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20.02.2014

22:30 Uhr

Kommentar

WhatsApp-Konzept ist alternativlos

VonAxel Postinett

Mit dem WhatsApp-Deal ist eine klare Botschaft verbunden: Insellösungen sind in Zeiten globaler Kommunikation zum Scheitern verurteilt. Während Apple das als erstes spüren könnte, bekommt ein Underdog eine zweite Chance.

Messenger-Dienst WhatsApp auf einem Smartphone: Global verbreitet. dpa

Messenger-Dienst WhatsApp auf einem Smartphone: Global verbreitet.

San FranciscoJetzt blühen sie wieder, die „WhatsApp-Alternative-Geschichten“. Lade doch dies, nutze doch das. Doch das ist alles Murks. Schaut man sich an, was da so feilgeboten wird, versteht man, dass die Autoren, und die Programmierer der Apps, eines komplett übersehen haben, was den Erfolg von WhatsApp ausmacht.

Es ist nicht nur der schnörkellose, pragmatische und werbefreie Auftritt. Egal ob gehypte Apps wie Threema aus der Schweiz, Surespot, Cryptochat, Silent Circle oder wie sie alle heißen, sie alle haben ein Problem: Sie laufen entweder nur auf Apple-Smartphones oder auf Android-Smartphones oder auf beiden. Das sollte reichen, ergibt eine oberflächliche Analyse. Immerhin haben die zusammen ja 96 Prozent Marktanteil. Aber es sind nur 96 Prozent vom Smartphonemarkt. Da fehlen noch 40 Prozent des gesamten Weltmarktes. Damit wird man einfach keine ernstzunehmende Alternative zur global verfügbaren Textmitteilung.

Was an WhatsApp Kopfschmerzen bereitet

Laxer Umgang mit Datenschutz

WhatsApp überträgt die Kontakte im Adressbuch auf seine Server in den USA – in Zeiten mächtiger Geheimdienste kein angenehmer Gedanke. Hinzu kommt: Durch die Offenlegung der Handynummern erfahren andere Leute, dass man die App nutzt – zumindest, wenn sie diese auch installiert haben und im Adressbuch stehen.

Zweifel an der Verschlüsselung

Lange wurden die WhatsApp-Nachrichten unverschlüsselt übertragen. Auch an der inzwischen eingesetzten Verschlüsselungstechnologie hegen Experten Zweifel.

Sicherheitsbedenken

Schon mehrfach stand Whatsapp wegen des laxen Umgangs mit Sicherheitsfragen in der Kritik – das betrifft nicht nur die Verschlüsselung. So konnten eine Zeit lang Whatsapp-Nutzerkonten relativ leicht gekapert werden. Nach Einschätzung einer Sicherheitsfirma kann auch der Bezahlprozess ausspioniert werden.

Soziale Kontrolle

Für jeden App-Nutzer ist einsehbar, wann die Kontakte das letzte Mal den Dienst genutzt haben. Es kommt vor, dass darüber Mütter kontrollieren, ob ihre Babysitter zu Hause noch wach sind – denn die verdaddeln die Zeit oft genug mit WhatsApp. Die App ermöglicht also eine gewisse soziale Kontrolle.

Undurchsichtige Firma

Über die Firma WhatsApp ist wenig bekannt, die Macher meiden die Öffentlichkeit weitgehend. Das stärkt nicht gerade das Vertrauen. Auch der Anfang 2014 angekündigte Verkauf an Facebook stößt auf Skepsis – das Soziale Netzwerk gilt nicht wenigen als Datenkrake.

WhatsApp dagegen unterstützt sechs Plattformen. Neben Android und iOS noch Windows Phone, Blackberry und Nokias einst führendes Symbian. Sogar Nokias antikes S40-Betriebssystem, ein in Entwicklungsländern immer noch weit verbreitetes Betriebssystem für Billig-Telefone, wird unterstützt. Damit wird die Lücke erheblich kleiner. Wer Familie oder Freunde in China, Indien, Brasilien, der Ukraine, in Afrika oder Russland hat, der hat keine Wahl. Er muss WhatsApp nutzen. Der gut gemeinte Rat „Kauf dir doch ein iPhone“, hilft da nicht weiter.

Das ist auch ein Grund, warum Facebook bereit ist, 19 Milliarden Dollar für WhatsApp zu zahlen. Der Zugang zu riesigen potenziellen Märkten, die praktisch nur darauf warten, entdeckt zu werden. Und Facebook segelt im Schlepptau direkt mit. Zuckerberg bekommt so all die Telefonnummern aus den Abermillionen Adressbüchern auf Handys und Smartphones, die in vier oder fünf Jahren entscheidend sein werden. Nicht umsonst weist er darauf hin, dass die App im Ausland beliebter ist als in den USA.

Axel Postinett berichtet für Handelsblatt Online aus dem Silicon Valley.

Axel Postinett berichtet für Handelsblatt Online aus dem Silicon Valley.

WhatsApp ist also nicht einfach ein Messenger. Es ist die klare Botschaft, dass Insellösungen im globalen Kommunikationsbereich zum Scheitern verurteilt sind. Reine Apple-iOS-Produkte werden die ersten sein, die über die Klinge springen werden. Ein wenig beachteter Underdog könnte dagegen noch einmal eine Chance haben: Blackberry’s BBM-Messenger. Er unterstützt mittlerweile Blackberry, iOS und Android. Aber die berechtigte Frage ist, ob das kanadische Unternehmen überhaupt noch in der Lage ist, schnell und entschlossen genug zu handeln. Blackberrys Messenger hat keine 80 Millionen Nutzer, WhatsApp hat 450 Millionen und jeden Tag kommen eine Million dazu.

Der Blackberry Messenger müsste als erstes als eigenständige Firma ausgegründet werden, um ein Zeichen zu setzen. Und zwar schnell. Denn die Zeit läuft aus, so wie für viele der anderen Anbieter auch.

Kommentare (3)

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IT-Noob

21.02.2014, 10:51 Uhr

Gegenfrage: Wie lange brauchen Entwickler die anderen Dienste für die anderen kompatibel zu machen? Denke bei gewisser Nachfrage geht das über Nacht.

KayM

21.02.2014, 12:07 Uhr

Sie haben Recht QA läuft auf mehr Platformen, deswegen trenne ich mich endlich von meinem Blackberry. Viber z.B: läuft im Gegensatz zu WA auf bis zu 5 meiner Geräte gleichzeitig, auch auf Tablet und Windows PC. Threema als zusätzliche Option ist wenigsten ansatzweise sicher.

Kommunikation mit Entwiclungsländern ist eher nicht mein Ding und wenn ich mir die Entwicklung so ansehe sind zumindest in Asien/Indien günstige (Andoid) Smartphones Standard.

Die Kommunikation mit Entwicklungs

KayM

21.02.2014, 12:49 Uhr

OK, wegen fehlender Vorschaufunktion: bitte unvollständigen letzten Satz ignorieren und Smartphones sind erst "demnächst" in China/Indien standard.

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