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04.07.2012

19:09 Uhr

Kommentar

„Too big to fail“ vorerst weiter eine Bedrohung

VonRolf Benders

An die Testamente von neun global operierenden Großbanken knüpfen sich viele Hoffnungen. Doch ein Durchbruch sind sie nicht.

Ein Problem: Fällt eine Bank, wirkt sich das auf den Rest der Bankenlandschaft aus. Reuters

Ein Problem: Fällt eine Bank, wirkt sich das auf den Rest der Bankenlandschaft aus.

New YorkDie Politik auf beiden Seiten des Atlantik hat sich 2008/2009 entschieden, die Großbanken nicht aktiv zu zerlegen. Stattdessen hat man auf mehr Regulierung, dickere Kapitalpuffer und so genannte „Living Wills“ – Testamente – gesetzt, in denen die Banken eine Zerlegung ihrerselbst im Krisenfalle vorempfinden sollten.

Mit dieser Kombination soll verhindert werden, dass eine Bank ins Trudeln gerät und von den Steuerzahlern aufgefangen werden muss, weil ihr Umfallen ansonsten die Konjunktur in den Abgrund reist. Kurz, so soll das als „Too big to fail“ bezeichnete Phänomen beseitigt werden.

Notenbank-Korrespondent Rolf Benders

Notenbank-Korrespondent Rolf Benders

Neun Großbanken haben Anfang der Woche diese Testamente bei den US-Aufsehern eingereicht. Gestern wurde eine deutlich abgespeckte, um vertrauliche Details bereinigte Fassung der Öffentlichkeit präsentiert. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick eher enttäuschend.

Die teilweise bis zu über 40 Seiten langen Dokumente enthalten interessante Details darüber, wie die jeweilige Bank aufgebaut ist und wie sie sich selber sieht. Der Teil, in dem es ans Eingemachte geht, wo nämlich stehen soll, wie man das Institut nun auseinanderbauen kann, ist sehr kurz, arm an Details und in einigen Fällen schon fast beleidigend banal.

Bleibt dem Investor und Steuerzahler nur die Hoffnung, dass die den Aufsehern vorgelegte Fassung mehr Substanz enthält. Aber selbst wenn dem so sein sollte, bleibt es mehr als fraglich, ob die ganze Übung im Ernstfall wirklich etwas bringt. Denn die Vorgaben für Berechnungen sehen vor, dass eine einzelne Bank in Probleme gerät, die Märkte um sie herum aber voll funktionsfähig und die anderen Institute kerngesund sind.

Mit Verlaub gesagt: Das ist realitätsfern. Wenn ein Finanzgigant wie die Deutsche Bank oder JP Morgan in echte Probleme gerät, weiß oder ahnt das mit ziemlicher Sicherheit ganz schnell der ganze Markt. Denn Banken operieren ja nicht im luftleeren Raum. Jedes Geschäft hat eine Gegenpartei, die sofort weiß, wenn etwas schief gegangen ist. Da friert der Kapitalmarkt ein, bevor die Regulierer überhaupt wissen, dass etwas passiert.

Vermutlich haben die Aufseher nun, da die Banken ihre Testamente eingereicht haben, ein besseres Verständnis für das, was sie im Fall der Fälle tun müssen. Im besten Fall ist das im Krisenfall hilfreich. Im schlimmsten Fall ist es dann völlig wertlos.

„Too big to fail“ ist damit noch lange nicht Geschichte. Und diese Bedrohung wird uns noch lange begleiten.

Kommentare (7)

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Pequod

04.07.2012, 20:56 Uhr

Wenn die Banken so weiter machen wie bisher, dürften sich
diese selbst zerlegen, denn das Märchen der Systemrele-
vanz eines ''too big to fail'' hat sich schon längst,
wie man an der vorzeitigen Ausfertigung des ''Testa-
ments'' sehen kann, in ein ''too big to save'' gewan-
delt. Das schaffen nicht einmal mehrere Super-ESM-Ret-
tungsschirme, die der Steuerzahler zu finanzieren
hat.


murmur

05.07.2012, 07:21 Uhr

Man braucht keine 900 Seiten umfassenden Testamente um das Problem zu lösen. Ein einfaches Gesetz, das jedes Mitglied im Aufsichtsrat, Vorstand, und auch die Führungsriege der beurkundenden Beratungsunternehmen zwingend für 25 mal 25 Jahre hinter Schloss und Riegel bringt ist ausreichend. Verantwortung und Haftung werden so beeindruckend in eine Hand begeben.
murmur

matze

05.07.2012, 10:59 Uhr

herr benders, prima artikel. mein kompliment. sachlich im ton, hart und realistisch im argument. danke.

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