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14.06.2013

17:31 Uhr

Kommentar

Warum der Economist daneben liegt

Die britische Zeitschrift analysiert Deutschland und bemängelt unsere mangelnde Führungsstärke. Sie liegt falsch, meint Oliver Stock.

Deutschland als zaudernde Macht, auf der Titelseite des Economist. Pressefoto

Deutschland als zaudernde Macht, auf der Titelseite des Economist.

DüsseldorfDiese Analyse vom Economist ist fantastisch. Sie hat nur einen Schönheitsfehler: Zanny Minton Beddoes hat die Deutschen vergessen. Sie hat auf uns geschaut, aber uns nicht gefragt. Wir Deutsche sind anders, als es viele um uns herum gerne hätten. Wir Deutsche haben die Regierung, die wir verdienen – im Guten wie im Schlechten. Wir haben sie gewählt und sind also mehrheitlich mit ihr einverstanden. Politisch gedacht heißt das: Es mag zwar bei Euch lieben Nachbarn den Wunsch nach einem anderen Deutschland geben, aber da machen wir nicht mit.

Wir - wir sind zähe Typen. Wir haben Ausdauer gelernt. Wir wissen, dass wir mit vielen kleinen Schritten eher ins Ziel einlaufen als mit Siebenmeilenstiefeln. Mit Visionen, wie sie die Siebenmeilen-Stiefelträger produzieren,  haben wir nämlich so unserer Erfahrungen gemacht. Und die waren immer schlecht. Sie haben zwar eine große Wirkung entfaltet, aber im Nachhinein betrachtet meistens nicht die, die beabsichtigt war.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Nein wir mögen Trippelschritte. Veränderung ist gut, Reformen sind wichtig und Fortschritt ist richtig, aber bitte so, dass wir ihn nicht zu sehr merken, während er passiert. Das stört nur. Wir betrachten den Fortschritt wie das Wachstum der deutschen Eiche, die vor unserem Fenster steht: Jeden Morgen schauen wir darauf und finden, sie sieht aus wie gestern. Das beruhigt uns ungemein. Nur wenn wir zehn Jahre nach sonst wohin auswandern und zurückkommen, staunen wir, wie groß sie geworden ist. Und dann sind wir stolz auf sie. So sind wir Deutschen. Behutsam im Umgang mit uns selbst.

So haben wir auch gelernt, dass Sparen eine gute Sache ist. Die Politik des billigen Geldes - Staatsanleiheaufkäufe, Liquiditätsspritzen, Dauerniedrigzinsen – führt andere pfeilgeschwind in die Pleite. Sie zieht auch unser Geld auf dem Sparbuch in Mitleidenschaft. Sie lässt unser in Lebensversicherungen investiertes Kapital dahinschmelzen wie den Schnee in der Sonne. Wir erleben auch bei uns den Vermögenstransfer vom Sparer zum Schuldner. Wir sparen uns arm - und das mögen wir gar nicht. Deswegen sind wir auch bei unseren Nachbarn gegen das Geldausgeben, wenn keines da ist.

Economist-Titel: „Die deutsche Sicht ist verzerrt und selbstgefällig“

Economist-Titel

„Die deutsche Sicht ist verzerrt und selbstgefällig“

Deutschland sollte mehr Führungsstärke in Europa zeigen, argumentiert die britische Wirtschaftszeitung „Economist“ in ihrer Titelgeschichte. Hierfür müsse es jedoch seine traditionellen Sichtweisen überwinden.

Wir setzen stattdessen auf Dinge, von denen wir etwas verstehen. Der Maschinenbau, die Chemie, ja das gehört dazu. Und das verkaufen wir lieber, als dass wir Geld verkaufen, wie es uns unsere Nachbarn nahelegen wollen. Wir schicken lieber ein ordentliches Auto in die Welt als ein Derivat, einen Kredit oder einen Hebel auf Optionsscheine. Dass die Chinesen uns dafür lieben, spricht übrigens für ihren guten Geschmack und weniger für unser unverschämtes Glück.

Und noch etwas: Wir Deutschen glauben, dass wir Fragen dort beantworten, wo sie gestellt werden. Dass wir Probleme dort lösen, wo sie auftauchen. Uns sind zentrale Aufmarschplätze der Macht zuwider. In der Vielfalt liegt die Kraft – wir hatten das zwischendurch einmal vergessen und unsere Nachbarn haben uns unter Schmerzen daran erinnern müssen.

Es ist komisch, wenn die, die uns daran erinnert haben, uns jetzt Führungsunlust vorwerfen. Unser Mut besteht darin, das Prinzip der Vielfalt und des Föderalismus zu verteidigen. Es ist langsam, langweilig und harmoniebedürftig, aber unglaublich erfolgreich. Wenn das alles selbstgefällig klingt – dann soll es das von mir aus.

Von

oli

Kommentare (19)

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getglobalized

14.06.2013, 18:13 Uhr

Ja klar, Zertifikate sind zwar von der Coba in Dtl. erfunden worden aber egal.

Es ist schön, dass Chinesen/Inder uns noch für unsere Maschinen lieben, aber das bleibt nicht ewig so. Denn vieles im Low/Mid Segment können die mittlerweile selbst.

Was wären wir ohne die großen Innovationen wie PCs/Internet/Smartphones incl. Amazon, Ebay aus den USA?? Nicht so weit, I believe.

What comes next Robots?? (check out Baxter for U.S. $3,40), die unsere fleißigen deutschen Eichen (oder sollte ich - im Internet Katzenbilder gucker-FB My Farm Spieler-und größtenteils mittlerweile auch Migranten-Facharbeiter sagen)ersetzen??

OMG, das Rad der Zeit dreht sich nun mal. Und seit dem Internet wohl so exponentiell wie noch nie.

I am totally excited what Obama and Angie will discuss next week. Time to get globalized!!

Buerger_ohne_Zensur

14.06.2013, 18:16 Uhr

Mein Gott was für ein braves erklärendes Kommentar...
Es geht nur um eins: Die City o.London will die deutsche Bonität frühstücken, nicht mehr und nicht weniger. Schöner Nebeneffekt: Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wird dabei sinken und kommt der deindustrialisierten Insel zugute.
Nicht mehr und nicht weniger steckt dahinter liebe Experten

BanksterGoHome

14.06.2013, 18:46 Uhr

Wo die Deindustrialisierung das Königreich hingebracht hat sieht man heute! Das Reich verkauft seine Werte an Oligarchen und Scheichs!

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