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16.01.2012

12:49 Uhr

Kommentar

So praktisch wie Zauberlehrlings Besen

VonAndrea Cünnen

Politiker sprechen von einem „Währungskrieg“: Die Herabstufung der Bonität mehrerer Euro-Länder führt zu verbalen Attacken auf die Ratingagenturen. Das Gezeter ändert aber nichts am starken Einfluss der Ratings.

„Die Geister, die ich rief“: Ratingagenturen sind unentbehrlich geworden. dapd

„Die Geister, die ich rief“: Ratingagenturen sind unentbehrlich geworden.

FrankfurtDie meisten europäischen Politiker haben nach dem historischen Rundumschlag der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) am Freitagabend das erste Gebot bei Gefahr eingehalten: Ruhe bewahren. Doch es gab auch andere Stimmen, nachdem die US-Agentur ihre Drohung von Anfang Dezember wahrgemacht und wegen der ungelösten Probleme im Euro-Raum die Bonität von neun der 17 Mitglieder der Währungsunion herabgestuft hatte. Zudem gestand sie nur noch Deutschland und der Slowakei einen stabilen Ausblick zu.

Von einem „Währungskrieg“ sprach beispielsweise der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sagte, der Euro werde attackiert, und Außenminister Guido Westerwelle kündigte EU-Gespräche über die Gründung einer europäischen Ratingagentur an - die übrigens schon lange geführt werden.

Dabei haben die Politiker mit ihrer grundsätzlichen Kritik recht: Seit fast zwei Jahren überbieten sich die großen Ratingagenturen S&P, Moody's und Fitch förmlich darin, die Bonität der Euro-Krisenländer herabzustufen. Sie reagieren damit auch auf die stetig höheren Zinsen, die Krisenländer wie Griechenland, Irland, Portugal und seit längerem auch die großen Volkswirtschaften Spanien und Italien und sogar Frankreich für ihre Anleihen zahlen müssen. Die schlechteren Ratings werden aber zumindest tendenziell die Investoren noch nervöser machen. Denn jeder weiß, dass die Agenturen der Einschätzung der Märkte hinterherlaufen. Von daher fürchten die Investoren, dass die nächste Herabstufung nicht lange auf sich warten lässt, und verlangen im Zweifelsfall erneut höhere Zinsen als Risikoentschädigung.

Doch wird dieser Teufelskreis durch das Gezetere über die Macht der Ratingagenturen durchbrochen? Nein. Würde eine europäische Ratingagentur alles besser machen? Auch nicht. Das Problem ist vielmehr, dass die Agenturen allzu wichtig geworden sind. Diese Macht haben ihnen Politiker, Aufsichtsbehörden und Investoren selbst zugebilligt: Banken dürfen die Ratings verwenden, um die Vorgaben zur Eigenkapitalunterlegung zu berechnen, Versicherer dürfen Anleihen in großem Stil nur kaufen, wenn sie bestimmte Ratings haben, und auch bei der Auflage vieler Publikumsfonds sind Ratings eine Grundlage.

Der Grund für diese Ermächtigung ist Bequemlichkeit. Ratings sind so praktisch und übernehmen wie der Besen in Goethes Ballade vom Zauberlehrling die Arbeit des Knechts: Statt Daten und Zusammenhänge selbst zu analysieren, schaut man auf das in ein paar Buchstaben zusammengefasste Urteil der Agenturen.

Deshalb ist der bislang nur sehr vage kolportierte Vorstoß von Bundeskanzlerin Angela Merkel richtig, den Einfluss der Ratings durch Bereinigung der Gesetze zu verkleinern: Idealerweise sollten Ratings den Finanzdienstleistern in der Regulierung nicht vorgeschrieben werden. Anders werden wir die von uns gerufenen Geister, die mächtig und selbstständig geworden sind, nicht mehr los. Sie könnten noch viel Unheil stiften.

Kommentare (9)

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Rapid

16.01.2012, 13:23 Uhr

Richtig, auch in diesem Fall gelten mal wieder die drei "Zauberworte"
"Eigenermächtigung"
"Eigenertüchtigng"
"Eigenverantwortung"

Danke

DonCapisco

16.01.2012, 13:34 Uhr

Und die "Eigenertüchtigung" hat etwas mit dem altdeutsche Wort "Tüchtigkeit" zu tun und ist etymologisch mit der "Tapferkeit" verwandt!

Logo23

16.01.2012, 14:07 Uhr

Jeder weiß, dass die Agenturen der Einschätzung der Märkte hinterherlaufen, sagen Sie ! Ich weiß das nicht ! Warum ändern sich denn die Kurse sofort nach Veröffentlichung einer Herabstufung ?

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