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07.04.2006

07:00 Uhr

Kommentar

Weit, so weit hinter der Zeit

VonBernd Ziesemer

Rote Fahnen und Trillerpfeifen, schrille Reden und Trommlerreihen. Nach Verdi zieht nun auch die IG Metall in einen verrückten Arbeitskampf.

Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer Quelle: Handelsblatt

Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer

Jürgen Peters packt die Schiebermütze aus, seine Funktionäre legen die Krawatten ab. Warnstreiks laufen an, und die Männer mit dem Megafon reden wieder Starkdeutsch. Man kennt die Parolen und eisernen Rituale, die Tradition und Gewerkschaftsmacht demonstrieren sollen, aber auf immer mehr normale Bürger wie Gespenstermärsche oder Mummenschanz wirken. Niemals zuvor lag über der Kraftmeierei der Tarifkämpfer in Deutschland ein so penetranter Geruch des Anachronismus wie heute. Erleben wir möglicherweise in diesen Wochen die letzten großen Flächenstreiks der deutschen Arbeiterbewegung?

Es könnte so kommen. Frank Bsirske treibt seine Verdi-Funktionäre nun schon seit neun Wochen durch den sinnlosesten Arbeitskampf der Nachkriegsgeschichte. Am Ende werden seine Streikkassen leer, seine Mitglieder enttäuscht, wird seine Organisation erschöpft und seine eigene Machtbasis zerbröckelt sein. Einen zweiten Verdi-Flächenstreik werden wir in Deutschland so schnell nicht wieder erleben – oder nur noch um den Preis einer völligen Marginalisierung der Gewerkschaft. Während Bsirskes Vorgänger in den 70er-Jahren noch die Republik in den Ausnahmezustand streiken und einen Kanzler stürzen konnten, schert sich die breite Öffentlichkeit in diesen Tagen kaum noch um das ganze Treiben. Verdi isoliert sich mit jedem Streiktag ein Stückchen mehr.

Natürlich kann die IG Metall ganz andere Bataillone in Marsch setzen als Verdi. In der Industrie drohen Milliardenverluste, wenn Peters einen längeren Streik in Nordrhein-Westfalen anzetteln sollte. Aber auch für die Metaller gilt, dass sie am Ende ähnlich wie die Gewerkschafter im öffentlichen Dienst vor einem Scherbenhaufen in der Öffentlichkeit stehen werden. Bis auf ein paar notorische Berufs- und politische Zwangssympathisanten finden sich kaum noch Unterstützer für einen Konfrontationskurs. Wie wollen Verdi und IG Metall beispielsweise den fünf Millionen Arbeitslosen in diesem Lande ihre Streikziele erklären?

Die Gewerkschaften sind auf dem besten Wege, ihre kulturelle Hegemonie in ihren eigenen Kernschichten zu verspielen. Ihre Deutungsmacht im gesellschaftspolitischen Diskurs haben sie längst eingebüßt. Der ökonomische Kinderglauben an die Segnungen der 35-Stunden-Woche und an die positiven Wachstumseffekte möglichst kräftiger Lohnerhöhungen ist an der Wirklichkeit zerschellt. Seitdem fehlt den Gewerkschaften jede überwölbende Strategie. Fast alles aus dem DGB wirkt in diesen Wochen nur noch weit, weit hinter der Zeit. Der linke Flügel von Verdi gibt sich mitunter wie die K-Sekten, denen wir in den 70er-Jahren an den Unis hinterherliefen.

Über diese Entwicklung kann auch die Wirtschaft nicht glücklich sein. Lange Zeit galten die deutschen Gewerkschaften im internationalen Vergleich als wesentlich vernünftiger als ihre Schwesterorganisationen. Auch diesen Standortvorteil verliert Deutschland leider allmählich.

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