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09.01.2015

17:10 Uhr

Kommentar

Schluss mit der Opfer-Instrumentalisierung!

VonAnis Micijevic

Nach #JeSuisCharlie solidarisieren sich Tausende unter dem Twitter-Hashtag #JeSuisAhmed mit einem getöteten muslimischen Polizisten. Der Tweet, der alles ins Rollen brachte, ist allerdings höchst fragwürdig.

Anis Micijevic ist freier Journalist und schreibt für Handelsblatt Online. Armin Dahl / Handelsblatt Online

Anis Micijevic ist freier Journalist und schreibt für Handelsblatt Online.

Ein Tweet des libanesischen Aktivisten Dyab Abou Jahjah unter dem Hashtag #JeSuisAhmed hat zwei Tage nach dem Terror-Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein Opfer des Pariser Attentats in den Fokus gerückt, über das bisher eher beiläufig berichtet wurde: den muslimischen Polizisten, der von einem der Terroristen per Kopfschuss niedergestreckt wurde, während er bereits verletzt auf der Straße lag und seine Hände flehend in die Luft gestreckt hatte. Im Internet kursiert eine Amateuraufnahme der grausamen Tat.

Inzwischen ist bekannt geworden: Der getötete Polizist heißt Ahmed Merabet und war laut der französischen Zeitung „Le Figaro“ praktizierender Muslim. Vor dem Hintergrund dieser Informationen und der weltweiten Solidarität der Twitter-Gemeinde mit den getöteten „Charlie Hebdo“-Zeichnern unter dem Hashtag #JeSuisCharlie verfasste Dyab Abou Jahjah folgenden Tweet:

„Ich bin nicht Charlie, ich bin Ahmed, der tote Polizist. Charlie machte sich über meinen Glauben und meine Kultur lustig und ich bin für sein Recht, dies tun zu können, gestorben.“ Dahinter der Hashtag #JeSuisAhmed („Ich bin Ahmed“). Der Tweet wurde bereits mehr als 22.000 Mal geteilt. Viele Muslime feiern Ahmed Merabet als den wahren Helden der Tragödie von Paris. Ein moderner Muslim, der sich islamistischen Terroristen in den Weg stellt und die Meinungsfreiheit mit seinem Leben verteidigt, obwohl es ebendiese Meinungsfreiheit denen, die er verteidigt, erlaubt, sich über seinen Glauben lustig zu machen.

Man muss Dyab Abou Jahjah nicht zwingend eine böse Absicht unterstellen. Aber der Tweet ist aus zwei Gründen höchst problematisch:

Erstens, weil er einem Toten Worte in den Mund legt, die er so vielleicht gar nicht gesagt oder vertreten hätte. Fühlte sich denn Ahmed Merabet tatsächlich persönlich von den „Charlie Hebdo“-Karikaturen angegriffen oder verletzt? Wir können ihn nicht mehr fragen, also sollten es wir ihm auch nicht unterstellen. Alles andere ist unangebrachte Effekthascherei.

Zweitens, weil der Tweet eine Hierarchisierung der Opfer vornimmt: Auf der einen Seite die getöteten Satire-Zeichner, die sich über den Islam lustig gemacht haben, und auf der anderen Seite der tapfere muslimische Polizist, der trotzdem versucht hat, diese Menschen zu beschützen und dies mit seinem Leben bezahlt hat. Der Tweet impliziert, dass Ahmed Merabet das beklagenswertere Opfer sei. Und genau das ist absolut inakzeptabel.

Kommentare (11)

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Frau Ich Kritisch

09.01.2015, 17:47 Uhr

Zitat: "Der Tweet impliziert, dass Ahmed Merabet das beklagenswertere Opfer sei. Und genau das ist absolut inakzeptabel."

Warum ist das inakzeptabel? Kann ein Journalist nicht akzeptieren, dass der Polizist, der das Recht des Jpurnalisten verteidigte vielen näher steht als der Journalist?

Zitat: "Es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse."
So? Warum war dann in den Medien zunächst nur die Rede von 12 Toten, darunter 4 Zeichner.
Wo konnte man etwas über die getöteten Polizisten lesen? Wo stand etwas von dem getöteten Hausmeister?
Sind diese Personen weniger wichtig? weniger wert? Tote zweiter Klasse?

Wer selbst in seinen Berichten so differenziert sollte von anderen nicht mehr Moral erwarten/verlangen als er selbst aufbringt.

Fasst Euch (Journalisten) an die eigene Nase!!

Herr Andreas Glöckner

09.01.2015, 17:53 Uhr

Meinungsfreiheit erlaubt nicht grundsätzlich, sich über andere lustig zu machen, wie der Autor sagt. Es geht in dem Zusammenhang in dem ich die Aussage stelle eben um diese Grundsätzlichkeit, die nicht erlaubt ist.

In Deutschland gibt es bei Beleidigungen den Wahrheitsbeweis, der die handelnde Person entlastet. Für die berechtigte(!) politische Satire, die ja auch zynisch sein kann, regelt die Wahrnehmung berechtigter(!) Interessen(!) entsprechende Entlastungen.

Grundsätzlich ist die Pressefreiheit also kein Grundrecht, das strafbefreiend gegen Beleidigungen wirkt. Entscheidend ist, dass die aufgestellten Behauptungen entweder wahrheitstreu aufgestellt wurden oder Interessen wahrgenommen wurden, um auf inländische Probleme hinzuweisen, ggf. provokant.

Ich interessiere mich für ein Funktionieren unserer Gesellschaft. Ich muss einen Muslim nicht mit Bruder ansprechen, aber wenn mich ein Muslim mit Bruder anspricht, dann freue ich mich darüber.
Inwieweit die Karikaristen die Muslime Frankreichs mit der Anrede " Bruder" (fraternité) willkommen heißen, erschließt sich mir nicht.

Wenn Helmut Kohl der Kopf zur Birne gezeichnet wurde oder Mike Krüger und Thomas Gottschalk nach Jahren der "Belustigung" über die großen Nasen den Film "die Supernasen" abdrehten, dann befinden wir uns in unserem Reich gegenseitigen miteinanders. Das ist nicht islamisch das ist dann deutsch. Sehr deutsch.
Ich kann nicht für Frankreich sprechen, wenn es sich derartigen Terrorakten ausgesetzt sieht. Denn irgendwo gibt es Grenzen. Und in Deutschland setzt das Opfer Grenzen, sobald es sich zur Wehr setzt. Und ab diesem Punkt teile ich die Kritik an diesem Terrorakt nur noch bedingt. Sicher steht fest,dass das Attentat aus den Karikaristen keine Täter macht im Sinne von Verbrechenstäter. Aber wenn es Anzeigen gab, die auf ehrverletzende Schmähkritiken hindeuten,aus denen weder ein Wahrheitsbeweis noch berechtigte Interessen erkennbar hervortreten,

...dann hat Charlie immer noch provoziert.

Account gelöscht!

09.01.2015, 19:00 Uhr

Aber ganz selbstverständlich erlaubt Meinungsfreiheit - befiehlt für einen intelligenten Menschen sogar -, andere zu ironisieren, ja, sich auch lustig zu machen, je nach eigenen Fähigkeiten.

Da nicht jeder ein Aristoteles, Brecht oder Satiriker sein kann, darf das auch schon mal deftig und unsensibel ausfallen.

Wäre das zu kritisieren, fehlt es an Freiheit des Redens und Gedankens, auch Meinungsfreiheit genannt.

Genau betrachtet beginnt diese schon viel früher - das vermag sich ein Relativist wie der Autor nicht vorzustellen, ist aber dennoch so. Und soll und muß so bleiben.

Wo kämen wir sonst hin?
Nach Mekka vermutlich - und nicht lebend.

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