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21.03.2012

22:00 Uhr

Kommentar

Schutzschild mit Halbwertszeit

VonAlexander Busch

Brasilien versucht, seine heimische Industrie immer stärker gegenüber dem Ausland abzuschotten. Das wird aber nicht dauerhaft helfen. Die Regierung droht, eine historische Chance zur Modernisierung zu verpassen.

Die riesigen Verarbeitungsanlagen des brasilianischen Zelluloseproduzenten Aracruz, nahe dem Ort Aracruz im Bundesstaat Espirito Santo. dpa

Die riesigen Verarbeitungsanlagen des brasilianischen Zelluloseproduzenten Aracruz, nahe dem Ort Aracruz im Bundesstaat Espirito Santo.

Brasilien ist auf dem falschen Weg. Die Regierung stellt seit einiger Zeit zum Schutz der eigenen Industrie eindeutig die Weichen falsch. Nach Finanztransaktionen werden ständig neue Produkte mit Importsteuern geschützt, genießen immer neue Branchen Steuerbefreiungen oder erhalten öffentliche Kredite. Bilaterale Handelsverträge wie mit Mexiko werden einseitig gekündigt.

Das Argument für diese protektionistischen Maßnahmen ist der starke Real. Der hat seit drei Jahren gegenüber dem Dollar um ein Drittel aufgewertet. Heute ist es für Brasilianer aus der Mittelschicht billiger, in Miami Babyausstattung zu kaufen als in Brasilien. Brasilianische Autos und Flugzeuge haben immer weniger Marktchancen im Ausland. Importwaren überschwemmen den brasilianischen Markt – zur Freude der konsumfreudigen Brasilianer.

Darunter leidet vor allem die brasilianische Industrie, die seit zwei Jahren stagniert und die sonst rundlaufende Konjunktur wie ein Bremsklotz belastet. Kurz: Die Klage der Regierung und Industrieverbände trifft zu, dass in Brasilien eine schrittweise Deindustrialisierung stattfindet. Dennoch ist – anders, als es die Regierung darstellt – nicht der starke Real die Ursache für die sinkende Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Industrie.

Alexander Busch ist Handelsblatt-Korrespondent in Sao Paulo. Pablo Castagnola

Alexander Busch ist Handelsblatt-Korrespondent in Sao Paulo.

Der Wechselkurs hat den chronischen Wettbewerbsnachteil der verarbeitenden Unternehmen nur verschärft. Denn die Unternehmer halten sich schon länger mit Investitionen zurück: weil die Löhne und Nebenkosten angesichts der Produktivität zu hoch sind, weil die kumulativen Steuern Investitionen in die Produktion „bestrafen“, wegen der ineffizienten Bürokratie und katastrophalen Infrastruktur, weil es zu wenige, zu schlecht ausgebildete Arbeitskräfte gibt. Und weil Brasilia sich weigert, bilaterale Freihandelsabkommen abzuschließen, und immer mehr Auslandsmärkte verschlossen bleiben.

Deshalb bringt es wenig, wenn Brasiliens Konsumenten jetzt mehr zahlen sollen für ihre bereits überteuerten und nicht wettbewerbsfähigen Produkte der Industrie. Diese Sondergewinne werden die Unternehmer nicht zu neuen Investitionen animieren.

Der bessere, langfristig wirkende Ansatz wäre eine Entlastung der Industrie: mit weiteren Zinssenkungen, die durch staatliches Sparen erreicht würden. Mit einem Abbau der Bürokratie für Unternehmen. Mit moderner Infrastruktur. Mit einem besseren Bildungsangebot. Mit Freihandelsabkommen, um regionale Arbeitsteilung zu ermöglichen und Märkte zu öffnen. Auf all diesen Gebieten bewegt sich die Regierung – aber viel zu langsam. Die hohen Rohstoffpreise seit einer Dekade haben Brasiliens Reformer träge gemacht. Wozu auch politisch komplizierte Reformen angehen, wenn die Einkommen auch so steigen und alle Brasilianer – von superreich bis bettelarm – jährlich wohlhabender werden?

Kommentare (5)

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Thomas-Melber-Stuttgart

21.03.2012, 22:24 Uhr

Und? In Indien und in China hat das sehr gut fuktioniert, sowie in Deutschland im frühen 19. Jhd. - Friedrich Lists Theorien sind heute vielleicht aktueller denn je.

Brasilianer

21.03.2012, 23:58 Uhr

Der Artikel schildert hervorragend eine Chance, die Brasilien offenbar verschlaeft. Aber es gibt ein noch viel groesseres langfristiges Problem: heutzutage leben 120 Mio. brasilianer (von insgesamt ca. 200 Mio.) ausschliesslich vom Staat. Dies beinhaltet von der Familie, die Staatsalmosen bezieht, ueber den ganzen Beamtenapparat bins hoch zur Praesidentin. Griechische Verhaeltnisse also.

dietmar51

22.03.2012, 01:46 Uhr

Da haben Sie vollkommen recht. Die Politiker sind so saumäßig dumm und arrokant, daß sie dieses wunderschöne Land in wenigen Jahren zu Grunde gerichtet habe. Ich lebe hier seit zwanzig Jahren und bin es leid, darum werde wir Brasilien verlassen. Meine Söhne sind schon weg. Am Jahresende ist auch für uns hier Schluß

Viele Grüße

Dietmar

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