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27.05.2012

11:31 Uhr

Kommentar

Wirtschaftswunder mit Schönheitsflecken

VonDieter Fockenbrock

Die Zahlen der deutschen Industrie wirken auf den ersten Blick makellos. Doch ein Vergleich mit Vorkrisenjahren zeigt: Die Unternehmen sind längst nicht so stark wie sie sein könnten. Und das Klima wird rauer.

Monteure in der Montagehalle des Windanlagenbauers Nordex in Rostock. dpa

Monteure in der Montagehalle des Windanlagenbauers Nordex in Rostock.

Wenn Arbeitgeber sich über Tariferhöhungen nahe fünf Prozent freuen, kann etwas nicht stimmen. Gut, die heimische Industrie verdient bestens, vor allem gemessen an der Konkurrenz in unseren europäischen Nachbarländern. Die Umsätze steigen, Exportquoten sowieso. Der Arbeitsmarkt wird von Monat zu Monat entlastet, weil die Wirtschaft alles, was halbwegs qualifiziert ist, begierig aufsaugt, um den Auftragsboom zu bewältigen. Gekrönt wird der Optimismus von gigantischen Zahlen. Allein die 30 führenden Konzerne des Deutschen Aktienindexes Dax haben im vergangenen Jahr 88 Milliarden Euro an Nettogewinn vor Steuern kassiert.

Da überrascht es nicht, wenn Arbeitgeber den lauten Forderungen von Gewerkschaften und den unüberhörbaren Signalen der Politik nachgeben und die Belegschaften angemessen an dem Erfolg beteiligen. Der große Schluck aus der Pulle ist aber einzig und allein damit zu rechtfertigen, dass die Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren weitgehend leer ausgegangen sind. Nachholbedarf also, dem die Unternehmen angesichts des wachsenden öffentlichen Drucks nicht widerstehen konnten.

Dieter Fockenbrock ist Chefkorrespondent für Unternehmen und Märkte. Pablo Castagnola

Dieter Fockenbrock ist Chefkorrespondent für Unternehmen und Märkte.

Der Blick auf die langfristige Gewinnentwicklung sagt allerdings: Der Wirtschaft geht es keineswegs so gut, wie es scheint. Auswertungen der Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young zufolge sind Deutschlands Top-Konzerne noch lange nicht wieder dort angekommen, wo sie vor der Finanzkrise standen. Im Jahr 2007 machten die Dax-30-Unternehmen fast zwanzig Milliarden Euro mehr Gewinn vor Steuern. Und das bei fast gleichem Umsatz. Kurzum: Die Rendite hat sich bei weitem nicht erholt. Vor fünf Jahren wäre der ideale Zeitpunkt für fünf Prozent Tarifplus gewesen, nicht heute.

Doch damals - wenn man für diesen kurzen Zeitraum schon den historischen Zeitrahmen wählen darf - , damals waren die Zeiten nicht danach, an Umverteilung zu denken. Im Gegenteil. Der Rausch, in den sich die Industrie weltweit gesteigert hatte und der an irrwitzigen Prämien abzulesen war, die für Übernahmen anderer Unternehmen gezahlt wurden, befriedigte weitgehend die Shareholder-Interessen. Aktienkurse erklommen Höchstmarken. Erst recht in Übernahmekämpfen, die in der Regel für Aktionäre der gekauften Gesellschaften mit einem satten Aufschlag endeten.

Kommentare (3)

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Steuerzahler

27.05.2012, 12:52 Uhr

Liebe Mitleser,
bitte verhindern Sie, dass der relative Wohlstand Deutschlands, den wir Arbeitnehmer durch Lohnverzicht erwirtschaft haben, in die Schuldensümpfe Südeuropas transferiert wird. Hier ist der Link zur Petition gegen den ESM:
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=24314

barheine

27.05.2012, 13:30 Uhr

Bitte nicht nur auf die DAX 30-Konzerne schielen. Der Wohlstand in diesem Land wird von den vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen erwirtschaftet. Und da stehen derzeit viele (auch wegen der Finanzkrise) erheblich unter Druck, und jetzt kommen auch noch die kräftigen Lohnerhöhungen. Es sei den fleißigen Arbeitnehmern ja gegönnt, aber es darf nicht an die Existenz eines Unternehmens gehen. Ich habe gerade erst wieder erlebt, wie ein langjähriger Kunde mit tollen, innovativen Produkten in die Insolvenz gerutscht ist.

Spartakus

28.05.2012, 03:16 Uhr

und es wird noch schlimmer wenn das ''eispiel Argentinien Schule macht. Als Grieche wünsche ich wir hätten es auch so gemacht!

- Argentinien verlangt seit Februar 2012 Importlizenzen für alle eingeführten Waren. Hinzu kommen weitere Verfahren zur Erteilung dieser Genehmigungen sowie die Vorgabe für Unternehmen, Ein- und Ausfuhren im Gleichgewicht zu halten. Betroffen davon sind vor allem Maschinen, Fahrzeuge, Kraftfahrzeugteile und Chemikalien. Das Exportvolumen der EU nach Argentinien betrug 2011 8,3 Mrd. Euro.

-https://www.juris.de/jportal/portal/page/homerl.psml?nid=jnachr-JUNA120501617&cmsuri=%2Fjuris%2Fde%2Fnachrichten%2Fzeigenachricht.jsp

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