Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.07.2012

07:25 Uhr

Kommentar

Staaten vertragen sehr unterschiedliche Zinslast

VonFrank Wiebe

Nicht zu hohe Schulden, knappes Wachstum: Derzeit kann sich Deutschland locker nachhaltig finanzieren. Anders sieht es für die gesamte Euro-Zone und die USA aus. Ein Modell zeigt, wo die Staaten ansetzen müssen.

Deutschland profitiert von einem hohen Primärüberschuss. dpa

Deutschland profitiert von einem hohen Primärüberschuss.

Zurzeit geistern ständig Angaben darüber durch die Öffentlichkeit, wie hoch maximal die Rendite für öffentliche Anleihen steigen darf, damit ein Staat sie verkraften kann. Meist gelten sechs bis sieben Prozent als nicht mehr akzeptabel.

Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) wollte es genauer wissen und hat, basierend auf Angaben des Sachverständigenrats, errechnet, welchen Zinssatz ein Staat maximal vertragen könnte, ohne dass seine Verschuldung immer weiter steigen muss. Ausgangspunkt seiner Berechnung ist die Überlegung, dass die Schulden nicht stärker als das BIP wachsen sollten. Dann lässt sich aus den Wachstumsraten, der Schuldenquote und dem sogenannten Primärüberschuss oder -defizit (Überschuss/Defizit ohne Finanzierungskosten) errechnen, wie viel Zinsen der jeweilige Staat vertragen kann.

Korrigiert man die Ergebnisse des IDW noch um die aktuellen Inflationsraten, die in dem Modell nicht enthalten sind, so ergibt sich folgendes Ergebnis: Die Euro-Zone insgesamt könnte maximal 1,8 Prozent Kapitalmarktzins vertragen. Tatsächlich zahlt sie, wenn man die zehnjährigen Anleihen des Rettungsschirms EFSF als Maßstab nimmt, aber 2,5 Prozent. Hier besteht also eine Lücke, die Finanzierung ist nicht nachhaltig.

So viel kostet Europa

Rettungsfonds EFSM

Beim Rettungsfonds EFSM stehen 60 Milliarden Euro zu Buche. Der deutsche Anteil beträgt dabei 12 Milliarden Euro.

1. Rettungspaket für Griechenland (IWF und EU)

Griechenland erhielt durch das erste Rettungspaket 110 Milliarden Euro, 24 Milliarden davon kamen aus Deutschland.

Einlagensicherungsfonds (von Experten geschätzt)

Nach Schätzung der Citigroup müsste der von der EU-Kommission geforderte Einlagensicherungsfonds ein Volumen von 197 Milliarden Euro haben. Der deutsche Anteil läge dann bei bis zu 55 Milliarden Euro.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat Staatsanleihen für 209 Milliarden Euro eingekauft. Der Bund ist daran mit 57 Milliarden Euro, also mehr als einem Viertel, beteiligt.

IWF-Beitrag zu den Rettungspaketen

Der Internationale Währungsfonds zahlte 250 Milliarden Euro für die Rettungspakete. Deutschland gab dafür 15 Milliarden.

Geplanter ESM

Der dauerhafte Rettungsschirm soll ein Volumen von 700 Milliarden Euro haben. Deutschland wäre daran mit 190 Milliarden Euro beteiligt.

Bürgschaften im Rettungsfonds EFSF

Der Rettungsfonds bürgt mit 780 Milliarden, Deutschland allein mit 253 Milliarden Euro.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten liegen innerhalb des EZB-Verrechnungssystem bei 818 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil daran beträgt 349 Milliarden Euro.

Die USA bräuchten rechnerisch einen negativen Zins von 1,0 Prozent, um ihre Verschuldung in Grenzen zu halten, sie zahlen aber aktuell rund 1,5 Prozent, dort ist die Lücke also deutlich größer. Und für Großbritannien ergibt sich ein maximal nachhaltiger Zinssatz von minus 0,8 Prozent, gezahlt werden müssen ebenfalls aktuell rund plus 1,5 Prozent.

Deutschland etwa könnte nach dem um Inflation korrigierten Modell des IDW sogar Zinsen von 6,8 Prozent vertragen, Italien immerhin 2,6 Prozent, wovon das Land leider im Moment weit entfernt ist. Für Griechenland ergibt sich dagegen ein maximal verträglicher Zinssatz von minus 1,8 Prozent, für Spanien von minus 3,3 Prozent, gerechnet jeweils mit der Inflationsrate von 2,4 Prozent für den gesamten Euro-Raum.

Deutschland profitiert von einem hohen Primärüberschuss, einem noch knapp positiven Wachstum und einer nicht zu hohen Verschuldung. Italien leidet unter seiner Schuldenlast und profitiert von einem guten Primärüberschuss. Griechenland hat inzwischen sogar ebenfalls einen Primärüberschuss, ist aber hochverschuldet und steckt tief in der Rezession. Für Spanien kommt der bemerkenswert schlechte Wert durch einen negativen Primärüberschuss (also ein Defizit vor Finanzierungskosten) von 3,1 Prozent des BIP zustande.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

27.07.2012, 07:54 Uhr

"Deutschland etwa könnte nach dem um Inflation korrigierten Modell des IDW sogar Zinsen von 6,8 Prozent vertragen"

Und da feiert sich Schäuble dafür ab, dass er bei Minizinsen und hohen Steuereinnahmen nur noch wenig neue Schulden aufnehmen muss?

matze

27.07.2012, 09:23 Uhr

prima artikel und prima paper, dass hier zusamengefasst ist. und dies zahlen sind korrekt. problematisch sind nach wie vor die internen leistungsbilanzdefiziete in der eurozone, aber nach meiner kenntnis bauen diese sich ja auch scho teils durch die reforen ab!

Hermann.12

27.07.2012, 11:33 Uhr

Die Berechnung ist korrekt sagt aber letztlich nicht allzu viel aus.
Denn die Verschuldung ist leider so hoch, dass das Risiko, das der Primärüberschuss sinkt recht hoch ist.
Speziell Deutschlands Großindustrie fianziert ihren Absatz in erheblichen Maße über europäische Schulden. Es ist daher kein Zufall, dass mit zunehmenden finanzierungsproblemen in dne Südländern auch die deutsche Industrie anfängt zu schwächeln. Deshalb sind ja Bofinger und Co als Industrie und Gewerkschaftrslobbyisten so für den ESM.
Ob bei einer Beendigung des Kasinos Deutschland immer noch so hohe zinsen vertragen könnte, erscheint das zweifelhaft.
Das gefährliche an der Lage ist, dass die labile Lage sehr schnell exponentiale Effekte erzeugen kann. D.h. müßte die deutsche Großindustrie entlassen, sinkt der Primärüberschuss, die darauf folgende Arbeitslosigkeit senkt dann den Primärüberschuss zusätzlich.
So kann sich der so komfortabel aussehende Puffer ganz schnell in Luft auflösen.
Ich denke, das aus diesem Teufelskreislauf nur schwer zu entkommen ist. Da Inflationierung im Euro nur ohne Lohnausgleich möglich ohne die deutsche Wettbewerbsfähigkeit im EU Raum zu gefährden, würde dieser Weg voll zu Lasten der abhängig Beschäftigten gehen. Der Übergang zu einer neuen DM bringt unabsehbare Risiken mit sich, die bis zum Zusammenbruch führen könnten. weil das nicht kalkulierbar ist, will niemand diesen Weg empfehlen.
Bleibt nur eine ESM ähnliche Lösung, die die Altschulden vergemeinschaftet, aber einen wirksamen Deckel für die Zukunft beinhaltet und ohne die demokratischen Defizite des ESM auskommmt. Das aber hat bisher auch noch niemand glaubwürdig aufzeigen können.
Die bisherigen modelle unterliegen einem ähnlichen risiko, wie die Rückehr zur DM. Mit einem Unterschied die Rückkehr zur DM würde sofort die Folgen in Gang setzen, während das weiterwurschteln die Stunde der Wahrheit noch verzögert.

H.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×