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01.06.2012

14:51 Uhr

Kommentar

Und jetzt Europa, Herr Gauck!

VonRüdiger Scheidges

Die ersten Antrittsbesuche des neuen Bundespräsidenten hat Joachim Gauck souverän hinter sich gebracht. Mit gebotener Demut hat er Polen und Israel besucht. Jetzt ist es an der Zeit, dass er die Zukunft erkennt.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Für die Ortung der ersten Antrittsbesuche neuer deutscher Bundespräsidenten braucht man kein GPS-System. Sie folgen den stets gleichen tiefen Spuren, die Geschichte hinterlässt. Will sagen: die die deutschen Landser im Ersten und Zweiten Weltkrieg mit ihren Stiefeln in den europäischen Boden gestampft haben. Deshalb endet die Freiheit des deutschen Bundespräsidenten stets in angebrachter Demut an den Massengräbern, die die Deutschen bei den von ihnen vergewaltigten Nachbarn hinterlassen haben. Diese Kür in der Vergangenheit hat der neue Bundespräsident in souveräner Manier hinter sich gebracht: erst Polen, jetzt Israel.

Die Zukunft jedoch ist eine andere, offenere Geschichte. Sie beginnt im Jetzt der politisch Handelnden. Die Freiheit des Kontinents und seiner Einzelstaaten steht heute, anders als damals, längst nicht mehr zur Debatte. Ebenso wenig das deutsch-deutsche Verhältnis. Die Zukunft Europas ist weniger eine Frage der kalten oder heißen Konflikte als der Fähigkeit, dauerhaft Freundschaften zu schließen. Die Tatsache, dass das große Projekt Europa, diese gigantische Vision eines vereinten Kontinents, derzeit trübe schimmert, verweist weniger auf nationale oder nationalistische Verwerfungen als auf die ungleichen Geschwindigkeiten der politischen und sozialen Entwicklungen der Staaten, die den wirtschaftlichen Wettbewerb unterschiedlich bewältigen. Oder auch nicht.

Das kann, die Euro-Krise zeigt es, spaltend wirken und das auseinanderreißen, was zusammengehört. Wirtschaftliche und soziale Antagonismen führen zu nationaler Eifersüchtelei und Missgunst, wirtschaftliche Übermacht verführt zu schulmeisterlicher Überheblichkeit. Loyalität und Solidarität schwinden im Überlebenskampf. Das Europa der gleichberechtigten Vaterländer wandelt sich in ein Europa der Sanierungsprogramme der Starken für die Schwachen. Die Anti-Merkel-Ressentiments in Irland sind in Wahrheit, ähnlich wie in Griechenland, Anti-Deutschland-Ressentiments. Kümmert das jemanden hierzulande?

Genug Brisanz liegt da also in der Luft, sollte man meinen, damit der Präsident des wirtschaftlich mächtigsten Staates auf dem kleinen Kontinent darin ein überwältigendes Thema finden könnte, das es ihm erlaubte, sich neben die europäischen Chefarchitekten Jean Monnet, Robert Schuman und Konrad Adenauer zu stellen. Diese großen Väter der großen europäischen Vision fristen zurzeit ein eher schattiges Dasein in Europas Requisitenkammer. Reiner Zufall? Will Gauck das ändern?

Was den Merkels, Schäubles und Röslers nicht gelingt - im Schraubstock der Aktualität zwischen Hair-Cuts und Euro-Bonds -, nämlich das Einmalige der europäischen Idee hochzuhalten, müsste Ansporn genug sein - für Joachim Gauck. Das Versagen der Entscheider jedenfalls lässt die Bürger beim Thema Europa ohne Emphase, allein. Europa ist nur mehr Tal des Jammers, voller Schulden, fauler Nachbarn und arbeitsloser Jugendlicher. Das Bild von Europa, das die deutsche Politik tagtäglich ins Volk sendet, ist erbärmlich, traurig, unattraktiv, ist Brüssel ohne Spitzen. Entsprechend wendet sich das Publikum ab.

Das wird sich rächen. Freizügigkeit, Nachbarschaftlichkeit, Verzicht auf klaustrophobe Ressentiments und auf Waffengewalt als eingeübte politische Instrumente - alles, wofür Europa neben der Währungsunion und dem Gemeinsamen Markt noch steht, wird in der Öffentlichkeit nicht vermittelt, ist kein Thema. Bestenfalls ist es nichtreflektierter Alltag.

Aber wozu haben wir den Bundespräsidenten? Zumindest doch, um uns mit diesem überragenden Thema die Zukunft zu weisen, die Deutschen zu lehren, dass sie - jenseits des ökonomischen Eigeninteresses - Europäer sind, einst von Hellas und Rom zu Zivilisation, Kultur und Demokratie genötigt, und sich jetzt, da Gewinn und Fortschritt nicht pekuniär zu messen sind, als Bürger Europas zu bewähren haben. Der Bundespräsident hat sowohl die Berufung als auch die Freiheit des aufgeklärten Willens, das Land neu zu verorten. Nicht allein in der Vergangenheit, eher schon in der Zukunft.

Kommentare (7)

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Hagbard_Celine

01.06.2012, 15:13 Uhr

"Für die Ortung der ersten Antrittsbesuche neuer deutscher Bundespräsidenten braucht man kein GPS-System. Sie folgen den stets gleichen tiefen Spuren, die Geschichte hinterlässt. Will sagen: die die deutschen Landser im Ersten und Zweiten Weltkrieg mit ihren Stiefeln in den europäischen Boden gestampft haben."

Wer in Geschichtsbüchern lebt, sollte sich wenigstens eins besorgen mit mehr als 3 Seiten. Selbst die Polen haben einst Mockba besetzt, wer so etwas unterschlägt ist eine Witzfigur.

Hr. Gauck ist da gottseidank nicht so verklemmt wie viele andere. Ins eigene Nest zu scheixxxx gehört immer noch für viele zum guten Ton, für ihn nicht.

Der Mann vertritt in hochanständiger Art und Weise Deutschlands und Europas Interessen.


no_way

01.06.2012, 16:16 Uhr

So ein wirrer Artikel war auf diesem Medium schon lange nicht mehr zu lesen. Erst wird analysiert: "Die Anti-Merkel-Ressentiments in Irland sind in Wahrheit, ähnlich wie in Griechenland, Anti-Deutschland-Ressentiments", nur um ein paar Zeilen weiter zu kolportieren, dass Europa für "Verzicht auf klaustrophobe Ressentiments" steht. Na was denn nun?
Solch ein Konglomerat aus Wunschdenken und Zustandsbeschreibung entsteht, wenn Fantasten nach jahrelangem Selbstbetrug versuchen ihre Überzeugungen irgendwie in die aktuelle Nachrichtenlage einzuweben und dabei unbedingt Recht behalten wollen.

Der Euro war schon vor seiner Einführung tot. 155 Professoren versuchten 1992 und nochmals 1998 in Manifesten auf gravierende Konstruktionsfehler hinzuweisen und wurden dafür mehrheitlich von Politikern und Journalisten mitleidig belächelt. Jetzt bleibt nur noch die Augen-zu-und-durch-Methode.
Um dabei unliebsame Rechthaber gleich auf Distanz zu halten empfiehlt es sich, wie hier mustergültig geschehen, den Prolog des Artikels mit Landsern, stampfenden Stiefeln, vergewaltigten Nachbarn und angebrachter Demut an den Massengräbern zu schmücken. Das schafft Akzeptanz für die kommende, ehedem per Gesetz ausgeschlossene, Massenenteignung. Alles um des Friedens willen, versteht sich.

KRuck

01.06.2012, 16:27 Uhr

Sein nächstes Ziel sollte Griechenland sein. Am besten noch vor der Parlamentswahl. Seine Mission: die Ängste, Sorgen und Nöte der Griechen Ernst nehmen. Sonst nichts. Einfach nur das. Herr Gauck kann das.

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