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26.01.2006

07:00 Uhr

Kommentar

Wir jähen Optimisten

VonBernd Ziesemer

Die deutsche Nörgelspirale, die wir an dieser Stelle so oft beklagt haben, dreht sich plötzlich nicht mehr so schnell. Fast wirkt die ganze Republik, als ob wir alle in der Silvesternacht kollektiv den guten Vorsatz gefasst hätten, einfach ein bisschen optimistischer zu sein. Das gilt vor allem für die deutsche Wirtschaft: Seit über elf Jahren waren die Geschäftserwartungen der deutschen Unternehmen nicht so gut wie heute, wie die neusten Zahlen des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen.

Für jede Volkswirtschaft gilt das Gleiche wie für ihre Unternehmen: Ohne Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten geht gar nichts. Die Binnenkonjunktur eines entwickelten Industrielandes folgt zum Teil einer Selffulfilling Prophecy: Die Wirtschaft wächst, wenn wir alle davon überzeugt sind, dass sie wachsen wird. Man muss nur in das Mutterland aller Optimisten, in die USA, schauen, wenn man diese Dynamik begreifen will. Entweder man begeistert sich hoch, oder man nörgelt sich selbst nach unten. Wenn immer mehr Deutsche diese Lektion begreifen, umso besser für uns.

Schon jetzt kann man die Prognose wagen: Psychologie spielt in diesem Jahr eine große Rolle. Natürlich stützen sich die Unternehmen in ihren optimistischen Prognosen auch auf realwirtschaftliche Entwicklungen. Die großen Konzerne greifen weltweit wieder an, wie in den letzten Tagen die Beispiele von BASF und Linde zeigen. Unsere Exporte boomen, die Investitionen ziehen an, einige Krisenbranchen berappeln sich. Nur: All diese „hard facts“ haben sich in den letzten 24 Monaten nicht so stark verändert, dass sie den jähen Optimismus in der Wirtschaft erklären könnten. Woraus man nur die Schlussfolgerung ziehen kann: Wir sollten das zarte Pflänzchen des Aufschwungs weder kaputt- noch uns selbst besoffen reden.

Wenn man die lange Zahlenreihe des Ifo-Geschäftsklima-Indexes betrachtet, fällt vor allem eines auf: Früher korrespondierte der Optimismus in der Industrie mit wesentlich höheren Wachstumszahlen als heute. Als die Geschäftserwartungen im November 1994 einen nur geringfügig höheren Stand erreicht hatten als heute, steuerte Deutschland auf ein Wachstum von 2,7 Prozent zu. 1995 erhöhte sich die Wirtschaftsleistung noch einmal um 1,9 Prozent. Heute erwarten wir bei allem Optimismus ein Wachstum von gerade einmal 1,5 Prozent. Sehr viel mehr ist bei dem äußerst beschränkten Wachstumspotenzial nicht drin, was wir mit jahrelanger Überregulierung und falscher Wirtschaftspolitik selbst zu verantworten haben.

Am besten würden wir unsere neue Gemütslage deshalb nutzen, wenn wir in diesem Jahr die Spielräume für ein höheres Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahren langsam und beharrlich erweitern würden, ohne das Land erneut in die Depression zu reden. Selbst in guten Jahren (wie 2006 eines werden könnte) reicht unser Wachstum leider nicht aus, um die Arbeitslosigkeit nachhaltig zu senken. Solange auf Veränderungen mit Angst vor Jobverlust reagiert wird, die dann auf dem Binnenmarkt lastet, wird sich keine Optimismusspirale in Gang setzen. Erst wenn wir mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance empfinden, kann man wirklich optimistisch sein für Deutschland.

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