Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.01.2012

00:00 Uhr

Kommentar

Schrumpfen ist keine Option

VonChristoph Schlautmann

Die Zukunft von Schlecker sieht alles andere als rosig aus. Die Drogeriemarktkette konnte sich bisher durch Wachstum behaupten. Nun ist das System zusammengebrochen. Ein neues Konzept muss her.

Christoph Schlautmann

Christoph Schlautmann ist Unternehmensredakteur.

Die Kaufhauskette Sinn-Leffers machte es vor: In der Planinsolvenz wurden unrentable Mietverträge neu ausgehandelt, überzählige Mitarbeiter erhielten ohne teure Abfindungen die Kündigung, und selbst Lieferanten besserten ihre Verkaufsangebote angesichts der Schieflage ihres Abnehmers nach. Heute verdient die Hagener Modekette wieder prächtig. Ähnlich erfolgreich stellten Insolvenzpläne auch die Wettbewerber Karstadt und Woolworth wieder auf die Beine. Nach einem Befreiungsschlag, den vor allem Mitarbeiter und Vermieter zu spüren bekamen, fanden die Traditionsfirmen neue Eigentümer.

Die Rettung von Schlecker also kaum mehr als eine Formsache? Schön wär's. Tatsächlich dürfte es dem künftigen Insolvenzverwalter kaum schwerfallen, den Geschäftsbetrieb am Laufen zu halten und ungünstige Verträge kurzfristig zu kündigen. Doch ein "Gesundschrumpfen" gibt es für Schlecker nicht. Für das Drogeriemarktkonzept war bislang nur eines gesund: Wachstum. Während die Wettbewerber DM und Rossmann ihre Mitarbeiter schulten, Bioartikel in die Läden nahmen und in teure Innenstadtlagen investierten, setzte der Marktführer aus Schwaben allein auf die Expansion seines Filialnetzes. Selbst an entlegensten Orten öffneten seine weiß-blauen Läden, selbst dann, wenn von den Erträgen kaum die Kassiererinnen zu bezahlen waren.

Wie es mit Schlecker weitergeht

Schwierige Verhandlungen mit Gläubigern

Erst in den kommenden Wochen und Monaten wird es sich entscheiden, ob der Drogerieriese Schlecker es schafft, eine völlige Pleite und das Aus für die rund 30.000 Mitarbeiter in Deutschland abzuwenden.

Überzeugungsarbeit

Die Spitze von Deutschlands bislang größtem Drogeriekonzern Schlecker muss Überzeugungsarbeit leisten. Gelingt es der Familie und dem Management, die Gläubiger von einem Insolvenzplan zu überzeugen? Wie geht es weiter?

Die Planinsolvenz

Schlecker hat den Antrag auf eine Planinsolvenz beim zuständigen Amtsgericht Ulm eingereicht. Das Verfahren ähnelt dem amerikanischen sogenannten Chapter 11, mit dessen Hilfe sich dortige Unternehmen in weitgehender Eigenregie sanieren, um als Firma erhalten zu bleiben. Noch äußert sich Schlecker nicht dazu, wie ein solcher Plan genau aussehen könnte.

Filialen schließen

Es ist davon auszugehen, dass noch weit mehr Filialen als geplant geschlossen werden. Bislang sollte dieser Prozess Ende des ersten Quartals abgeschlossen sein - mit mehreren hundert weiteren dichtgemachten Läden, weit über 1000 seit Anfang des vergangenen Jahres. Zudem werden die Beschäftigten Federn lassen müssen.

Die dringendsten Probleme

Schlecker selbst hat eine ausgefallene „Zwischenfinanzierung“ als Ursache für die Insolvenz genannt. Nach übereinstimmenden Berichten verschiedener Medien und dpa-Informationen ging es um Zahlungen an den Einkaufsverbund Markant. Dieser und andere Gläubiger müssen also dem Sanierungskonzept Vertrauen schenken, so dass frische Ware in die Läden kommt.

Rolle der Banken

Meike und Lars Schlecker hatten im Dezember erklärt, es habe bereits „die eine oder andere Vereinbarung“ mit Banken gegeben. Um Investoren zu finden, hat die Drogeriekette angeblich den Ex-Edeka-Chef Alfons Frenk engagiert. Schlecker bestätigte Verhandlungen über einen Einstieg von Finanzinvestoren nicht, über die das „Manager Magazin“ berichtet hatte.

Wie sicher sind die Arbeitsplätze?

Bislang hat Schlecker allen Filialschließungen zum Trotz keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen. Das Management verlängerte Zeitverträge nicht oder besetzte frei werdende Stellen nicht neu. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bestätigt das, fordert jetzt aber vollen Einsatz für die allein in Deutschland rund 30.000 Beschäftigten.

Gehälter vorerst sicher

Eigentlich gilt bis Mitte 2012 ein Beschäftigungssicherungsvertrag - Mitarbeiter können nur gegen eine entsprechende Abfindung ausscheiden. Zumindest die Gehälter sind durch das Insolvenzausfallgeld für die ersten drei Monate des Verfahrens gesichert.

Beispiele für gelungene Planinsolvenzen

Zum Beispiel die Modekette Sinn Leffers oder den Fall Karstadt. Bei Sinn Leffers waren allerdings harte Einschnitte nötig: nur 25 von 47 Standorten blieben erhalten, rund 1300 Jobs wurden gestrichen. In Baden-Württemberg hat der Modelleisenbahnhersteller Märklin es geschafft, sich dank eines Plans aus der Insolvenz zu verabschieden. Das war aber auch nur möglich, weil sich die wichtigsten Gläubiger darauf einigten, einen Teil ihrer Forderungen in Millionenhöhe erst später beglichen zu bekommen.

Hat Schlecker eine Chance auf dem Drogeriemarkt?

Nur mit einem radikalen Imagewandel, sagen Branchenexperten. Weg vom Billiganbieter mit Geschäften an jeder Straßenecke, lange Jahre das Erfolgsmodell der Kette. Die größten Konkurrenten DM und Rossmann haben sich seit ihren ebenfalls im Drogerie-Discount-Bereich liegenden Anfängen enorm weiterentwickelt.

Konkurrent DM

Gerade der Karlsruher DM-Konzern hat mit großen, zentral gelegenen Filialen immer mehr Marktanteile hinzugewonnen und ist etwa im Fotobereich sehr beliebt. Zudem hat Schlecker bis heute mit seinem Negativimage zu kämpfen, weil Arbeitnehmerrechte früher wenig galten und sich das Bild in den Köpfen vieler Konsumenten festgesetzt hat.

Wie weit ist die Neuausrichtung?

Die hat Schlecker mit seinem Programm „Fit for Future“ erst sehr spät gestartet. Anfang 2011 wurden die ersten, neu gestalteten Filialen aufgemacht. Sie bieten mehr Bewegungsfreiheit, übersichtliche Regale und ein speziell auf die jeweilige Nachbarschaft abgestimmtes Sortiment.

Neue Läden

Rund 30 Prozent Umsatzzuwachs verzeichneten sie nach Angaben von Meike und Lars Schlecker. Bislang gibt es erst rund 300 der neuen Filialen, 750 bis 1000 sollten es in diesem Jahr werden. Das Gros der über 7000 Läden allein in Deutschland sind weiterhin kleine und enge Geschäfte mit geringen Fixkosten, aber auch wenig Umsatz. Hier wollte Schlecker zuletzt wieder über eine Preisoffensive punkten.

Die Strategie erinnert an ein Schneeballsystem. Solange die Umsätze stiegen, konnte Schlecker seine Lieferanten mit den Geldeinnahmen bequem bezahlen. Schließlich waren die Artikel meist schon in seinen Läden verkauft, bevor die Rechnungen in der Ehinger Firmenzentrale zu begleichen waren. Erst als Schlecker die Grenze zur Marktsättigung erreichte, brach das System zusammen. Kein Wunder, dass die Schwaben seit vier Jahren rote Zahlen schreiben.

Die Zukunft ist für das Unternehmen alles andere als rosig. Denn verabschiedet sich Schlecker von einem wesentlichen Teil seines Filialnetzes, sinkt der Warenumsatz drastisch. Die günstigen Einkaufspreise bei der Industrie wären dahin, die Sonderangebote für die Kundschaft ebenso. Was Drogerieketten in solchen Fällen droht, zeigten die Wettbewerber Idea oder KD: Sie alle verschwanden vom Markt.

Schlecker braucht jetzt ein völlig neues Geschäftsmodell. Und zwar eines, das sich mit einem mäßig attraktiven Standortnetz gegenüber den enorm erfolgreichen Wettbewerbern DM und Rossmann durchsetzt. Ideen dürfte der Insolvenzverwalter dankend entgegennehmen.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Horaz

23.01.2012, 14:37 Uhr

Mir ist zwar Schlecker eher gleichgültig, aber Dummheit ärgert mich und Schlecker verhielt sich dumm.
In meinem Ort ist eine Schlecker-Filiale neben einem Supermarkt. In dem Supermarkt bekomme ich neben Lebensmitteln praktisch alles, was es bei Schlecker gibt.
Zweimal war ich in dem Laden. Einmal wollte ich Schneckenkorn. Da sagte die Verkäuferin "Hamanicht, weil da bräuchten wir einen Giftschrank". "Und warum habt ikr keinen", fragte ich und erntete ein Achselzucken.
Ein andermal suchte ich eine bestimmte Batterie aus dem Fotobereich. Gleiches Ergebnis.
Einen dritten Versuch unternahm ich nicht mehr.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×