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11.08.2012

17:28 Uhr

Kommentar

Über das Risiko, zu viel zu wissen

VonFrank Wiebe

Was für die einzelne Bank gut ist, gefährdet die Branche insgesamt. Wenn Finanzhäuser ihre Risiken schnell erkennen und kommunizieren, ziehen sich viele gleichzeitig zurück. So bricht der Markt eher zusammen.

Die Bankentürme in der Innenstadt von Frankfurt am Main. dpa

Die Bankentürme in der Innenstadt von Frankfurt am Main.

Zwei kleine Mädchen am Nordseestrand: "Wer zuerst im Wasser ist!" ruft die eine und rennt los. Die andere läuft hinterher und prustet dann, weit abgeschlagen: "Ich spiel nicht mehr mit!"

Eine kluge Reaktion: schnell aussteigen, bevor man verliert. Bei Banken nennt man so etwas "Risikomanagement". Und mit diesem Thema beschäftigte sich auch meine Urlaubslektüre - kein guter Schwedenkrimi, aber dennoch ein teuflisch gutes Buch: "The Devil's Derivatives" von Nicholas Dunbar. Es handelt von der letzten Finanzkrise, dabei geht Dunbar weit mehr ins Detail und in die Tiefe als viele andere. Er zeichnet minutiös nach, welche Wirkung Finanzinnovationen, neue Buchführungsregeln und Vorschriften der Aufseher sowie mathematische Modelle in den letzten Jahren hatten.

Dabei zeigt sich ein Schema: Zunächst geht es bei diesen Innovationen darum, mehr Sicherheit und mehr Transparenz zu schaffen. Das ist Phase eins. In Phase zwei versuchen die einzelnen Banken schon, sich durch besonders geschickten Einsatz dieser Instrumente Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen. Und dann folgt in den meisten Geldhäusern Phase drei. In der wird der Sinn dieser Instrumente völlig verdreht: Aus Absicherung wird Spekulation und aus Transparenz ein Mittel zur Manipulation. Die Mathematik dient dann als Vorwand, noch mehr aufs Spiel zu setzen, und Bilanz- und Eigenkapitalregeln müssen als Begründung herhalten, Geschäft aus der Bilanz auszulagern. Im schlimmsten Fall verwandelt sich das gesamte Risikomanagement in ein "Profit-Center", soll also statt Sicherheit Rendite schaffen.

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Frank Wiebe

Frank Wiebe ist seit November 2012 Korrespondent in New York

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Bringen zusätzliche Instrumente zur Risikomessung und Transparenz tatsächlich mehr Sicherheit? Oder wird die Welt am Ende durch sie noch unsicherer?

Bei der Antwort muss man zunächst die Ebene des einzelnen Unternehmens und die des gesamten Systems unterscheiden. Die einzelne Bank oder der einzelne Versicherer dürfte häufig tatsächlich sicherer arbeiten, wenn die Risiken besser bekannt sind. Allerdings nur dann, wenn die Risikokultur intakt ist. Aber sobald die "Regenmacher", die Renditejäger, eines Geldhauses zu stark werden und die Risikomanager unterbuttern, ist diese Kultur nicht mehr in Ordnung. Der scheinbare Fortschritt kann also schon auf dieser Ebene ein Rückschritt sein.

Noch schlimmer sieht es auf der Ebene des gesamten Systems aus. Neulich meinte der Finanzvorstand einer Versicherung, die neuen Kapitalregeln für seine Branche seien in jedem Fall positiv, weil so jedes Unternehmen gezwungen sei, sich stärker mit den eigenen Risiken auseinanderzusetzen. Aber ist das wirklich ein Vorteil? Denken wir an die beiden Mädchen am Strand: Risikomanagement heißt, rechtzeitig auszusteigen. Wenn alle Finanzhäuser ihre Risiken sehr schnell erkennen und vielleicht sogar noch mit ähnlichen Modellen messen, dann rufen alle mehr oder minder gleichzeitig: "Ich spiele nicht mehr mit!" Und der Markt bricht zusammen. Genau das war in der letzten Finanzkrise schon zu beachten. Wären dagegen die Risiken intransparenter und die Methoden unvollkommener, dann würden sich angeschlagene Märkte wahrscheinlich später, aber auch langsamer zusammenfalten. Möglicherweise würde das im Endeffekt einen geringeren Schaden anrichten.

So landet man wieder bei der Erkenntnis: Alle Fortschritte bei der Risikobekämpfung dienen wahrscheinlich vor allem dazu, eine Krise zu verhindern, die ähnlich wie die letzte wäre. Aber vielleicht legen sie schon den Keim für eine ganz andere, noch komplexere Krise.

Kommentare (2)

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Gast44

11.08.2012, 20:56 Uhr

Zitat: "Dabei zeigt sich ein Schema: Zunächst geht es bei diesen Innovationen darum, mehr Sicherheit und mehr Transparenz zu schaffen. Das ist Phase eins."

Phase 1 hat es bei den Banken nie gegeben - es wurde immer mit Phase 2 begonnen.
Man braucht sich nur einmal mit dem Werdegang und dem Wirken von Blythe Masters beschäftigen, dann sieht man wie das Derivategeschäft läuft.

Hermann.12

12.08.2012, 12:45 Uhr

Doch Phase 1 war die Begründung für die ordnungspoltischen Weichenstellungen, die das ermöglichten.
Was Phase 2 angeht, so haben sowohl Banker als auch Politik naiverweise unterschätzt was Konkurrenzdruck letztlich bedeutet.
Konkurrenz ist eben nur so lange anstständig, wie Fairness einigermaßen gesichert bleibt.
Schafft man Regeln, die die Fairness allein vom persönlichen Anstand abhängig machen, schafft man einen Wettbewerbsvorteil für Diejenigen, die weniger Standvermögen oder weniger Skrupel haben.
Was zu einer Wettbewerbsituation führt, die immer mehr Skrupelosigkeit begünstigt und eben deshalb auch entsprechendes Personal an die Spitze bringt.
Letztlich ist deahalb die Hauptursache der Krise, dass die Eliten ihre eigene Anständigkeit masslos überschätzten und sich dem Risiko ihrer Anfälligkeit zu wenig bewusst waren (Problem der Eitelkeit, siehe Selbstdarstellung in Kapital etc. in den 90zigrer Jahren). Zusätzlich eine politische Elite, die zu dumm war, was anderes als das Gewünschte zu sehen und sich somit als Steigbügelhalter betätigte, weil es der billigste Ausweg aus staatshaushalterischen Klemme zu sein schien.

H.

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