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21.08.2012

12:24 Uhr

Kommentar

Schicksalstage einer Kanzlerin

VonMichael Inacker

Dreht die Bundesrepublik Griechenland den Geldhahn zu - oder nicht? Darüber muss Angela Merkel entscheiden. Dabei offenbart sich, ob ihre Kanzlerschaft eine große sein wird - oder ob sie an Europa scheitert.

Angela Merkel muss die beste Lösung für die EU und für Deutschland finden. dapd

Angela Merkel muss die beste Lösung für die EU und für Deutschland finden.

Angela Merkel steht vor der schwierigsten Entscheidung ihrer Amtszeit. Dreht Deutschland Griechenland den Geldhahn zu - oder nicht? Einige Berliner Akteure sprechen sogar bedeutungsschwer von Umständen, die an den Sommer von 1914 erinnern. Den Euro immer wieder in Zusammenhang mit Krieg und Frieden zu setzen bringt zwar wenig - aber dieser Herbst wird sicherlich darüber entscheiden, ob Merkels Kanzlerschaft eine große sein wird.

Helmut Kohl hatte die Wiedervereinigung, Gerhard Schröder musste über Afghanistan und den Irak sowie die Reform des Landes entscheiden - Angela Merkel aber trägt die Verantwortung dafür, ob Europa in der Form bestehen bleibt, wie wir es kennen, oder zerfällt oder auf eine neue Ebene gehoben wird. Seit Tagen brütet sie schon mit ihren Beratern über die drei Optionen und deren Machbarkeit.

Michael Inacker ist stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatt. Privatfoto

Michael Inacker ist stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatt.

Erstens: die Fortsetzung der Griechenland-Hilfen mit einem neuen Hilfspaket.

Zweitens: die Verweigerung dieser Hilfen, weil Athen seine Reformauflagen nicht erfüllt.

Oder drittens: die Vermeidung einer harten Entscheidung, indem man die im Sommer laufende Hilfs- und Brückenfinanzierung über die EZB einfach um ein paar Monate verlängert und damit auch Zeit gewinnt.

Viele von Merkels Kritikern, die ihr eine Politik des Ungefähren vorwerfen oder, wie die Publizistin und einstige Kohl-Beraterin Gertrud Höhler, ihren Regierungsstil fundamental kritisieren, rechnen damit, dass Merkel den Mittelweg (Nummer drei) gehen wird.

„Heißer Herbst“ für die Euro-Retter - Der Fahrplan in der Krise

Ende September/Anfang Oktober

Die „Troika“ der internationalen Kreditgeber Griechenlands will ihren neuesten Bericht über die Fortschritte bei den Reformen veröffentlichen. Die Analyse der Experten von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist Grundlage für die Auszahlung der nächsten Kredittranche an Athen.

8. Oktober

Treffen der Euro-Finanzminister.

18. und 19. Oktober

EU-Gipfel in Brüssel. Dort könnten die Euro-Retter entscheiden, ob Athen weitere Kredite und möglicherweise mehr Zeit für sein Sparprogramm erhält oder ob der Geldhahn zugedreht wird. Im letzteren Fall droht Griechenland der Staatsbankrott mit anschließendem Euro-Austritt.

Doch wie schon so oft ist es Merkels größte Stärke, dass sie unterschätzt wird. Offenbar reift in ihr die Entscheidung, in Sachen Griechenland eine harte Linie zu fahren. Eine Fortsetzung der Griechenland-Hilfe wäre in den Regierungsfraktionen ohnehin nicht durchsetzbar, und im Mittelweg einer Hilfsfinanzierung über die EZB sieht sie nur einen Schrecken ohne Ende mit einer gefährlichen Umfunktionierung der Zentralbank zu einer Druckerpresse - mit entsprechenden Folgen für die Stabilität des Euros.

Merkel will das Richtige tun, sie weiß nur nicht, wie sie, Deutschland und Europa an das sichere andere Ufer kommen sollen. Kommunikativ muss sie verdeutlichen, dass eine Verweigerung weiterer Hilfen für Griechenland - was faktisch zum Ausscheiden Athens aus der Euro-Zone führen würde - nicht aus der Strategie einer Renationalisierung Europas betrieben wird, sondern geschieht, um den Euro zu retten und Europa wieder glaubwürdig zu machen.

Kommentare (52)

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21.08.2012, 12:34 Uhr

"Was wäre, wenn die Kritiker recht behielten und ein Austritt Athens die Weltwirtschaft in einen Abwärtsstrudel triebe? Dann würden nicht nur Europäer, sondern auch Amerikaner und Chinesen über die Kanzlerin herfallen, und die Wahl wäre auch verloren."

Es kann ihr doch völlig egal sein, wer über sie herfällt, das tun sie doch sowieso schon alle. Warum gibt sie nicht einfach nach und nimmt Deutschland aus dem Euro raus. Damit können die Südländer Geld drucken ohne Ende, eine Schuldenunion oder einen Schuldentilgungsfond auflegen, nur eben ohne uns. Nur mit diesem Schritt könnte sie eine "große" Kanzlerin werden.

Account gelöscht!

21.08.2012, 12:40 Uhr

Monsieur Hollande kann gerne in La France bleiben und seinen Leuten erklären, daß sie alleine für Griechenland einstehen sollen.

Mal sehen, was dann in Französien abgeht.

Account gelöscht!

21.08.2012, 12:40 Uhr

"Ein Kanzler, der für die Rettung des Euros das Vermögen der Deutschen aufs Spiel setzt, wird nicht lange im Amt bleiben. "

Darauf kommt es ja nicht mal an. Wenn wir die Hälfte unserer Ersparnisse verlieren und dafür ein funktionierendes Europa und ein funktionierendes Finanzsystem bekämen, wäre das Geld gut investiert. Man wird ja bescheiden in Zeiten wie diesen. Aber für Schneeballsysteme das Geld zu verpulvern, um am Ende außer Zeit zum pflegen seiner Illusionen nichts gewonnen zu haben und ganz pleite zu sein, dafür ist mir jeder Pfennig zu schade. Ich denke für Europa ist es das Beste der Realität ins Auge zu sehen, statt vor ihr zu fliehen wie die Amerikaner mit ihrem von der Finanzindustrie protegiert- und propagierten Gelddruckfimmel.

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