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27.04.2012

12:35 Uhr

Kommentar

Spanien braucht Zeit

VonJan Mallien

Seit die spanische Regierung ihre Sparziele aufgekündigt hat, sind die Märkte unsicher. Dabei ist ihre Einhaltung gar nicht so wichtig. Viel entscheidender ist die langfristige Perspektive - Herabstufung hin oder her.

Die Spanische Flagge weht über der Plaza de Cibeles in Madrid. dapd

Die Spanische Flagge weht über der Plaza de Cibeles in Madrid.

Die Herabstufung von Spanien durch die Ratingagentur Standard & Poor’s kommt nicht überraschend. Seit Wochen prägt die Sorge um Spanien die internationalen Finanzmärkte. Auslöser für die Verunsicherung war die Ankündigung der spanischen Regierung, dass sie die mit der EU vereinbarten Sparziele für 2012 nicht einhalten kann. Dies werten viele Beobachter als Zeichen für mangelnden Reformwillen Spanien..

Damit aber liegen sie falsch. Spaniens Regierung ist mit ihrer Wirtschaftspolitik grundsätzlich auf dem richtigen Weg. Sie braucht aber Zeit, bis sich die Effekte ihrer Strategie zeigen.

Mallien Jan

Jan Mallien, geldpolitischer Korrespondent.

Das liegt daran, dass Spanien noch immer die Lasten eines beispiellosen Immobilienboom zu tragen hat. Die Immobilienpreise kannten bis zur Lehmann Pleite nur eine Richtung: Nach oben. Die Spanier bauten immer mehr neue Häuser und verschuldeten sich dafür. Das gab der Wirtschaft kräftig Schwung und führte dazu, dass Spanien lange Zeit Musterschüler bei der Einhaltung der Defizitkriterien des Maastrichter-Vertrags war. Dann kam die Finanzkrise und machte alles zunichte. Nach dem Platzen der Immobilienblase ist nun nicht nur der Staat hoch verschuldet sondern auch der Privatsektor. Wenn sich jetzt beide zur gleichen Zeit entschulden wollen, trifft das die Wirtschaft besonders hart.

Außerdem setzt die spanische Regierung nicht so stark auf kurzfristige Einsparungen, sondern auf langfristige Strukturreformen. Zwar will sie allein in diesem Jahr 27 Milliarden Euro einsparen, doch ob sie das schafft ist unklar. Es ist aber auch nicht entscheidend.

Viel wichtiger ist die bereits verabschiedete Reform des Arbeitsmarktes. Sie sieht niedrigere Abfindungszahlungen bei Kündigungen vor und soll es Unternehmen leichter ermöglichen, von vereinbarten Tariflöhnen abzuweichen. Damit setzt die Regierung beim größten Problem an: Der hohen Arbeitslosigkeit. Bei der Jugendarbeitslosigkeit ist Spanien in Europa mit fast 50 Prozent Spitzenreiter.

Die spanische Arbeitsmarktreform

Geringere Abfindungen

Bis 2012 mussten einem Angestellten in Spanien bei grundloser Kündigung eine Abfindung von 45 Tageslöhnen pro Jahr im Unternehmen gezahlt werden. Die konservative Regierung reduzierte diese Abfindung auf 20 Tageslöhne und legte für die Zahlungen zudem eine neue Höchstdauer von 24 im Unterschied zu davor 41 Monaten fest.

Flexiblere Kündigungen

Lange unterteilte der Arbeitsmarkt in Spanien sich vor allem in zwei Fraktionen: Eine „Elite“ nahezu unkündbarer Festangestellter und Angerstellten, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelten. Die Einführung eines neuen, flexibleren Kündigungsrecht erlaubte 2012 erstmals auch das Aussprechen betriebsbedingter Kündigungen bei sinkenden Unternehmensumsatz.

Lockere Tarifverträge

Gleichzeitig wurden auch Gehälter variabler gestaltet. Unternehmen erhielten die Möglichkeit, in Absprache mit den Mitarbeitern Löhne und Arbeitszeiten individuell zu vereinbaren - ohne sich an die geltenden Tarifverträge halten zu müssen.

Bonus für junge Angestellte

Weil in Spanien besonders viele junge Menschen arbeitslos sind, zahlt der Staat Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern eine Prämie. Pro eingestelltem 16-30-Jährigen gibt es bis zu 3300 Euro, für Frauen im gleichen Alter bekommt die Firma sogar bis zu 3600 Euro.

Bonus für alte Angestellte

Besonders betroffen von der schlechten Wirtschaftslage sind auch die älteren Arbeitslosen. Die Regierung zahlt daher jedem Unternehmen, das einen über 45-jährigen Spanier einstellt, bis zu 3900 Euro (für Frauen bis zu 4500 Euro). Der neue Mitarbeiter muss in den 18 Monaten vor Vertragsbeginn jedoch mindestens zwölf Monate arbeitslos gewesen sein. 

Zeitverträge mit Limit

Befristete Verträge dürfen nur noch maximal zwei Jahre gelten und nicht mehr verlängert werden. Soll der Angestellte im Unternehmen bleiben, muss der Vertrag in einen unbefristeten umgewandelt werden.

Aus Sicht von Experten liegt das vor allem am rigiden Kündigungsschutz. Er sorgt dafür, dass Unternehmen mit Neueinstellungen extrem zögerlich sind. Durch die nun angestoßenen Reformen soll sich das ändern. Bis sich aber die Effekte der Reform zeigen, können viele Jahre vergehen. Auch die inzwischen hoch gelobten Agenda-Reformen in Deutschland führten zunächst zu einer steigenden Arbeitslosigkeit. Auf lange Sicht aber hat Deutschland von ihnen profitiert. Auch Spanien wird von seinen Arbeitsmarktreformen profitieren.

Mit Sparplänen verhält es sich ähnlich wie mit Diätplänen. Der schnellste Weg um seine Pfunde zu verlieren ist einfach: Man isst nichts mehr. Doch lange lässt sich diese Strategie nicht durchhalten. Fängt man wieder an zu essen, droht der so genannte JoJo-Effekt - und das Körpergewicht legt wieder kräftig zu. Deshalb halten es Diätexperten für effektiver, mehr Sport zu treiben. Mit wirtschaftlichen Strukturreformen ist es genauso: Sie wirken langfristiger. Deshalb ist Spanien auf dem richtigen Weg.

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Kommentare (21)

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Markus

27.04.2012, 12:54 Uhr

Ach, jetzt auf einmal? Ich kann mich erinnern das das Handelsblatt auch immer ganz vorne mit dabei war wenn es darum ging Spanien in die Pleite zu schreiben.

Schlaumeier

27.04.2012, 13:06 Uhr

Spanien hatte vor dem EURO dieselben schlechten Wirtschaftdaten wie jetzt. Dazwischen lag der Bauboom. Also was soll sich konkret und wodurch ändern? Diese Antwort finden man in keinem Bericht. Und diese konkrete Frage kann auch kein Politiker beantworten. Warum nicht? Die Antwort fällt nämlich böse aus. Es gehr weiter abwärts mit Spanien.

EU_NEIN_DANKE

27.04.2012, 13:15 Uhr

Der niederländische Rechnungshof kritisiert die Intransparenz des Euro-Rettungsschirms ESM

Warum erfahren wir nichts darüber bei Handelsblatt???

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/04/42098/

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