Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.07.2012

09:31 Uhr

Kommentar

Was bleibt ist ein Scherbenhaufen

VonCarsten Herz

GM-Boss Dan Akerson besucht Rüsselsheim - und hinterlässt bei der deutschen Konzerntochter ein Führungschaos. Das kann Opel gerade nur am wenigsten gebrauchen. Woanders dürfte die Selbstdemontage für Freude sorgen.

Carsten Herz ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt Pablo Castagnola

Carsten Herz ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt

Stellen Sie sich vor, Ihr Unternehmen steckt mitten im Überlebenskampf. Gerade haben Sie es geschafft, in harten Verhandlungen ein Sanierungspaket zu schnüren und einen Konflikt mit den Arbeitnehmern zu entschärfen - da kommt der Mutterkonzern, schmeißt den Vorstandschef raus, stürzt die Firma in ein Führungschaos und treibt die Mitarbeiter in neue Ängste. Gibt es nicht? Gibt es doch: So etwa hat sich gerade der abrupte Chefwechsel bei Opel, der deutschen Tochter des US-Riesen General Motors, abgespielt.

Treuherzig hatte der jetzt geschasste Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke noch Mitte vergangener Woche davon gesprochen, dass "unsere Mutter zu Recht ungeduldig mit uns ist". Zwei Tage später fegte diese Ungeduld ihn aus dem Amt. GM-Boss Dan Akerson war zu einem Blitzbesuch nach Rüsselsheim gekommen und hatte sich die jüngsten Zahlen zeigen lassen. Als er in den Wirtschaftsplänen eine Unterdeckung im dreistelligen Millionenbereich entdeckte, platzte ihm der Kragen. Der impulsive Konzernchef setzte Stracke kurzerhand vor die Tür - und ließ in Rüsselsheim einen Scherbenhaufen zurück.

Statt alle Kräfte auf eine wirtschaftliche Wende zu konzentrieren, zettelt GM ein Führungschaos an. Wie soll der Stracke-Nachfolger, der wohl Thomas Sedran heißen wird, die harten Gespräche mit der IG Metall über den Fortbestand der deutschen Werke führen, wenn angesichts der Kurzatmigkeit in Detroit niemand weiß, ob er Ende des Jahres noch im Chefsessel sitzt?

Dabei bräuchte Opel jetzt Beständigkeit. Wer arbeitet motiviert, wenn er ständig um seinen Job fürchten muss? Wer kauft schon ein Auto von einer Firma, die immer infrage gestellt wird? Seit Jahren schreckt das Hin und Her des Mutterkonzerns die Autokäufer ab - vor allem im wichtigsten europäischen Markt Deutschland. Die Folge: Der Marktanteil der Marke mit dem Blitz fiel in den ersten Monaten dieses Jahres im Heimatmarkt auf einen historischen Tiefstand.

Auch viele andere Hersteller wie Fiat, Ford und Peugeot leiden unter dem schwachen Markt. Aber kein Konzern steuert auf der Suche nach Lösungen einen solchen Crashkurs wie GM. Der Niedergang von Opel ist nicht nur Folge einer Branchenkrise. Er ist auch Folge von Managementversagen. Denn die Autoindustrie ist ein langfristiges Geschäft. Entwicklungszyklen dauern fünf bis sieben Jahre, erst dann fließen die investierten Milliarden zurück. Doch GM agiert in Europa überstürzt. Der US-Konzern will kurzfristige Erfolge sehen, um Anleger zu beeindrucken und den auf ein historisches Tief gesunkenen Aktienkurs wieder zu beflügeln.

VW-Patriarch Ferdinand Piëch darf sich die Hände reiben. Der Erzrivale mit dem Blitz im Emblem, der ihm Anfang der 90er-Jahre noch im Nacken saß, ist dabei, sich selbst zu demontieren. "Wir leben Autos", heißt der aktuelle Werbespruch von Opel. Doch die Wirklichkeit ist trauriger: "Wir leben Krise."

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Margit

16.07.2012, 10:09 Uhr

Wahrscheinlich wollte GM nur das Know-how abziehen als sie es vor ein paar Jahren dringend brauchten, um selbst zu überleben. Jetzt wird Opel Deutschland schrittweise dicht gemacht. Das habe ich in Solingen vor Jahren bei einem anderen Unternehmen erlebt. Erst wird das Know-how abgezogen und die Patente. Dann wird erzählt das man das Unternehmen weiterführen will, aber es geht halt immer schlechter. Und nach ein paar Jahren muss man das Unternehmen leider schließen. Ach was tat dies der neuen Mutter leid!!

Haustechniker

16.07.2012, 10:22 Uhr

Die Kriese bei Opel besteht schon seit Jahrzenten. Also ich vor über 20 Jahren als Verkäufer bei Opelhändlern gearbeitet habe, gab es eine Zulassungsunterschied von 1-2 % zwischen Opel und VW. VW schrieb noch rote Zahlen und war ohne das Land Niedersachsen nicht überlebensfähig, Opel machte damals Gewinne. Aber die Unzufriedenheit der Händler über die Produkte und die Qualität bestand schon damals. Motto war Hauptsache billig, was das Image nachhaltig kaputt machte, dazu das Führungschaos der letzten Jahre und die richtige Analyse im Artikel, so kann man auch eine sehr gute Firma über die Jahre gegen die Wand fahren. Hinzu kommt heute auch noch, das Imagestärkere Marken wie BMW und Daimler in die angestammten Märkte drängen und auch hier Marktanteile wegnehmen. So ist Opel auf dem Weg von Peugeot / Citroen mit allen negativen Konsequenzen.

Opelaner

16.07.2012, 10:27 Uhr

Als ehemaliger Opelhändler "durfte" ich den Niedergang seit Mitte der 90er Jahre hautnah miterleben - und bei jeder Negativmeldung redete ich mir selbst ein, dass jetzt der absolute Tiefpunkt erreicht sei. Doch es kam immer noch schlimmer.
Mittlerweile bin ich überzeugt dass die ehemals stolze Marke Opel abgewickelt werden soll und in spätestens 5 Geschichte sein wird.
Im Dezember hab ich nun meinen Laden dichtgemacht und schlafe seitdem wieder ruhig und tief. Und trotzdem tut es weh...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×