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14.01.2014

15:39 Uhr

Kommentar

„Sozialtourismus“ verdient den Titel Unwort des Jahres

VonMaike Freund

Gut, dass das Wort „Sozialtourismus“ an den Pranger gestellt wird. Es ist fremdenfeindlich und setzt zusammen, was nicht zusammengehört: Spaß und Armut. CSU-Populisten können sich dagegen über die Auszeichnung freuen.

Maike Freund ist Politik-Redakteurin.

Maike Freund ist Politik-Redakteurin.

Das Wort „Sozialtourismus“ verdient den Titel Unwort des Jahres. Denn die Wortschöpfung der CSU macht Stimmung gegen Ausländer. Richtig also, dass da mal jemand deutlich macht: Politik (und Medien) bedienen sich schon fast selbstverständlich eines Wortes, das fremdenfeindlich ist.

Doch es ist noch schlimmer: Denn das Wortungetüm, das da zwei Begriffe zusammensetzt, die so gar nicht zueinander passen wollen, unterstellt ja auch noch Spaß. Stellen Sie sich das Wort Tourismus vor. Lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf. Was sehen Sie? Vielleicht einen Strand, vielleicht ein Hotel oder ein Zelt oder schöne Landschaften oder den Petersdom. Tourismus, das Wort ist erst mal positiv konnotiert, das ist etwas Schönes, Gutes, Erholung, Freizeit – und auch ein Stück Luxus.

Und jetzt denken Sie an die Menschen, denen manche Politiker Sozialtourismus vorwerfen: Ohne Job, ohne Perspektive; arm, vielleicht sogar hungernd. Das sind also diejenigen, die Tourismus betreiben? Das Wort setzt etwas in Beziehung, was nichts miteinander zu tun hat – Spaß und bittere Armut. Gut also, dass dieses Wort an den Pranger gestellt wird.

Doch das ist leider nur die eine Ebene. Denn die zweifelhafte Auszeichnung zum Unwort des Jahres hat einen weiteren Effekt: Sie bringt denen Aufmerksamkeit und Bestätigung, die diese Debatte angezettelt haben: der CSU. Auch wenn die Partei gerüffelt wird für diese Wortschöpfung und andere Formulierungen wie zuletzt dieser Ausspruch des Bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofers: „Wer betrügt, der fliegt“: Unterm Strich bleibt stehen: Die Partei hat ihr Thema auf der Tagesordnung der Politik und der Öffentlichkeit platziert.

Auch wenn die CSU viel Kritik einstecken und sich den Vorwurf des Rechtspopulismus gefallen lassen muss: Das wird der Partei egal sein. Denn sie profitiert davon.
Was bleiben muss, ist mehr Achtsamkeit, was genau wer eigentlich sagt und meint. Und der Anfang sind die Worte.

Kommentare (56)

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Stephanie

14.01.2014, 15:57 Uhr

Haben wir dann demnächst eine Sprachpolizei, die Verbrennung von Büchern mit politisch unkorrekten Wörtern und ein "Wahrheitsministerium"?

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

maverick0771

14.01.2014, 16:06 Uhr

Sie haben Recht, diese Wortschöpfung passt nicht zusammen... Denn es gibt dabei noch etwas, was nicht geht: Touristen fahren nach ihrem Tourismus, also in aller Regel nach 2-4 Wochen, wieder nach Hause. Das reicht nicht mal für Leistungsbezug und somit stellt sich das Problem erst gar nicht...
Aber wenn sie doch der Meinung sind, dass man mehr darauf achten sollte, wer was wie meint, was er sagt, warum stürzen sie sich auf solche Wortklaubereien?

RBern

14.01.2014, 16:36 Uhr

Es handelt sich um einen verniedlichenden Begriff des Sozialmissbrauchs.

Ich werde ihn deshalb, solange er noch kein Straftatbestand ist, so oft wie möglich benutzen.

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