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17.06.2012

15:00 Uhr

Kommentar

Problem bei Opel ist nur vertagt

VonCarsten Herz

Der nun gefundene Kompromiss beim Opel-Werk in Bochum löst nicht alle Schwierigkeiten. Er ist vielmehr eine Atempause und verschiebt die Probleme in die Zukunft.

Carsten Herz arbeitet seit August 2013 als Korrespondent im Londoner Büro des Handelsblatts.

Carsten Herz arbeitet seit August 2013 als Korrespondent im Londoner Büro des Handelsblatts.

Stellen Sie sich vor, Ihre Ehe liegt in Trümmern. Es gibt fast nur noch Streit, und als Ihr Ehepartner sie schließlich bange fragt, ob Sie sich scheiden lassen wollen, antworten Sie nur ausweichend darauf. Ihr Streit schrillt immer häufiger über die Straße. Und am Ende kommen Sie plötzlich und sagen: Schatz, ich habe es mir überlegt: Wir werden noch zwei Jahre zusammen wohnen, aber dann werfe ich Dich aus der Wohnung.

Klingt das erfolgversprechend? Na, eben. Der Autohersteller Opel ist jedoch gerade nach ähnlichem Muster mit seinem Werk in Bochum verfahren. Monatelang ließ Opel die Mitarbeiter im Ungewissen über ihre Zukunft, um am Ende einen neuen Aufschub bis 2016 zu gewähren - verbunden mit der Absicht, das Werk dann endgültig zu schließen. Als Paartherapeut kann man das achselzuckend als Beispiel für den Facettenreichtum menschlichen Verhaltens abtun. Doch wenn es um einen angeschlagenen Autohersteller mit rund 40 000 Beschäftigten in Europa geht, ist es angebracht, sich doch ein bisschen Sorgen zu machen.

Denn der nun gefundene Kompromiss löst nicht alle Schwierigkeiten der angeschlagenen Traditionsmarke - er verschiebt sie vor allem beim wichtigen Problem Überkapazität nur in die Zukunft. Auch Management und Betriebsrat bei Opel können nicht per Federstrich aus der Welt schaffen, dass zwischen den Produktionsmöglichkeiten der Marke in Europa und der Nachfrage nach deren Autos derzeit ein riesiges Loch klafft. Der Leerlauf in den Fabriken droht nun jedoch auch die nächsten Jahren weiter auf dem Unternehmen zu lasten.

Die Kehrtwende bei Opel darf darum niemanden in falscher Sicherheit wiegen. Nur wenn die herausgehandelte Zeit jetzt genutzt wird, um neue Lösungen zu finden, wie die überdimensionierten Kapazitäten in den nächsten Jahren gefüllt werden können, bringt die jüngste Entscheidung Opel auch voran. Das größte Stück Arbeit liegt so für Management und Betriebsrat noch vor ihnen. Opel braucht eine neue Produktionsstrategie, die endlich die Bänder der europäischen Fertigungsstätten wieder füllt. Gerade die GM-Schwestermarke Chevrolet könnte dabei zum Retter in der Not werden. Noch baut GM keines dieser Fahrzeuge, die der Konzern in Europa verkauft, in einem der europäischen Werke.

Doch endlos Zeit bleibt Opel nicht. Spätestens wenn die Gespräche über eine Zusammenarbeit in der Produktion in Europa zwischen GM und dem französischen Hersteller Peugeot-Citroën im Herbst beendet sein werden, muss Klarheit über das neue Opel-Produktionskonzept herrschen. Was die quälende Ungewissheit für die Motivation der rund 3 100 Mitarbeiter in Bochum bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Doch auch die Traditionsmarke verträgt keine neue Hängepartie mehr. Für Opel-Boss Stracke ist es darum hohe Zeit, zu klären, woher die neuen Autos für die Opel-Fabriken kommen sollen. Anderenfalls bringt der Kompromiss Opel nur weiter in die Bredouille, denn dann steht er nur für eines: vertane Zeit bei der Sanierung der angeschlagenen Traditionsmarke.

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