandidaten, die für deutsche Augen etwas irritierend wirken. Immer wieder stimmen die jungen Aufheizer Sprechchöre an: "Sarkozy - président, Sarkozy - président." Fahnen werden geschwungen. Vor Sarkozy tritt eine nicht enden wollende Riege verdienter Ex- und Noch-Politiker auf. Doch von den Stühlen reißt die Sarko-Getreuen keiner dieser Politprofis, sondern ein Nicht-Politiker, der Schauspieler Gérard Depardieu. Schon als erwähnt wird, dass er anwesend ist, begeistert sich die Menge. Als er dampfend und schnaubend wie ein Walross zur Bühne stürmt und mit gebieterischer Geste das Mikro verlangt, kocht der Saal.

Kommentare (3)

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Baier

11.03.2012, 19:29 Uhr

beim Euro ist er nur immer Linkskurven gefahren: Eurobonds konnt man ihm nur mit Mühe ausreden, das Überschwemmen der Märkte mit Geld hat er unterstützt, die Stabilitätspolitik hat er aufgeweicht. Aber immerhin treibt er es nicht so schlimm wie Hollande.

malz

11.03.2012, 20:39 Uhr

Bravo für diesen Artikel! Sehr realistisch!

Sarko, casse toi pauv' con!

Willie

11.03.2012, 20:56 Uhr

Thomas Hanke war doch der auf dem schmalen journalistischen Brett mit der Enders-Hintze-Geschichte bei EADS.

Jetzt hat er wohl auch noch Sonntagsdienst in Sachen Sakozy.
Daß die illegale Immigration für Frankreich ein Problem darstellt und soziale Brennpunkte kreiert, muß selbstverständlich auch zum Wahlkampfthema werden.

Wer das so simpel als Rechtskurve stigmatisiert, sitzt perspektivisch zu weit links oder hat sonst nichts zu tun.

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