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21.05.2012

13:19 Uhr

Kommentar

Provokation statt Analyse

VonDirk Heilmann

Thilo Sarrazin hat es wieder geschafft: Er beherrscht die Debatte – dieses mal die über den Euro. Das gelingt ihm, indem er die Beziehung zum Holocaust herstellt. Der Skandal überlagert die überfällige Debatte. Leider.

Dirk Hinrich Heilmann

Der Autor

Dirk Hinrich Heilmann ist Managing Direktor des Handelsblatt Research Institute und Chefökonom des Handelsblatts.

Thilo Sarrazins Euro-Buch ist ein Aufreger. Der Autor tritt mit der eingeübten Haltung des Tabubrechers an und sagt doch eigentlich nichts wirklich Neues. Seine Gegner stürzen sich auf die „Stelle“, wo der Euro zur „Buße für Holocaust und Weltkrieg“ verzerrt wird und nehmen die restlichen 95 Prozent des Buchs nicht zur Kenntnis. Damit stecken wir bereits wieder in einer dieser typischen Sarrazin-Debatten, die am Ende zu nichts führen. Schade.

Denn eine Debatte über Angela Merkels Satz „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ ist überfällig. Es ist vor allem dieser Satz, an dem sich vor Sarrazin schon andere Gegner der Euro-Rettungspolitik gerieben haben. In ihm hat die Kanzlerin noch einmal den Konsens der bundesrepublikanischen Eliten wiederzubeleben versucht. Er besteht darin, dass die europäische Integration an sich ein Ziel ist, dem alle anderen Ziele unterzuordnen sind. Aber die Menschen, die heute in Deutschland leben, fühlen das nicht mehr so, wie es vielleicht die Deutschen vor dreißig Jahren noch fühlten. Gerade die jüngeren Generationen nehmen die europäische Einigung als gegeben hin. Sie genießen es, auf ihrem Heimatkontinent frei über die Grenzen zu reisen, mal hier zu studieren, mal dort zu arbeiten. Sie sehen aber keinen Wert an sich darin, die Integration immer weiter voranzutreiben, bis sich die Nationalstaaten in ein Europa auflösen. Die schrecklichen Kriege, an die sich die Gründerväter der EU noch sehr lebhaft erinnerten, sind für die neue Generation Europäer ferne Vergangenheit.

Darum ist es falsch, den Euro heute noch vor allem politisch-historisch zu begründen. Was wir wollen, ist eine ehrliche Debatte über die wirtschaftlichen und politischen Nutzen und Kosten des Euro. Wir brauchen einen Integrationsprozess, an dem die Bevölkerung Europas beteiligt wird anstelle einer Abfolge von Krisengipfeln mit „alternativlosen“ Entscheidungen. Es gibt Alternativen: Entweder wir erklären das Experiment für gescheitert und zerlegen die Euro-Zone oder wir gehen weiter Richtung Fiskalunion und geben dem Euro die institutionelle Basis, die ihn bisher fehlt. Zur Wahrheit gehört, dass die Alternative Auflösung höchstwahrscheinlich Kosten hätte, gegen die die Folgen der Lehman-Pleite ein Sandkastenspiel waren – und dass die Alternative engere Integration nicht ohne die Verlagerung nationaler Macht nach Brüssel ginge.

Kommentare (44)

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crossretaliation

21.05.2012, 13:36 Uhr

Das wichtigste Statement von Sarrazin ist, dass Helmut Kohl, getrieben von seinem Einheitswahn, im Alleingang jegliche Rationalität über Bord geworfen hat und dabei auch die Warnungen seiner Bundsbanker mißachtet hat. Die Eurokrise hat daher weniger mit dem Holocuast, als mit der mangelnden wirtschaftlichen Kompetenz in der Kohl-Ära zut tun.

Mitte

21.05.2012, 13:40 Uhr

Schön, Herr Heilmann, dann sollten wir das Euroabenteuer endlich beenden.
Wer die Fiskalunion fordert und den europäischen Superstaat, der hat eine Volksentscheidung darüber zu fordern - und im Vorfeld dazu die Diskussion, was das genau kostet! Ohne Lügen, Täuschen und Verzerren.
Dieses Vorgehen einer ganz kleinen Clique ist mir nicht nur suspekt, sondern ich brandmarke das als absolut antidemokratisch. Dieses "politische Projekt" hat keine Deckung in der Bevölkerung - auch nicht nach jahrelangem Trommeln dafür in Goebbelscher Manier in den Staatsmedien und in diesem Zusammenhang gleichgeschalteten Presse.
Sarrazin ist ein Leuchtfeuer der Demokratie - und nur diejenigen, die sich vor seinen nicht widerlegbaren Argumenten fürchten, versuchen es mit ehrabschneidender Demagogie und semantischen Strategien, die inhumane Motivation gegen Sarrazin freisetzt.
Das alles ist zum Scheitern verurteilt. Und nein - wir sind nicht der Boulevard! Sondern aus der Mitte der Gesellschaft!

Account gelöscht!

21.05.2012, 13:40 Uhr

Schade, dass Ihrem Autor nicht aufgefallen ist, dass Jauchs Publikum zumindest gestern hörbar ausschließlich aus handverlesenen politisch Korrekten bestand, die hineichend genug intelligent waren, nur dann begeistert zu applaudieren, wenn Steinbrück gesprochen hatte. Selbst als Jauch ein Umfrageergebnis präsentierte, nachdem 67% der Deutschen keine weiteren Hilfen mehr für Griechenland befürworten, mochte niemand Sarrazin applaudieren. Es war wohl zufälligerweise so, dass die im Saale anwesenden
ausschließlich den 23% (10% wohl „weiß nicht“) zuzuordnen waren, die den totalen Euro wollen. Den politisch korrekten Hinweis, Sarrazin sei ein Populist, konnte sich der Handelsblatt-Autor auch nicht verkneifen, obwohl
er das Buch noch nicht gelesen hat und obwohl alles, was vorab über das Buch bekannt wurde, darauf hindeutet, dass der Fachmann Sarrazin auch dieses Mal auf der Basis von harten Fakten argumentiert. Mittlerweile ist halt jeder, der sich eine eigene Meinung abseits der veröffentlichten und gleichgeschalteten politisch korrekten Heilslehre erlaubt, ein Populist und Hetzer! Die Bürger verstehen aber allmächlich, dass mittlerweile jedes Versprechen pulverisiert, ihnen nur noch Lügen aufgetischt werden. Die
Wahrheit ist immer weniger in den Verlautbarungen unfehlbarer Journalisten zu finden, sondern in den gerne geschmähten Internet-Foren. 1992 war das noch anders. Damals schrieb ein französischer Journalist in einem
Kommentar über die Maastrichter Verträge: „Maastricht ist wie der Versailler Vertrag – nur ohne Krieg“. Alles klar?

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