Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.07.2014

17:44 Uhr

Kommentar

Sehr geehrter Herr Lammert!

Norbert Lammert hat eine Festrede an der Uni Düsseldorf abgesagt. Grund ist das Verhalten der Hochschule im Fall Schavan. Ein Unding, findet unser Autor Alexander Möthe und schreibt dem Bundestagspräsidenten einen Brief.

Bundestagspräsident Norbert Lammert will nicht an die Uni Düsseldorf kommen. ap

Bundestagspräsident Norbert Lammert will nicht an die Uni Düsseldorf kommen.

Wegen des Umgangs der Universität Düsseldorf mit dem Plagiatsfall Annette Schavan hat Bundestagspräsident Norbert Lammert eine Festrede zum 50-jährigen Jubiläum der Hochschule abgesagt. Lammert erklärte in einem Schreiben an den Rektor der Universität, er habe „unterschätzt, welche Bedeutung das Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades von Annette Schavan noch immer nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch im Selbstverständnis der Düsseldorfer Hochschule hat“.

Dabei verwies er unter anderem auf die „demonstrative Auszeichnung“ zweier Professoren, die in dem Verfahren gegen die damalige Bundesforschungsministerin eine zentrale Rolle gespielt hatten. Ihn irritiere, „dass jegliche kritische Stimmen auch und gerade von hochangesehenen Wissenschaftlern und aus den akademischen Spitzenverbänden ausnahmslos für eine unerwünschte Einmischung und unzulässige versuchte Einflussnahme erklärt werden“. Unser Autor Alexander Möthe antwortet Norbert Lammert in einem offenen Brief.

Sehr geehrter Herr Lammert,

mit Bedauern habe ich die Absage Ihrer Rede zum 50. Geburtstag meiner Alma Mater, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, zur Kenntnis genommen. Mit Bedauern, da mich die Begründung Ihrer Absage überrascht hat. Ich möchte bewusst nicht „enttäuscht“ sagen, da dies eine unerwünschte persönliche Färbung in meine Aussage mischen würde. Sie, Herr Lammert, sind mit in Ihrer Eigenschaft als langjähriger Präsident des Deutschen Bundestags vor allem durch eins als Respektsperson aufgefallen: Sie scheuen keine Diskussion. Dies rechne ich Ihnen hoch an, da Sie in Ihrem Amt auch den eigenen Parteiangehörigen mit einer gebotenen kritischen Distanz gegenüberstehen. Unpopuläre Standpunkte sind Ihnen nicht fremd. Auch nicht, diese gegen jede Anfeindung zu verteidigen.

Alexander Möthe ist Redakteur im Ressort Agenda.

Der Autor

Alexander Möthe ist Redakteur im Ressort Agenda.

Insofern überrascht mich Ihre Absage. Ich kenne den Betrieb in den Mahlwerken der Heinrich-Heine-Universität aus eigener Erfahrung. Als Studierendenvertreter besonders intim sind die Kenntnisse um die Theaterkatakomben der Philosophischen Fakultät. Und tatsächlich: Es gibt weitaus dringlichere Probleme als 30 Jahre alte Promotionsarbeiten prominenter Politiker. Ein trotz eines engen regulatorischen Korsetts zumindest in den Geisteswissenschaften vollkommen unbrauchbarer modularer Studiengang. Die nicht abreißende Verschulung der akademischen Anstalten. Der Schwebezustand des Lehrpersonals, das Verschwinden des akademischen Mittelbaus. Völlig unsinnige Studierendenquoten, die das so wichtige Handwerk zum Außenseiter im Ausbildungsmarkt werden lassen.

Es gibt aber auch weitaus Schlimmeres, als eine letztlich fehlerhafte Promotionsarbeit aufgrund handwerklicher Mängel zu hinterfragen und abzuerkennen. Eine Entscheidung, inwieweit dies Rechtens ist, obliegt mir nicht. Auch Ihnen nicht, Herr Lammert. Sie obliegt ausschließlich dem zuständigen Ausschuss und in diesem speziellen Fall den juristischen Instanzen. Dass man den Abläufen an der Heinrich-Heine-Universität nicht unkritisch gegenüberstehen muss, soll, kann und darf, versteht sich. Das akademische Bildungssystem kann ohne kritisches Denken, ohne hinterfragen nicht auskommen. Auch, wenn diese Eigenschaften in den vergangenen Jahren immer mehr in den Hintergrund treten.

Uni Düsseldorf: Lammert sagt Rede zum Jubiläum ab

Uni Düsseldorf

Lammert sagt Rede zum Jubiläum ab

Die Universität Düsseldorf hat zwei Professoren geehrt, die in der Affäre um Annette Schavan eine zentrale Rolle gespielt haben – mit einer bemerkenswerten Begründung. Bundestagspräsident Lammert zieht nun Konsequenzen.

Gerade deshalb meine Überraschung, Herr Lammert, dass Sie der Möglichkeit eines kritischen Diskurses mit Vertretern eben jener Hochschule aus dem Weg gehen. Dass Sie das Forum der Jubiläumsfeier nicht nutzen, um die für „akademische Zivilcourage“ ausgezeichneten Lehrkörper zu hinterfragen. Dass Sie die Gelegenheit verstreichen lassen, über Sinn und Unsinn eines medienwirksamen Streits zu diskutieren, während in der Forschung kaum Akzente gesetzt werden. Während buchstäblich Dutzende Baustellen offen bleiben.

Und genau deshalb würde mich freuen, falls Sie ihre Entscheidung noch einmal überdenken.

Hochachtungsvoll,
Alexander Möthe

Den Autor erreichen Sie unter moethe@handelsblatt.com

Von

alm

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Delete User Delete User

30.07.2014, 19:21 Uhr

Sehr geehrter Herr Möthe,
vielen Dank für Ihren offenen Brief an Herrn Lammert.
Sie sprechen das aus, was Millionen Menschen in Deutschland denken.
Es ist sehr zu bedauern, dass Politiker den moralischen Zeigefinger mit solchen Reaktionen erheben. Von einem Lammert hätte dies kaum jemand erwartet.
Es grüßt
M. Mustermann

Frau Sara Bürger

31.07.2014, 10:52 Uhr

Dass Groteske an der ganzen Geschichte ist diese Mischung aus Uneinsichtigkeit und Unsouveränität vor allem bei Schavan, aber auch bei Lammert. Anstatt die Tatsache der Titelaberkennung mannhaft zu akzeptieren, nun so eine Aktion. Dazu passt, dass Fr. Schavan in ihrer Vita beim Vatikan schreibt: "1980: Promotion zum Dr. phil. (gültig bis 2014)." Peinlich.

Herr Falk Schwella

01.08.2014, 17:27 Uhr

Vielen Dank Herr Möthe,
Sie weisen sehr deutlich darauf hin, dass es gerade im Bildungsbereich erheblich wichtigere Themen zu beleben gilt, als jene Promotionsarbeit von Frau Schavan. Paradoxer Weise finden oft die kleingeistigen Ereignisse den Weg in die Headlines und Kommentare. Eine gekupferte Doktorarbeit versteht sich eben leichter als Studierendenquote und akademischer Mittelbau. Selbst ein BT-Präsident resigniert vor diesem gesellschaftlichen Diskurs, den wir uns verdient haben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×