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20.01.2012

15:59 Uhr

Kommentar

Schlecker-Insolvenz ist eine Pleite mit Ansage

VonOliver Stock

Wer will schon in diese Läden? Die Drogerie-Kette Schlecker kann nicht hoffen, wieder auf die Beine zu kommen, wenn sie nicht ihr Billigheimer-Konzept abstreift.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online. Pablo Castagnola

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Es ist eine vorläufige Insolvenz mit langfristiger Ansage: Wenn die Schleckereigentümer jemals in ihren eigenen Märkten einkaufen gewesen wären, hätten sie längst die Konsequenz gezogen. Sie hätten gemerkt, dass sie als Kunde allein in einem schmuddligen Laden sind. Andere Kunden? Meistens Fehlanzeige.

Verkäufer oder Kassierer in Sicht? Erst wenn sich der Kunde durch Rufen bemerkbar macht. Solche Manieren, so haben sich die Schlecker-Geschwister sagen lassen, gehörten zum Image des Billigheimers. Und sie haben nie gemerkt, dass damit in Deutschland kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Die Konkurrenz von DM und Co. konnten mit aufgeräumten Läden und freundlichem Personal noch so sehr punkten - Schlecker blieb bei seinem Schmuddelkonzept.

Anstatt aufzuräumen, wurde - und das ist der zweite Fehler - expandiert. Jedes Dorf, das über mehr als zehn Häuser und eine Bushaltestelle verfügte, wurde mit einem Schlecker-Markt beglückt. 7000 solcher Märkte sind auf diese Weise entstanden, 7000 ungemütliche Orte in Deutschland, die niemand betreten wollte, der sie nicht mangels Alternativen betreten musste. Schlecker wurde zur Marke, die man meiden muss.

Liveblog: „Wer kauft denn heute noch bei Schlecker?“

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„Wer kauft denn heute noch bei Schlecker?“

Die Pleite von Schlecker hat im Sozialen Netz sofort zu hunderten Reaktionen geführt. Handelsblatt Online trägt zusammen, was die Nutzer von Facebook, Twitter und anderen Plattformen zu dem Thema einfällt.

Deswegen staunt jetzt niemand über die Planinsolvenz. Staunen lässt sich nur darüber, dass sie so spät kommt und dass die Eigentümer offenbar noch einen Funken Hoffnung auf eine Sanierung haben. Sie verlangen mit dem jetzt angepeilten Verfahren Schuldennachlass bei den Gläubigern. Sie sind optimistisch, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu haben, das nach dem Schnitt die Drogerie-Kette wieder zu neuer Blüte führen kann.

Den Beweis dafür sind die Manager der Einzelhandelskette in den vergangenen Jahren aber an jedem einzelnen Tag und in jedem einzelnen Schlecker-Geschäft sträflich schuldig geblieben. Es fällt schwer zu glauben, dass sich daran nun plötzlich etwas ändert.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Kommentare (14)

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RechtundGesetz

20.01.2012, 17:05 Uhr

Schlecker ist eben in die Jahre gekommen.

Ich war immer gespannt wie das mal weiter gehen soll.

Ein gutes schlüssiges Konzept fehlte bislang.

War unlängst bei Müller einkaufen und sagte danach meiner Frau, es macht einfach Spass dort einzukaufen. Hell, freundliches Personal und die Präsentation der Wahre ist optimal.
Dies alles fehlt mir wenn ich bei Schlecker einkaufe, leider.
Schlecker hätte ein Magier sein müssen um zu schaffen was unmöglich ist.
In jedem kleinen Kaff ein Laden, nur um sagen zu können man sei die Firma mit dem meisten Filialen in Europa. Das kann und konnte nicht gut gehen.
Wenn ich durchs Land fahre und in diese kleinen Läden schaue, zeigt sich mir immer das gleiche Bild, fast kein Personal, kalte Atmosphäre und so gut wie keine Kundenfrequenz. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.
Das müssten die Eigentümer doch auch schon mal bemerkt haben.
Wenn nicht, dann kann man ihnen jetzt auch keinen Rat geben.

Jedenfalls lässt sich mit einer Insolvenz besser sanieren, das hat sich wohl auch schon bis zu Schlecker herum gesprochen.

blauweiss

20.01.2012, 18:08 Uhr

Nur so viel: bei Rossmann habe ich öfters unfreundliche Mitarbeiter erlebt.

EinNutzer

20.01.2012, 20:17 Uhr

Ich habe selten einen so unqualifizierten Kommentar wie sieben gelesen. Der Autor hat offensichtlich nicht die geringste Ahnung davon, wie Schlecker operiert. Allein die Annahme, die Schlecker Familie kenne die eigenen Läden nicht ist haarsträubend, sind doch die regelmäßigen abgesuchte legendär. Von welchen 'Bruedern' hier die Rede ist sollte auch mal erläutert werden, solche gib es bei Schlecker bekanntlich nicht.
Schließlich sollte einem informierten Kommentator vielleicht auch bekannt sein, dass zu Schlecker auch IhrPlatz, die renovierten und etwa sechshundert XL Filialen gehören, die alle der hier angeführten Beschreibung nicht entsprechen.
Bei allem Recht auf Meinungsfreiheit sollte der Chefredakteur einer angesehenen Zeitung mehr Differenzierung zeigen?

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